Chip-Fertigung in Europa SEMI-Kongress in Brüssel verbindet Industrie und Politik

Die Erkenntnis, dass Europa in der Chipfertigung immer weiter hinter Asien und die USA zurückfällt, ist nicht neu. Was aber kann man tun, um die totale Abwanderung von Fertigung und als Konsequenz daraus auch des Designs zu verhindern? EU-Politiker und Industrie haben in Brüssel zwei Tage nach Lösungen gesucht.

Die Organisation SEMI (Semiconductor Equipment and Materials International) veranstaltete in Brüssel in diesem Jahr bereits ihr 5. Forum dieser Art. Insgesamt machten sich 200 Teilnehmer aus 29 Ländern auf den Weg in die EU-Hauptstadt, neben Industrievertretern auch Politiker, die sich mit dem Thema Wettbewerbsfähigkeit und Zukunftstechnologien befassen.

Der Präsident des europäischen SEMI-Ablegers, Heinz Kundert, kämpft mit seinen Mitgliedsfirmen schon seit Jahren vorbildlich für den Erhalt der Chip-Fertigung in Europa – bislang zieht jedoch die Karawane trotz diverser Förderungsprogramme wie ENIAC unaufhaltsam nach Asien weiter, wie die letzten ZVEI-Zahlen dokumentieren.

Hart ins Gericht mit der EU-Politik ging dann auch der erste Keynote-Sprecher, Prof. Gabriel Crean, der 2006 bis 2007 Berater des Präsidenten der EU-Komission, Jose Barroso, war. Er kritisierte, dass vier chinesische Solar-Panel-Hersteller „sogenannte Kredite“ in Höhe von 21 Mrd. Dollar bekamen, die diese dazu verwenden, Panels für den subventionierten europäischen Markt zu bauen. Wörtlich sage Crean: „Wir können nicht weitermachen, chinesische Solar-Panels zu subventionieren“.

Als nächstes nahm sich Crean die Bildungs-Politik vor: Dass es bei einem Mangel von 10000 Ingenieuren von der EU bislang keine Programme aufgesetzt wurden, erschließt sich ihm jedenfalls nicht.

Als letztes diskutierte Crean das sogenannte „Tal des Todes“ (siehe Bilderstrecke), den Weg von der Forschung zur Kommerzialisierung. Hier erwähnte er, dass Korea, China und die USA Forschung&Entwicklung in dieser Richtung fördern, mit den Ergebnissen Geld zu verdienen, während dies in Europa nur limitiert der Fall ist. Zur Elektronik sagte Crean nach seinem Vortrag, „wir können nicht weiter zum Selbstzweck forschen“.

Sein Fazit: Die Europäer müssen vieles besser machen, ansonsten werden sie abgehängt. Auf großen Widerspruch stieß Crean allerdings mit seiner These, man solle sich auf die Sicherung der existierenden Fertigung konzentrieren, statt auf 450-mm-Wafer zu setzen, die er in 12-14 Jahren in Europa sieht.

In seinem begeistert aufgenommenen Vortrag erklärte Luc van den Hove, CEO der pan-europäischen Forschungseinrichtung IMEC in Leuven/Belgien, dass jede Innovation in 5 bis 10 Jahren außerhalb Europas stattfinden würde, wenn man nicht wie das IMEC auf den 450-mm-Zug aufspringen würde. Er kritisierte Europa hart: Während die Chinesen in der Wertschöpfungskette immer weiter nach oben stiegen und US-Präsident Obama ausrief, „out-innovate the rest of the world“, arbeiten seiner Meinung nach die 27 EU-Staaten nicht effektiv zusammen. Gefordert sei eine einheitliche Vision und eine einheitliche Zielsetzung. Die Lösungsvorschläge von van den Hove: Es muß eine kritische Masse gebildet werden, d.h. Know-How muß in wenigen großen Clustern wie Silicon Saxony zusammengeführt werden.

Europa muss sich zudem nach seiner Ansicht für die besten Leute auf dieser Welt öffnen-Protektionismus macht keinen Sinn, wie das Beispiel Japan gezeigt hat. Die komplette Wertschöpfungskette der Industrie inklusive Fertigung muß abgebildt werden und last but not least es muß eine „Weltklasse-Infrastruktur“ bereitgestellt werden – incl. 450-mm-Fertigungslinie.

Wörtlich sagte van den Hove: „Wenn Europa nicht mit den Top-Leuten dieser Welt zusammenarbeitet, werden die Top-Leute ohne Europa zusammenarbeiten“.

Auch die EU-Förderungspolitik kritisierte der IMEC-CEO: heute gibt es viele Orte, die „sub-kritische Massen“ bilden und durch lokale Fördergelder unterstützt werden, die um kleine EU-Anteile ergänzt werden. Die Innovation stoppt damit an den Grenzen der einzelnen EU-Länder, so van den Hove weiter. Dies muß schnellstens geändert werden.

Seitens der europäischen Chip-Industrie traten Alain Astier, VP bei ST Microelectronics, und Rutger Wijburg, Senior VP von NXP auf – der deutsche Hersteller Infineon hatte leider keinen eigenen Sprecher geladen.

Wijburg sagte, er sei bereit, für „eine Chipfertigung in Europa zu kämpfen“, dazu müssten allerdings auch gleiche Wettbewerbsbedingungen weltweit herrschen – dies heisst, neben Subventionen müssten auch die Sozialsysteme angeglichen werden z.B. in Richtung von flexibleren Arbeitszeiten und geringeren Energiekosten. Auch der starke Euro sei nicht hilfreich. Sein Fazit, das auch vom Kollegen Astier geteilt wurde: „Alles, was Europa braucht, ist eine kosteneffiziente Möglichkeit der Fertigung“.

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SEMI Brussels Forum 2011

Das 5. SEMI-Forum in Brüssel besuchten 200 Teilnehmer aus 29 Ländern. Es führt Industrie und Politik zusammen und Lösungen aufzeigen, wie die europäische Chip-Industrie auch zukünftig wettbewerbsfähig bleibt.