Kommentar Halbleiterindustrie von Konsolidierungswelle erfasst

In der Halbleiterindustrie dreht sich das Fusionskarussell mit erhöhter Drehzahl. Die Branche steht vor elementaren Veränderungen.

Vor kurzem wurde angekündigt: Avago möchte für 37 Mrd. Dollar Broadcom übernehmen. Das dürfte die bis dato teuerste Übernahme in der Halbleitergeschichte sein. Man fühlt sich zurückversetzt in die wilde Zeit um das Jahr 2000, als zahlreiche Merger per Aktientausch besiegelt wurden. Damals schluckte Texas Instruments den Analog-Spezialisten Burr-Brown für damals sagenhafte 7,6 Mrd. Dollar, das 26-Fache des Jahresumsatzes. Daneben nahmen sich die anderen Übernahmekandidaten vergleichsweise bescheiden aus, Unitrode für 1,2 Mrd. Dollar und Power Trends für 145 Mio. Dollar. 1999 schluckte Philips Halbleiter für vergleichsweise billige 1 Mrd. Dollar den ASIC-Anbieter ­VLSI Technology. Dann war lange Zeit Ruhe an der M&A-Front.

Seit 2011 scheint wieder eine Konsoldierungswelle im Gange zu sein. Den Anfang machte TI und verleibte sich für 6,5 Mrd. Dollar das Traditionsunternehmen National Semiconductor ein. Avago Technologies ließ sich 2013 die Übernahme von LSI Logic immerhin 6,6 Mrd. Dollar kosten und setzt nun mit der Broadcom-Übernahme für 37 Mrd. Dollar noch eins drauf. Allerdings sind das nur noch einstellige Vielfache des Jahresumsatzes.

In jüngster Zeit hat das Fusionskarussell wieder an Fahrt aufgenommen. Für Infineon schlug nach einer Dekade kontinuierlicher Einschnitte das Pendel wieder in die Gegenrichtung aus. Der weltweite Marktführer in der Leistungselektronik baut mit der Übernahme des US-Konkurrenten International Rectifier nun seinen Abstand vor dem Wettbewerb deutlich aus. NXP Semiconductors fusioniert derzeit mit dem US-Halbleiterhersteller Freescale, beides ehemalige Halbleitersparten der großen Elektrokonzerne Philips und Motorola. Ironie der Geschichte:

NXP wurde bei ungefähr gleicher Umsatzgröße bei seiner Ausgliederung von Philips nur etwa halb so hoch bewertet wie Freescale. Nachdem beide an Finanzinvestoren verkauft wurden, mussten beide Unternehmen die Schulden selbst schultern, NXP logischerweise nur halb so viel. Heuschrecken zahlen nicht gerne selbst, sondern lassen den Schuldenberg lieber von ihrem Investitions-Opfer abtragen. Wahrscheinlich versetzte genau dieser finanzielle Vorteil NXP in die Lage, jetzt als Konsolidierer aufzutreten und nicht als Opfer.

Doch auch das Mittelfeld der US-Halbleiterhersteller ist derzeit von Fusionitis befallen. Zunächst schluckte Cypress den Wettbewerber Spansion und nun steht der Speicherspezialist ISSI auf dem Speiseplan. Microchip hat ein Auge auf Micrel geworfen und Microsemi möchte Vitesse übernehmen. Schließlich haben Panasonic und Fujitsu noch ihr Chipgeschäft im neuen Unternehmen Socionext gebündelt.

Aus europäischer Sicht ist erfreulich, dass zumindest zwei der ehemaligen Mitglieder des Top-Ten-Halbleiter-Clubs wieder im Aufwind sind und weiterhin global mitspielen dürfen. Der einstige europäische Musterknabe STMicroelectronics knabbert immer noch am Untergang von ST-Ericsson.

Zu guter Letzt möchte nun Intel noch den FPGA-Hersteller Altera im zweiten Anlauf übernehmen. Bei 16,7 Mrd. Dollar auf dem Tisch garniert mit weiteren Zugeständnissen knickten die PLD-Hersteller nun offenbar ein. Fusionitis scheint hochansteckend zu sein.