Kommentar Neue Episode im Intrigantenstadl

Nach der letzten Hauptversammlung von Infineon glaubten viele Beobachter, dass sich der "Intrigantenstadl" erledigt hätte: Wachsende Umsätze, Quartalsgewinne, ausgelastete Fabs, Ende der Kurzarbeit und ein Aktienkurs, der sich seit den Penny-Stock-Zeiten mehr als verzehnfacht hat. Seit gestern ist klar, das das Campeon-Theater um eine Neuinzinierung reicher ist: Einer der Architekten des Aufschwungs, Finanzvorstand Dr. Marco Schröter, musste nach seiner internen Demontage den Hut nehmen.

Der gradlinige Macher aus dem Ruhrpott hat den Machtkampf gegen Peter Bauer, der gleichzeitig vom Vorstandssprecher zum Vorstandsvorsitzenden befördert wurde, verloren. Warum hatte Schröter trotz großer Erfolge keine Chance? Welche Auswirkungen gibt es auf das Unternehmen?

Für Peter Bauer persönlich hätte es nicht besser laufen können: Er wird vom Vorstandssprecher zum Vorstandsvorsitzenden befördert, zudem wird der Aufsichtsrat nach unseren Informationen schon im Herbst seinen eigentlich erst 2011 auslaufenden Vertrag vorzeitig um 5 Jahre verlängern – ein Vertrauensbeweis, nachdem Bauer Infineon zusammen mit seinem Finanzvorstand Dr. Marco Schröter aus einer tiefen Krise geführt hatte.

Zudem hat der Aufsichtsrat das schon länger schwelende Kompetenzgerangel zwischen Bauer und Schröter zu Gunsten Bauers entschieden: Er bekommt von Schröter die wichtigen Aufgaben Mergers & Acquisitions und strategische Unternehmensentwicklung, der demontierte Schröter nimmt seinen Hut und verlässt Infineon.

Unbestreitbar befindet sich Bauer auf dem Höhepunkt seiner Karriere, und das sah nicht immer so aus. Der nach außen hin immer diplomatisch auftretende Ingenieur Bauer wurde noch vor gut 2 Jahren mehr oder weniger von dem damaligen Aufsichtsratschef Max-Dietrich Kley demontiert, als dieser einen Nachfolger für den zuvor gefeuerten Wolfgang Ziebart suchte. Als sich kein externer Bewerber für diesen Job finden ließ, durfte Bauer, der seit der Gründung des Chipherstellers im Vorstand sitzt, anders als seine Vorgänger nur als Vorstandssprecher ran. Jedem war damals klar, dass Bauer nur eine Übergangslösung sein sollte.

In den folgenden Jahren hat Bauer zusammen mit Schröter Infineon erfolgreich saniert: Der Aktienkurs hat sich seit seinem Tiefststand mehr als verzehnfacht, man ist zurück im DAX, die Auftragsbücher und Fabs sind voll und Quartal für Quartal werden Überschüsse erwirtschaftet.

Unbestreitbar wurde die Zielstrebigkeit und auch der Machtwille Bauers unterschätzt. Dabei hatte er schon 2004 zusammen mit seinen Vorstandskollegen gegen den damaligen CEO Ulrich Schumacher geputscht. Das Ergebnis: Schumacher musste seinen Stuhl räumen. Im Vorfeld der Kampfabstimmung um den Einzug in den Infineon-Aufsichtsrat zwischen dem durch eine Schmiergeldaffäre vorbelasteten Ex-Siemens-Manager Klaus Wucherer und dem ZF-Vostand Willi Berchtold unterstützte Bauer Wucherer, der dann ja auch gewählt wurde.

Nicht nur Wucherer kommt von der früheren Konzernmutter. Der Aufsichtsrat rekrutiert sich zu großen Teilen aus dem früheren Siemens-Umfeld, Bauer und seine Vorstands-Kollegen Eul und Ploss, allesamt ebenfalls Ex-Siemens-Betriebsangehörige, besitzen somit in dem Gremium einflussreiche Verbündete, die Schröter als „Externer“ nicht hatte. Bauer wird zudem loyal von Eul und Ploss unterstützt. Deswegen hatte Schröter am Ende keine Chance in dem Machtkampf mit Bauer.

Dass Bauers Machtgewinn auf Kosten des CFO geht, weckt Erinnerungen an Schröters Vorgänger Rüdiger Günther, der schon nach wenigen Monaten gehen musste. Angeblich hatte Günther zu tief in der Vergangenheit gewühlt und Leichen ausgegraben, welche die Siemens-Seilschaften lieber unter der Erde belassen wollten. Infineon sagte seinerzeit, Günther habe nicht ins Unternehmen gepasst.

Schröter blieb nach seiner internen Demontage nichts anderes übrig, als abzutreten. Er habe sein Amt damals unter anderen Voraussetzungen und Zusagen angetreten, wird er von Vertrauten zitiert. Offiziell erfolgte die Trennung freilich „aufgrund unterschiedlicher Auffassungen über die künftige Geschäftspolitik des Unternehmens“.

Als der gradlinige, teilweise sehr selbstbewusst und burschikos auftretende 46jährige seinen Job in Neubiberg antrat, stand Infineon mit Schulden in Höhe von 915 Millionen Euro und der sich abzeichnenden Qimonda-Pleite mit dem Rücken zur Wand. Zusammen mit Bauer wurde das Sparprogramm IFX10+ aufgesetzt. Es folgten aus Sicht von Finanzexperten zwei Geniestreiche: Zuerst wurden Anleihen unter Nennwert zurückgekauft, dann folgte eine Kapitalerhöhung unter Zuhilfenahme des Finanzinvestors Apollo. Die Heuschrecke gab eine Garantieerklärung für den Bezug der Aktien ab und damit quasi auch für die Entschuldung des Unternehmens. Dies verstanden auch die Altaktionäre und somit überstieg die Nachfrage nach Infineon-Aktien alle Erwartungen. Im Ergebnis sammelte Infineon das Geld ein, Apollo bekam nur noch einen winzigen Rest und als Belohnung 20 Mio. und mit Manfred Puffer einen Aufsichtsrat.

Die Probleme mit Bauer und Schröter begannen beim Thema Dividendenzahlung und setzten sich bei der Frage um Zukäufe fort. Zum Höhepunkt der Finanzkrise wären für Infineon interesssante Geschäftsbereiche z.B. des Wettbewerbers NXP zu einem Spottpreis zu haben gewesen, mittlerweile ist der Aufschwung auch in Holland angekommen und der „Sweet-Spot“ für einen Kauf vorbei. Dem Macher Schröter waren die Entscheidungswege bei Infineon von Anfang an zu langsam, 2009 ließ er sich mit dem Satz „Eine 80-Prozent-Lösung sofort kann manchmal besser als eine 100-Prozent-Lösung viel später sein“ zitieren. Diese Mentalität ist Bauer und seinen Kollegen fremd. Wer in seinem Leben einmal in der Maschine Siemens gearbeitet hat, weiß warum.

Nach Schröters Abgang sind die alten Siemens-Macher wieder unter sich. Bauer, Eul und Ploss steht vermutlich eine stressfreie Zeit bevor, jedenfalls seitens des Aufsichtsrates. Dass der Übergangs-Vorsitzende Wucherer und seine Kollegen sich in Bauers Geschäft einmischen werden, wie dies in der Vergangenheit der Egozentriker Kley immer wieder tat, ist eher unwahrscheinlich. Die Frage nach dem neuen CFO bleibt freilich offen. Abgesehen von der neuen Verunsicherung der Finanzmärkte braucht ein Dax-Konzern wie Infineon, der sich Tag für Tag dem globalen Wettbewerb stellen muss, an seiner Spitze die besten Leute, die verfügbar sind. Mit Marco Schröter hat man nicht nur einen nachweislich hervorragenden Mann verloren, sondern angesichts der Art, wie seine Kompetenzen zurecht gestutzt werden sollten, sicher dafür gesorgt, dass die Suche nach einem Top-Mann als Nachfolger mehr als schwierig werden wird. Wie sagte mir heute Morgen am Telefon ein Personalberater: „Wer sich nach den Erfahrungen mit Günther und Schröter jetzt auf den CFO-Sessel bei Infineon setzt, muss schon eine gewisse masochistische Veranlagung haben“.