Interview mit Yoshikazu Yokota, Executive Vice President Renesas Electronics "Hardware-Sicherheitsfunktionen auf Geräteebene lassen einiges zu wünschen übrig"

Executive Vice President Yoshikazu Yokota (Mitte) mit seinen Mitarbeitern Akira Denda und Masahiko Kashimura, die er zum Elektronik-Interview mitbrachte.
Executive Vice President Yoshikazu Yokota (Mitte) mit seinen Mitarbeitern Akira Denda und Masahiko Kashimura, die er zum Elektronik-Interview in Renesas' Firmenzentrale in Tokio mitbrachte.

Im Rahmen seiner Restrukturierung hat Renesas sein Geschäft in nur noch zwei Geschäftsbereichen zusammengefasst. Eine dieser mächtigen Einheiten ist für das Industrie-Geschäft zuständig und wird von Yoshikazu Yokota geleitet. Im Exklusiv-Interview mit der Elektronik erklärte er die Vorteile der Reorganisation, das Internet der Dinge und die "Smart-Factory".

Elektronik: Seit 1. Dezember 2013 haben zwei neue “Solution Unit” genannte Einheiten die ehemaligen Produkt-Bereiche MCU, SoC und Analog&Power abgelöst. Sie leiten die Einheit, die sich u.a. um das Industrie-Geschäft und Home-Elektronik kümmert und haben die Aufgabe „Enhance product mix focusing on profit and optimized solution offerings to customers“. Was konkret sind für die Kunden die Vorteile der Reorganisation?

Yoshikazu Yokota: Zieht ein Kunde eine Lösung in Betracht, so ist es zunächst einmal nicht mehr erforderlich, unterschiedliche individuelle Lösungen für jedes Produkt anzubieten. Dies verringert den Zeitbedarf und den Arbeitsaufwand für den Kunden ganz erheblich. Konnte in der Vergangenheit kein Gesamtsystem angeboten werden, sah man sich auf Bausteinebene einem großen Preisdruck ausgesetzt. Durch unsere künftige lösungsorientierte Ausrichtung wird dies in Zukunft vermieden.

Sie sagen: “Foster strong ties with market and customers with market-oriented approach” - Können Sie erklären, wie Sie diesen Ansatz konkret in Ihrer Geschäftseinheit umgesetzt haben? Was hat sich von “Renesas alt” zu “Renesas neu” verändert?

Im ersten Schritt begannen wir mit der Reorganisation unserer Geschäftsbereiche. Ziel dabei war die Umstellung von einer produktorientierten Struktur, in der wir Bauteile an Kunden lieferten, zu einer anwendungsorientierten Struktur mit Fokus auf die Kunden- und Marktperspektive. Um den Mehrwert für unsere Kunden zu erhöhen, konzentrieren wir uns nun darauf, die beste Lösung für jede Anwendung in Form eines Kits oder einer Plattform zu liefern.

Im nächsten Schritt folgte der Umbau der Geschäftsorganisation. Bisher waren Geschäftseinheiten und regionale Unternehmenszentralen nach Produkten definiert. Seit 1. Dezember letzten Jahres haben wir diese nach Produktbereichen und Zielanwendungen reorganisiert. Unsere Organisation ist daher heute entsprechend den vier Bereichen Automotive Control, Automotive Infotainment, Industrie- und Unterhaltungselektronik und OA/ICT (Büroautomatisierung / Informations- & Kommunikationstechnik) gegliedert. Hierzu kommt noch ein neuer fünfter für General-Purpose-Produkte für Kunden in Schwellenländern, ein Bereich, auf dem unser Unternehmen bisher wenig vertreten war.

Eine weitere Aussage lautet: “Facilitate rapid decision-making and business activities”. Auch hier die Frage: Inwieweit haben sich die internen Prozesse in Ihrer Geschäftseinheit von “Renesas alt” zu “Renesas neu” verändert?

Um allem voran unsere Entscheidungsprozesse sowie alle anderen Aktivitäten zu beschleunigen, wir setzen künftig auf mehr organisatorische Autonomie. Wir haben profitorientierte Initiativen in den Fertigungs- und Vertriebsbereichen eingeführt, die bisher keine Profit-Verantwortlichkeit hatten. Darüber hinaus haben wir unsere Fertigungsstätten in Bezug auf die Fertigungslinien reorganisiert und je ein Frontend- sowie ein Backend-Fertigungsgesellschaften geschaffen. Zudem wurde das Management pro Gesellschaft zusammengeführt.

Als Folge dieser Maßnahmen konnten wir die Zeit vom strategischen Planungsprozess im Markt bis hin zur Lösungsentwicklung unternehmensweit verkürzen und die Wertschöpfungskette von Wareneingang bis Warenausgang verbessern. Mit Einführung individueller Gewinn- und Verlust-Verantwortlichkeiten für Vertrieb, Entwicklung und Produktion gibt es auch mehr Entscheidungsmöglichkeiten innerhalb der Abteilungen.

In den Geschäftsbereichen werden Entscheidungen nicht mehr auf der Basis einzelner Produkte und einzelner Kunden getroffen, sondern jetzt unter Berücksichtigung der Marktsituation jeder Anwendung, der Konkurrenzsituation und der Kundensituation gefällt. Dies ermöglicht eine schnellere Strategieentwicklung.

Diese Reform ist noch in vollem Gange. Erste Ergebnisse werden sich in allernächster Zukunft zeigen.

Sie haben Ihre Angebote in drei Teile “Device Solution”, “Kit Solution” und “Platform Solution” aufgeteilt. Wo liegt bei der „Device Solution“ der Mehrwert eines Renesas-Produktes gegenüber dem Wettbewerb (außer einem günstigen Preis)?

Der Mehrwert für unsere Kunden besteht zunächst einmal darin, dass wir kontinuierlich modernste Produkte anbieten können, deren Funktionsumfang, Leistung und Qualität wir laufend verbessern. Zudem entwickeln wir MCUs, die bereits bestehende, vom Kunden entwickelte Software nutzen. Damit können wir Produkte anbieten, die sich unabhängig von der CPU-Architektur optimal für eine bestimmte Anwendung eignen. Ein weiterer Mehrwert liegt darin, dass wir in der Lage sind, eine Softwareentwicklungsumgebung und -Unterstützung auf höchstem Niveau zu gewährleisten. Und schließlich sind wir stolz auf eine nachweislich stabile Lieferfähigkeit dank eines kompetenten Fab-Managements.

Bei SoCs und ASICs liegt der Mehrwert für die Kunden in der Design-Kompetenz unseres Unternehmens, mit der wir äußerst effiziente Bauteile erstellen, die die Anforderungen unserer Kunden auf Systemebene erfüllen. Da Renesas zudem Analog- und Power-Produkte fertigt, bieten wir zum Beispiel auch einzigartige Produkte wie etwa MCUs mit integrierten Analogfunktionen an.

Wo liegt zukünftig die Differenzierung auch unter Berücksichtung der Nutzung von Foundries statt eigener Fabs?

Als Teil der oben bereits angeführten Mehrwertargumente planen wir auch weiterhin, kontinuierlich unsere Produkte in Bereichen zu verbessern, die nicht direkt mit dem Silizium verbunden sind. Wäre es außerdem nötig, aus Kundensicht zu differenzieren, dann könnten wir unsere Technologie an die Foundry übertragen oder gemeinsam mit der Foundry entwickeln. So würden wir das gleiche Maß an Differenzierung wie bei unserer hausinternen Produktion erzielen. Ein Beispiel für dieses Vorgehen ist die Fertigung einer offenen Plattform bei TSMC für die eFlash-Technologie der 40-nm-Generation. Nimmt man das oben erwähnte SoC-Design als Beispiel, dann sind wir überzeugt davon, dass unsere Design-Kompetenz im Bereich Stromverbrauch und Layout-Flächenbedarf sogar bei Designs der gleichen Generation die anderer Unternehmen übertreffen.

Bei der “Kit Solution” soll der Kunde für einen größeren Integrationsgrad und System-Know-How bezahlen – das ist auch die Strategie Ihres Wettbewerbs. Auch hier die Frage: Wo liegt die Differenzierung?

Wir konzentrieren uns darauf, unseren Beitrag für eine benutzerfreundliche und gut abgesicherte Smart Society zu leisten. Hierzu bieten wir unseren Kunden unsere Expertise in den Bereichen Vernetzung, Steuerung, Sicherheit und Security – ein Baustein unserer nachweislichen Erfolgsbilanz. Bei Produktbereichen außerhalb des Automotive-Sektors werden wir Lösungen für die Umrichter-Motorsteuerung, Smart Metering, die Überwachung von Lithium-Ionen Batterien sowie für Netzwerkspeicher und Ähnliches anbieten. Weitere, für die Zukunft geplante Projekte sind eine Treiber-Steuerung für Industrieautomatisierung und ein Medizintechnik-Kit. Dennoch werden wir nicht für alle Anwendungen eine Kit-Lösung bereitstellen, da diese nicht für alle Applikationen einen Mehrwert für Kunden bieten.

Bei der “Platfom Solution” gehen viele Ihrer Mitbewerber von proprietären Lösungen zu Standardarchitekturen wie ARM über, u.a. um an dem großen Eco-System partizipieren zu können. Renesas hat ebenfalls Standardangebote aber auch proprietäre Architekturen – gibt es da nicht einen natürlichen Nachteil beim Eco-System (Kosten, Umfang des Angebotes)?

In einem anwendungsorientierten Geschäft ist die CPU-Architektur kein Wert an sich. Hier geht es vielmehr um die Auswahl der optimalen Architektur für eine bestimmte Anwendung. Folgt man dieser Logik, so könnte man am Ende beide Architekturen nutzen, und dies könnte in der Tat zu Überschneidungsproblemen in der Entwicklung führen. In der Praxis allerdings ist das Ausmaß der durch Unterschiede bei CPU-Architekturen bedingten zusätzlichen Entwicklungsprozesse ziemlich gering, und führt zu keinerlei Problemen.

Beim Industriegeschäft wird es ebenso wie bei der Home-Elektronik zukünftig nur noch sogenannte Kit- und Plattform-Lösungen geben, die über das Angebot „purer Chips“ hinausgehen. Einigen unserer Leser ist unklar, wo genau der Mehrwert einer Plattform- gegenüber einer Kit-Lösung z.B. im Industriegeschäft liegt, können Sie mir das an Hand eines Beispiels im Industriegeschäft erklären?

Allem voran ist es ein Missverständnis zu meinen, dass es unsere Strategie sei, nur Kit- und Plattform-Produkte anzubieten. Die eigentlichen Bausteine werden auch in der Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Wenn wir diese vernachlässigen, dann bieten die Kits für unsere Kunden keinen Mehrwert, und wir werden keine Partner haben, mit denen wir Plattformen anbieten können. Das Beispiel für ein Kit einer Industriemotor-Lösung besteht aus einer MCU, einem Optokoppler, einem Vor-Treiber sowie einem IGBT. Alle diese Komponenten bilden eine optimal aufeinander abgestimmte Kombination aus Bausteinen, die ihre speziellen Vorteile bieten. Dank der Einbindung von Know-how über Software können unsere Kunden ihren Zeitbedarf für die Entwicklung künftig weiter verringern. Nehmen wir als Beispiel für eine Plattform ein Produkt wie R-IN. R-IN ist ein Ethernet-Controller für den industriellen Einsatz, der gegenüber anderen Produkten eine 5- bis 10-fach höhere Echtzeit-Leistung, geringen Stromverbrauch und Multi-Protokoll-Support bietet. Dank dieser Merkmale wird der Baustein nicht nur von Partnern unterstützt, die Entwicklungswerkzeuge, Entwicklungsumgebungen und das eigentliche Protokoll für dieses Produkt anbieten, sondern auch von Partnern, die eine Protokoll-Implementierung und einen Protokoll-Test unterstützen ebenso wie von den entsprechenden Protokoll-Vereinigungen. Dank dieser Zusammenarbeit zwischen den Partnern können Kunden von verkürzten Entwicklungszeiten, einfacheren Entwicklungsarbeiten und höherer Entwicklungsqualität profitieren.

Bis März 2016 sollen Ihre Struktureformen abgeschlossen sein und bis März 2017 wollen Sie einen zweistelligen operativen Profit generieren. Können Sie mir sagen, wo Renesas heute auf diesem Weg steht? Welche Reformen sind bereits umgesetzt und welche müssen noch umgesetzt werden? Wieviele Mitarbeiter hat Renesas Stand heute und wieviele werden es im März 2017 sein?

Der operative Gewinn im Geschäftsjahr 2013 betrug 8 %, aktuell nähern wir uns der 10 %-Marke. Dies wurde durch die Senkung unserer Fixkosten aufgrund unserer Strukturreformen und durch die Aufwertung des Yen erzielt. Dies gibt uns Spielraum für Maßnahmen wie die Neuzuordnung von Entwicklungsressourcen im Zusammenhang mit der Konzentration auf Kernkompetenzen und strukturellen Reformen. Die Renesas Group beschäftigte zum Zeitpunkt Ende März 2014 ca. 27.200 Mitarbeiter.

Japan ist immer noch mit Abstand der größte Markt für Renesas. Mit welchen Maßnahmen wollen Sie in Ihrem Geschäftsbereich den Verkauf in Ländern außerhalb Japans ankurbeln und welche konkreten Ziele verfolgen Sie bezüglich des Umsatzanteils in Europa in z.B. 3 und 5 Jahren?

Im Moment sind wir dabei, Applikationen in China auszuwählen, und erwägen, Produkte für den chinesischen Markt zu entwickeln, weil Lösungen, die für Industrieländer entwickelt wurden, nicht immer für Schwellenländer geeignet sind.

Da man abschätzen kann, wie sich eine für Schwellenländer relevante Anwendung aufgrund der Erfahrung weiter entwickelt, die man beim routinemäßigen Einsatz der Anwendung gewonnen hat, werden wir auch hierfür weiterhin Lösungen anbieten.

Der Industriesektor in den entwickelten Ländern, insbesondere in Europa, floriert und wächst deutlich. Diese Entwicklung deckt sich gut mit unseren Zielen im Anwendungsbereich, so dass wir einen Absatzzuwachs erwarten, indem wir neben unserer Kooperation mit Distributoren auch direkt mit Großkunden zusammenarbeiten. Unsere Zielanwendungen sind hierbei die Fabrikautomatisierung, das Energiemanagement, die Gebäudeautomatisierung und Haushaltsgeräte.

-        “Platfom Solution”: Viele Ihrer Mitbewerber gehen von proprietären Lösungen zu Standardarchitekturen wie ARM über, u.a. um an dem großen Eco-System partizipieren zu können. Renesas hat ebenfalls Standardangebote aber auch proprietäre Architekturen – gibt es da nicht einen natürlichen Nachteil beim Eco-System (Kosten, Umfang des Angebotes)?

In einem anwendungsorientierten Geschäft ist die CPU-Architektur kein Wert an sich. Hier geht es vielmehr um die Auswahl der optimalen Architektur für eine bestimmte Anwendung. Folgt man dieser Logik, so könnte man am Ende beide Architekturen nutzen, und dies könnte in der Tat zu Überschneidungsproblemen in der Entwicklung führen. In der Praxis allerdings ist das Ausmaß der durch Unterschiede bei CPU-Architekturen bedingten zusätzlichen Entwicklungsprozesse ziemlich gering, und führt zu keinerlei Problemen.