Kommentar Infineons Wireless-Geschäft: Verkauf an Intel oder Joint Venture mit Samsung?

Erstmals bestätigte Infineon offiziell die monatelangen Gerüchte, dass der Chiphersteller mit Interessenten über seine Wireless-Sparte spricht. So interessant ein Zukauf für Intel auch wäre, aus Infineon-Sicht macht eine ganz andere Option mehr Sinn: Eine Zusammenarbeit z.B. in Form eines Joint Ventures mit dem koreanischen Chip-Riesen Samsung.

Für viele Branchenkenner kamen die Gerüchte, dass Infineon die Absicht haben könnte, sein Wireless-Geschäft zu verkaufen, sehr überraschend. Nach dem Ende des damals fast einzigen und mit Abstand größten Kunden BenQSiemens wurden lange Zeit rote Zahlen geschrieben. Heute steht die Wireless-Sparte nach erfolgreicher Sanierung wirtschaftlich gut da: 2010 dürfte sie mehr als 1,2 Mrd. Euro Umsatz generieren, bei den Basisband-Chips belegt Infineon weltweit mit 10,7 % Marktanteil den vierten Platz und beliefert zudem alle wichtigen Handyhersteller von Apple über Nokia und Samsung bis zu LG.

Dennoch dürfte Infineon in spätestens zwei Jahren ein Problem haben: LTE. Die massive Werbekampagne des amerikanischen Providers Sprint zeigt, daß 4G kein Thema von morgen oder übermorgen ist, sondern schon heute Realität. Das HTC Evo 4G setzt dabei auf einen QSD8650-Prozessor von Qualcomm (für CDMA-Kompatibilität) und ein WiMAX-Basisband von Sequans. Obwohl Sprint massiv in WiMAX investiert, setzen die meisten Provider auf LTE. Erste LTE-Netzwerke werden noch 2010 in Schweden, Japan und den USA freigeschaltet. Schon 2013 erwarten Analysten den Verkauf von 55 Mio. LTE-Smapartphones, was einem Marktanteil von 10 % aller verkaufter Smartphones entspricht.

Infineon wird einen LTE-Chip nach eigenen Angaben nicht vor 2012 ausliefern können - vermutlich zu spät, um sich ein großes Kuchenstück abschneiden zu können. Man hat zwar mit dem SDR20 bereits einen 4G-Prozessor entwickelt, der mehrere SIMD-DSPs einsetzt, um WCDMA, LTE und weitere Protokolle in Firmware auszuführen. Leider ist er jedoch auf 5 MHz Kanalbandbreite limitiert (die führenden LTE-Produkte liefern 20 MHz) und nimmt im Vergleich viel zu viel Leistung auf. Ein neues Design mit mehr Hardware-Beschleunigern soll Abhilfe schaffen.

Insofern dürfte Infineon heute, Mitte 2010, den Sweet-Spot für einen Verkauf getroffen haben - mehr Geld als jetzt (nach alten BWL-Regeln ist dies ca. das 1,2fache des geschätzten Umsatzes, also 1,4 Mrd. Euro) dürfte man in näherer Zukunft nicht mehr bekommen.

Intel hat ein mindestens so großes Problem: Mit der neuen Atom-Prozessor-Generation Z6XX und seiner Moorestown-Plattform möchte man in den Smartphone-Markt eindringen und mit dem x86-kompatiblen Atom eine Art Mini-PC bereitstellen. Unglücklicherweise benötigt Moorestown heute jedoch 3 Chips für die Funktionen, die Qualcomm oder Marvell in nur einem Chip bereitstellen. Zudem müsste ein Handy-Hersteller heute, da Intel keine Komplettlösung anbieten kann, weitere Chips von 4 bis 6 Herstellern einkaufen, um ein typisches Smartphone aufzubauen (Bild oben).

Mit dem Infineon-Kauf könnte Intel die Situation schlagartig ändern (Bild oben rechts): Mit einem 32-nm-SoC, dass neben einer oder sogar zwei Atom-CPUs auch ein HSPA+-Basisband und Infineons integrierte Power-Management-Funktion enthält, würde man auf einmal in der ersten Liga mitspielen. Zudem entwickelt man ja ein Produkt unter dem Namen "Evans Peak", dass Bluetooth, FM, Wi-Fi und WiMAX vereint, womit man dann auch die letzten weißen Flecken in einem Smartphone-Design beseitigen könnte.

Bei 2G- und 3G-Geräten wäre man bestens aufgestellt. Nach Kauf der Wireless-Produktschiene von Agere liefert Infineon 2G-Prozessoren an Samsung und LG, die Nummern 2 und 3 im Handy-Markt (siehe Grafik). Samsung ist immer noch Infineons größter Kunde. Apples iPhone 3G nutzt Infineons X-Gold-616-Prozessor, ein abgestripptes HSPA-Basisband mit nur wenig Multimedia-Funktionalität und ohne Applikationsprozessor. Letztere werden ja auch nicht benötigt, da sie in Apples eigenem A4-Prozessor enthalten sind. In dem zukünftigen iPhone, das 2011 ausgeliefert werden wird, wird Infineons X-Gold-626-Chip zum Einsatz kommen.

Und was ist mit LTE? Hier kommt die letzte Aquisition von Intel ins Spiel: Mit Comsys hat man einen kleinen 4G-Hersteller gekauft, der bereits einen Prozessor für WiMAX entwickelt hat und dieses Design gerade auf LTE konvertiert. Zudem hat man von Palm mit David Bell den Manager abgeworben, der dort für für die Entwicklung von Palms Smartphone verantwortlich war und nun bei Intel Referenz-Designs für Atom-basierte Smartphones bauen soll.

So interessant der Zukauf für Intel wäre, für Infineon gibt es aus Sicht des Unternehmens eine noch interessantere Option, da man das Intel-Geld ja aktuell gar nicht braucht: Eine Zusammenarbeit z.B. in Form eines Joint Ventures mit Samsung nach dem Vorbild ST-Ericsson. Die Koreaner bauen ja nicht nur erfolgreich Smartphones, sondern auch Applikationsprozessoren auf Basis der ARM-Cores Cortex-A8 und zukünftig Cortex-A9. Zudem hat man die Fast14-Logik von Intrinsity lizensiert, um einen noch stromsparenden Prozessor (Codename "Hummingbird") entwickeln zu können.

Samsung dürfte ebenso wie Intel an den typischen Smartphone-Komponenten aus dem Hause Infineon interessiert sein, um mit diesen und den Speichern aus eigener Fertigung quasi ein Handy-Design aus einer Hand anbieten zu können. Für Infineon wäre es der logische Ausbau der Geschäftsbeziehung mit seinem besten Kunden, ohne diesen zukünftig immer lukrativeren Markt (2010 werden laut Analysten mehr als 260 Mio. Smartphone-Prozessoren ausgeliefert, 33 % mehr als 2009) aufgeben zu müssen. Zudem würde sich über ein Joint-Venture für Infineon auch das Problem lösen, ein ggf. zu kleiner Player am Markt zu sein, um langfristig überleben zu können. Das einzige - aber nicht vernachlässigbare Risiso - einer Zusammenarbeit dürfte in den völlig unterschiedlichen Firmenkulturen liegen - nicht nur in Japan, sondern auch in Korea warten hinreichend viele kulturell bedingte Fettnäpfchen.

Last but not least: Unternehmensnahe Kreise berichteten immer wieder, dass Vorstandssprecher Peter Bauer, dessen Beförderung zum Vorstandsvorsitzenden schon in der nächsten Aufsichtsratssitzung beschlossen werden soll, gegen einen Verkauf des Wireless-Geschäftes sei. Neben der Beförderung Bauers und einem neuen 5-Jahres-Vertrag steht angeblich auch eine Erweiterung seines Einflussbereiches auf der Tagesordnung, indem er die Zuständigkeit u.a. für die "strategische Unternehmensentwicklung" von CFO Marco Schröter - natürlich gegen dessen Willen - erben soll. Schröter soll sich schon länger in einem Machtkampf mit Bauer befinden und auch noch den Bereich Investor Relations - die Kommunikation mit Investoren - aus der Hand geben.

Infineon musste eine offizielle Meldung über die Gespräche mit Interessenten rausgeben, da das Börsengesetz dies verlangt, wenn die Wahrscheinlichkeit für eine Transaktion 50 % übersteigt. Es wird deshalb in naher Zukunft eine Vollzugsmeldung geben, ob diese allerdings  "Verkauf an Intel" lautet? Ich habe große Zweifel.