Kommentar: Wie absurd reagiert die Börse? Infineon-Aktie stürzt wegen Linear Technology ab

Der Chip-Hersteller soll bei Chip-Karten Preisabsprachen getroffen haben und ist deswegen von der EU-Kommission verurteilt worden.

Die schlechten Quartalszahlen des Analog-Chip-Herstellers Linear Technology haben die Aktie von Infineon nach unten gezogen. Mit einem Minus von 6,34 Prozent auf 10,49 Euro rutschte der Halbleiterhersteller an das Dax-Ende. Die Frage ist: Wie absurd reagiert die Börse auf Zusammenhänge, wo es keine gibt?

Um mehr als 800 Mio. Euro sank Infineons Marktkapitalisierung innerhalb von nur einem Tag. Grund war nicht etwa ein Liebesentzug von Bundeskanzlerin Merkel für CEO Ploss, das Abbrennen der 300-mm-Dünnschicht-Wafer-Fab in Dresden oder ein angekündigter Massenstreik für die nächsten 3 Monate, nein, die Börsen-Händler verwiesen lediglich auf ein Statement von Linear Technologys CEO Lothar Meier, in welchem von einer stark eingebrochen Nachfrage im Kernsegment Industrie die Rede war und welches Anleger nachbörslich mit einem Minus von 6,34 Prozent bei den Papieren des Halbleiterherstellers aus dem Silicon Valley quittierten.

Der Umsatzausblick des vor allem im Industrie- und PC-Markt starken Konkurrenten habe Sorgen vor den anstehenden Zahlen von Infineon hervorgerufen, sagte ein Händler. Und das trotz des Rückenwinds von der Währungsseite. Hinzu kämen Sorgen um die Autobranche.

Wie sieht es bei Linear denn nun wirklich aus? Hier ein Zitat aus dem aktuellen Geschäftsbericht:

„Quarterly revenues of $379.5 million for the fourth quarter of fiscal year 2015 increased $14.1 million or 3.8% over $ 365.4 million reported in the fourth quarter of fiscal year 2014 and increased $7.5 million or 2.0% over the previous quarter's revenue of $372.0 million.“

Der Aktienkurs stürzte nicht etwa wegen tatsächlicher schlechter Zahlen ab, sondern wegen einer vergleichsweise pessimistischen Prognose für das Folgequartal. Allerdings sagte CEO Lothar Meier auch: „We are optimistic that this will be a short cycle and that this is temporary weakness experienced while our customers react to global uncertainties and adjust their inventories to match their cautiousness and end customer demand. Design activity remains robust and we see many opportunities where new, innovative products require our innovative analog solutions.”

Schon die Frage, ob es mit Umsatzrendite-König Linear (diese liegt weiterhin unfassbar hoch über 40 %) denn wirklich bergab gehen sollte, ist auf Grund dieses Statements zweifelhaft. Noch abstruser mutet allerdings der Absturz der Infineon-Aktie an, da es hinsichtlich der Geschäftsentwicklung beider Firmen in der Vergangenheit – betrachtet man die Bilanzen der letzten 7 Jahre – nicht wirklich einen Zusammenhang zu geben scheint.

Alleine die Tatsache, dass Linear fast ein Drittel seines Umsatzes in den USA macht und ebenfalls fast ein Drittel seiner Produkte an den Distributor Arrow verkauft, müsste einen analytisch denkenden Menschen zum Grübeln bringen, wenn man denn schon nicht die vollkommen unterschiedlichen Produktpaletten für nichteinmal deckungsgleiche Märkte in Betracht ziehen möchte.

Das Ganze erinnert mich mehr oder weniger an den Herbst 2014, als Microchips CEO Steve Sanghi auf Grund einer enttäuschenden Quartalsbilanz eine Marktschwäche herbeireden wollte. Wenige Tage nach Sanghis Statement päsentierten Texas Instruments, Intel und andere gute bis sehr gute Zahlen.

Bevor ich heute morgen diesen Kommentar geschrieben habe, habe ich auf jeden Fall erst einmal Infineon-Aktien gekauft. Ich glaube, die Gelegenheit ist günstig – den Börsianern und ihren manchmal seltsamen Theorien sei Dank.