Interview »Philipp Rösler sollte einmal eine Fab von Intel besuchen«

Während die Chip-Industrie in Asien Jahr für Jahr wächst und auch in den USA Programme angelaufen sind, diese zu stärken, droht in Europa die Abwanderung fortzuschreiten. Heinz Kundert, Europa-Chef des Branchenverbandes SEMI, erklärt was derzeit schief läuft und welche Wünsche er an eine Fee hätte.

Elektronik: Leider sehen wir in Europa immer noch unterschiedliche nationale Interessen innerhalb der Chip-Industrie. Was muss getan werden, damit Europa endlich an einem Strang zieht und was läuft heute diesbezüglich falsch?

Heinz Kundert: Redet man von Volumenherstellung bei Speicher- oder Logikchips mit neuster Technologie im Bereich 20nm und 300/450mm-Wafergröße, so kostet heute eine Fab zwischen 8-10 Milliarden Dollar. Es ist jedem klar, dass solche Summen durch einzelne Staaten wie auch individuelle Firmen alleine kaum mehr aufgebracht werden können. In Asien war es mitunter der Staat, der die Mikroelektronik gefördert hat. Das hat in den 80er Jahren in Japan angefangen und sich in Korea, Taiwan, China und Singapur bis zum heutigen Zeitpunkt fortgesetzt. Auch in den USA werden Chip-Fabriken direkt und/oder indirekt gefördert. Ein Beispiel sind Investitionen in Milliardenhöhe, welche letztes Jahr alleine im Raume New York State gesprochen wurden. Leider hängen Investitionsentscheide großer Chip-Hersteller immer an der Frage höchstmöglicher Förderung. Auf Europa bezogen heisst das in der Tat, dass es für ein Großprojekt die Unterstützung seitens der EU zusammen mit Mitgliedsländern sowie der Industrie braucht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein europäischer Chiphersteller alleine in der Lage und willig ist, eine solche Investition zu tätigen. Zudem ist die Konkurrenz in den USA und Asien gut positioniert, was die Sachlage noch schwieriger, aber nicht unmöglich macht. 

Ganz anders sieht es im Anlagenbau aus. Weltweit kommen 25% aller Anlagen und Komponenten zur Herstellung von Chips mit neuster Technologie aus Europa. Nicht nur ASML, der mittlerweile größte Anlagenbauer bei Halbleiter weltweit hat dazu beigetragen, sondern auch viele mittlere und kleine Anbieter, welche global konkurrenzfähig sind. Für solche Firmen ist es natürlich ein "Muss", 450-mm-kompatible Anlagen zu entwickeln und anzubieten. Deshalb ist es für sie wichtig, mit Forschungsinstitutionen wie IMEC oder Fraunhofer sowie Chip-Volumenherstellern zusammenzuarbeiten. Im zweiten Falle ist das natürlich schwieriger, falls es in Europa kein Chiphersteller geben würde, welcher in eine  450 mm Fertigung investiert. Dann sind Anlagenbauer gezwungen, sich Entwicklungspartnerschaften außerhalb Europas in den USA oder Asien zu suchen, was mit zusätzlichem Aufwand und erheblichem Know-how-Verlust für Europa verbunden sein kann. Vor allem für kleinere Firmen sehr problematisch. 

Die EU hat das Problem erkannt und es sind im Rahmen der KET Initiative (Key Enabling Technology) Bestrebungen im Gange, nicht nur die Forschung- und Entwicklung, sondern auch "large scale pilotproduction" zu fördern. Leider ist diese Erkenntnis in den einzelnen EU-Mitgliedsländern noch nicht vollkommen durchgedrungen. Da stehen immer noch Einzelinteressen im Vordergrund.

Obwohl Chips für die Zukunft unserer Gesellschaft essentiell sind, werden noch zahlreiche Altindustrien gefördert, während die Politik zusieht, wie insbesondere die Fertigung nach Asien abwandert. Warum erkennt die Politik die strategische Wichtigkeit der Chipindustrie z.B. für die Energiewende nicht und wie kann die Aufmerksamkeit dorthin gelenkt werden?

Es gibt praktisch keine Produkte mehr, welche keine Chips verwenden oder mit Hilfe von Mikrochips hergestellt werden. Dementsprechend ist die Mikroelektronik für den Erhalt der gesamten Industriellen Wertschöpfungskette unserer Industrie von größter Bedeutung. Der Anteil von Elektronik in einem Automobil, beispielsweise wird in den kommenden Jahren stetig ansteigen und bald die Marke von 30 % der Herstellungskosten übersteigen. Dabei ist die E-Mobilität noch nicht einmal eingerechnet. Gleiches gilt für die Kommunikations-, Medizin-, Maschinen- und weitere Sektoren, man darf deshalb Mikroelektronik nie isoliert betrachten.

Warum droht mit Abwanderung der Fertigung mittelfristig auch das Abwandern des Designs und wie viele Arbeitsplätze in Europa stehen Ihrer Meinung nach damit auf dem Spiel, wenn sich gegenüber dem Stand heute nichts ändert?

Es sind die Prozessanlagen- und Materialhersteller, welche die Nähe zu Chipfabriken suchen, um gemeinsam mit ihnen neue und kostengünstige Fertigungsprozesse im Nanobereich zu entwickeln. Falls nun weiter Chiphersteller ihre Produktion verlagern, werden auch die Anlagen- und Materialfirmen folgen. Unsere Berechnungen zeigen, dass rund 200.000-250.000 hochwertige Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen. Ein Beispiel ist die Mikrochipmontage, welche zum großen Teil schon verlagert ist. Die Folge davon war, dass auch die dazugehörigen Anlagen- und Materialherstellung nach Asien ausgelagert wurden.

Das IMEC fordert eine europäische 450-mm-Fab, was in der europäischen Chip-Industrie jedoch umstritten ist. Wie ist Ihre Sicht und wo müsste eine solche Fab idealerweise angesiedelt werden?

Ob sich eine 450-mm-Fab in Europa angesichts harter Konkurrenz aus USA und Asien rechnet ist eine berechtigte Frage. Ein "Grüne Wiese"-Projekt sehe ich nicht als realistisch. Hingegen haben Intel in Irland und Globalfoundries in Dresden nicht ausgeschlossen, in 450 mm zu investieren. Für Chiphersteller im Bereich "More than Moore" also anwendungspezifischen Mikrochchips für kleinere bis mittelgroße Märkte wie beispielsweise der Automobilsektor, wird 450 mm wohl auf absehbare Zeit kein Thema sein. Man sagt eh, dass es am Ende 5-7 Firmen weltweit sein werden, welche eine 450 mm Fab wirtschaftlich betreiben können.

Große Chipkonzerne wie Infineon und NXP fühlen sich durch Branchenverbände wie BITKOM oder ZVEI repräsentiert, die primär die Interessen der IT- und Elektroindustrie vertreten. Glauben Sie, dass diese Verbände politisch ausreichend die Interessen der Chip-Industrie vertreten können oder muss neben der SEMI, die ja die Fertigung vertritt, auch seitens des Designs ein eigener schlagkräftiger Verband gegründet werden?

Es gibt eher zu viel als zu wenig Verbände, welche diese Themen aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Es braucht vor allem  schlagkräftige Interessensvertreter innerhalb der verschiedenen Industriesektoren, welche die wichtigen Themen der betroffenen Firmen auf nationaler wie auch europäischer Eben vertreten. Dabei ist eine gute Zusammenarbeit unter den Verbänden innerhalb der gesamten Wertschöpfungskette wichtig.

Ein Verband ist die Stimme der Mitglieder. Im Falle von SEMI sind das 1.900 hochspezialisierte Mitgliedsfirmen aus dem Bereichen Anlagentechnik, Materialherstellung, Chipherstellung, Service und Logistik. Die Interessen dieser Firmen nachhaltig zu vertreten ist unsere Aufgabe.