Kommentar Noch ein Ausstieg von TI?

Frank Riemenschneider, Elektronik

Der Chiphersteller Texas Instruments erlebt einmal mehr turbulente Zeiten. Nach dem Verlassen des OMAP-Mobilprozessor-Geschäftes gibt es einen neuen Problemfall, der nach Ansicht des renommierten US-Analysten Linley Gwennap sogar zum Ausstieg aus dem gesamten Embedded-Prozessor-Markt führen könnte.

Bei diesem Problemfall handelt es sich um die DSPs. TI hatte 1983 mit dem TMS32010 den ersten diskreten DSP überhaupt entwickelt und baute seine Designs um die eigene DSP-Technologie auf. Bei ASSPs versäumten es die Texaner, zu den DSPs komplementäre Technologie zu entwickeln. Stattdessen lizensierte man CPU, GPU und andere IP-Blöcke von Dritten, was dazu führte, dass man sich nicht mehr differenzieren konnte und Designs an billigere Konkurrenzprodukte verlor.
Bei den Basisstationen nutzen heute fast 70 % TI-DSPs. TIs Problem ist, dass die OEMs zunehmend dazu übergehen, Single-Chip-Designs wie z.B. FPGAs mit integrierten DSP-Blöcken oder ASICs einzusetzen, um die Entwicklungskosten zu reduzieren und schneller am Markt zu sein. TI hat keinen Prozessor, der genug Rechenleistung für Makro-Basisstationen liefert, und verliert daher Marktanteile an Xilinx, Altera, Freescale und LSI.
Wie zuvor beim DSL-Geschäft (Verkauf an Infineon), dem Kabelmodem-Geschäft (Verkauf an Intel), OMAP (kein Käufer gefunden, daraufhin beendet) versuchte TI vergeblich, auch dieses Geschäft zu verkaufen. Als Folge will man sich auf kleine Funkzellen konzentrieren, die allerdings weniger als 5 % zum Gesamt-Basisstations-Markt beitragen. Nach der Akquise von National trägt TIs Analog-Geschäft dreimal mehr zum Gesamtumsatz bei als Embedded-Prozessoren. Dazu kommen noch deutlich höhere Margen (2013 26 % Analog vs. 7,5 % im Bereich Embedded, im gerade abgelaufenen Q1 2014 beträgt das Rendite-Verhältnis 27,1 % zu 7,9 %).
Kurzfristig wird TI sicherlich noch neue ARM- und DSP-Prozessoren entwickeln; die Frage ist, ob man damit die Profitabilität erreicht, die sich Investoren wünschen. Analyst Gwennap spekuliert jedenfalls schon einmal darauf, dass TI zukünftig nur noch neue Analog- und Mikrocontroller-Produkte entwickeln wird.
Bekanntlich hat man bereits 1100 Mitarbeiter im Bereich Embedded Processing abgebaut. In allen Regionen weltweit, also auch in TIs Europazentrale in Freising wurde das gesamte Produktmarketing zumindest für Embedded Processing eingestellt. Sylvain Gardet, ehemals „EMEA Embedded Processing Marketing Manager“ bei TI, wechselte am 1. Januar 2014 zu Konkurrent Freescale und Peter Peisker, ehemals „EMEA Director Embedded Processing“, ist seit neuestem als FAE-Manager tätig.
Die große Frage lautet: Wie will TI im Fall eines Ausstiegs die daraus resultierenden Umsatzeinbußen im Bereich Embedded kompensieren? Nach drei Jahren mit sinkenden Umsätzen in Folge bleibt abzuwarten, ob das blühende Analog-Geschäft diese Einbußen überkompensieren kann oder ob sich TI weiterhin auf einem Schrumpfkurs bewegen wird. Der für das Embedded-Processing weltweit verantwortliche TI-Manager Greg Delagi schrieb mir jedenfalls dazu: "We are and will continue to be an Analog and Embedded Processing company". So weit so gut. Ich kann mich allerdings gut an das Jahr 2011 erinnern, als mir in Dallas CEO Rich Templeton erklärte: "Wir beschlossen, unsere Investitionen voll auf OMAP und die damit verbundenen Kommunikations-Chips zu konzentrieren." Wir wir heute wissen, war ein Jahr später Schluß mit OMAP.
Am Ende wird in der schnelllebigen Chip-Industrie wie immer gelten: Time will tell.