Berühren oder berührungslos? Intuitive Benutzerschnittstellen entwickeln

Gesten sind eine dem Menschen seit Urzeiten vertraute Form der Kommunikation. Bei der Bedienung elektronischer Geräte haben sie sich erst vor wenigen Jahren etabliert. Während sich bei der Bedienung berührungsempfindlicher Bildschirme bereits gewisse Konventionen gebildet haben, gilt es bei berührungslosen Systemen, dem Nutzer den Zugang so leicht wie möglich zu machen.

Gesten sind die wichtigsten, universellen Formen der nonverbalen Kommunikation. Ob es um einen Fingerzeig zur Wahl eines Objektes innerhalb einer Gruppe, um das Winken bei Begrüßung oder Abschied oder um das Krümmen der Finger geht, um eine Person zu sich zu bitten - Gesten spielen eine wichtige Rolle in der täglichen Interaktion mit anderen. Die Einführung von Benutzerschnittstellen hat den Umfang der Gesten erweitert. Hinzu kommt nun die Interaktion mit elektronischen Systemen, vor allem Smartphones. Die Technologie wurde damit massentauglich.

Im Gegensatz zum zwischenmenschlichen Austausch von Gesten kann die Mensch-Maschine-Interaktion nicht auf eine ethnologische Entwicklungsgeschichte von Tausenden von Jahren zurückgreifen. Für Entwickler von Benutzerschnittstellen ist dies eine Herausforderung.

Wenn ein Benutzer eine Geste verwendet oder eine Bewegung der Hände/Arme, um eine eindeutige Handlung auszudrücken - woher weiß die Maschine (Smartphone, Tablet oder Point-of-Sale-Einrichtung), wie sie darauf angemessen reagieren soll? Ist der Vorgang einfach replizierbar und werden wiederholbare Ergebnisse erzielt? Wie müssen Gesten gestaltet sein, damit sie intuitiv und einfach verstanden werden, anstatt Probleme zu verursachen? Wie minimiert ein Systementwickler den Lernaufwand des Anwenders, wenn neue Gesten anzuwenden sind?

Das „Aufziehen“ und „Zusammenziehen“ mit zwei Fingern zum Vergrößern und Verkleinern der Bilddarstellung ist heute eine der gängigsten Gesten bei Mobiltelefonen und Tablets. In der physikalischen Umgebung würde jemand beim Begriff „Zoom in“ ein Foto einfach näher zu sich heranziehen, um es zu betrachten. Je näher sich etwas befindet, desto einfacher lassen sich Details erkennen. Die Zoom-Geste ist allgegenwärtig und eine Voraussetzung beim Design moderner Berührungsbildschirme - was allerdings nicht immer der Fall war. Diese Funktion wurde dem Anwender auf subtile Weise vermittelt, und im Gegensatz zu anderen, weniger intuitiven Gesten ist sie nun alltäglich und gebräuchlich geworden.

Der Psychologe B.F. Skinner erläuterte die Begriffe Verhalten und Verhaltensverstärkung. Ein Stimulus, sei er negativ oder positiv, kann ein bestimmtes Verhalten fördern oder hemmen. Dieses Konzept lässt sich bei Benutzerschnittstellen und beim Erstellen von Gesten anwenden. Es ist eines der Gründe, warum die Wisch-Geste zum „Scrollen“ so intuitiv ist. Liest man ein Buch oder Magazin, ist die Handlung zum „Scrollen“ auf die nächste Seite identisch mit der, die man bei einem Gerät mit Berührungsbildschirm anwendet. Da das Gerät auf vorhersagbare Weise funktioniert, wird die Geste einfach erlernt. Dies ist ein Grund, warum Kleinkinder schnell und einfach mit Berührungsbildschirmen interagieren können: die Aktion und die Reaktion sind vorhersagbar und sofort ersichtlich - und das mit minimalem Lernaufwand.

Welche Gesten stoßen auf Akzeptanz?

Im Gegensatz zu aktuellen Touchscreen-Schnittstellen wurde das von Palm wieder abgekündigte Graffiti-Texteingabesystem des Palm Pilot Personal Digital Assistant (PDA) als revolutionäre Technologie empfunden. Das System war wesentlich genauer als damals führende Handschriftenerkennungssysteme und erlaubte eine relativ schnelle Texteingabe ohne Tastatur. Palm vereinfachte das Alphabet und die Zahlen in eine Reihe von Gesten, die einfach einzuprägen waren und vom PDA leicht erkannt wurden (Bild 1).

Das Hauptproblem mit Graffiti war, dass die Gesten auf eine bestimmte Art und Weise anfangen und enden mussten - und diese Methode musste erst erlernt werden. Jeder verkaufte Palm Pilot enthielt auch einen Spickzettel, der den Anwender daran erinnern sollte, wie die jeweiligen Buchstaben und Zahlen einzugeben sind, damit sie vom Palm Pilot erkannt wurden. Im Laufe der Zeit wurde Graffiti sehr beliebt, obwohl die Lernzyklen sehr komplex waren und für so manche Anwender ein Grund, sich von dieser Thematik wieder abzuwenden.

Im Gegensatz zu Palms Graffiti sind effiziente Gesten einfach zu merken und zu wiederholen, während sie gleichzeitig eine sinnvolle Funktion darstellen, die einer einfachen Taste überlegen ist. Die meisten modernen Mobiltelefone mit Touchscreen verwenden immer noch eine QWERTY-Tastatur zur Texteingabe anstelle eines gestengesteuerten Eingabesystems oder einer Handschriftenerkennung, da diese Techniken weniger effizient sind als die erprobte und bewährte Texteingabe über Tasten.