Arbeiten für die Chipindustrie in Japan Gefangen in der Sardinenbüchse

Wenn vermeintlich kein Platz mehr in der U-Bahn ist, wird von offizieller Seite nachgeholfen.
Wenn vermeintlich kein Platz mehr in der U-Bahn ist, wird von offizieller Seite nachgeholfen.

Die U-Bahn in Tokio ist die meistgenutzteste der Welt. Ständige Staus auf den Strassen sowie wenige und teure Parkplätze treiben täglich fast 10 Millionen Menschen in den Untergrund, die von U-Bahn-Stopfern in die übervollen Wagen geschoben werden. Selbst für Stammgäste ist die Fahrt oft nur schwer zu ertragen.

Das Gefühl erinnert an eine finnische Sauna nach dem Aufguß. Vergeblich kämpft die Klimaanlage gegen die Hitze, die den hunderten verschwitzten Körpern in Wagen 7 der Ginza-Linie entweicht. Kaori ist eine „OL“, eine Office-Lady, wie weibliche Büroangestellte in Japan genannt werden. Seit 15 Jahren fährt sie morgens zwischen 7 und 9 Uhr in das Büro der Stadtverwaltung im Stadtteil Shinjuku. Obwohl Kaori eine zierliche Frau ist, erlebt sie täglich das Gefühl, das auch eine Sardine bei der Verpackung in eine Dose haben dürfte. Beim Bremsen ist vorne im Wagen der ideale Platz. Dann quetschen Kaori mehrere hundert Menschen an die Stirnwand, bis ihr zartes Gesicht rot anläuft. Beim Beschleunigen weitet sich der Raum, sie kann wieder richtig durchatmen. Sie könnte jetzt schadenfroh sein, dass die Pendler hinten im Zug mit der Kompremierung dran sind, aber „dafür ist die Zeit zu kurz, denn die U-Bahn ist schnell“. So pendelt der Druck der Fahrgäste hin und her und an jeder Station pressen die mit weißen Handschuhen versehenen berühmt-beüchtigten Fahrgastverdíchter, wie die U-Bahn-Stopfer offiziell genannt werden, noch ein paar mehr in den Wagen. Egal, wo Kaori steht, umfallen kann sie nicht.

35,5 Millionen Menschen leben im Raum Tokio, dem größten Ballungsraum der Erde. Der Riesenbahnhof von Shinjuku ist nach Passagierzahlen der größte der Welt. Vier Millionen Menschen durchqueren ihn täglich. Die deutsche Bahn transportiert täglich 4,5 Millionen Menschen – durchs ganze Bundesgebiet. 60 Ein- und Ausgänge besitzt Shinjuku-Station. Ständig führen Abzweigungen in die Unterwelt der Bahnen. Dieser Bahnhof ist ein Netz von Gängen und Tunneln, Schalterhallen und Kleingewerbe. Ein Irrgarten der Treppen, Rolltreppen und Wege, der Bahnsteige auf verschiedenen Ebenen, der Fahrkartenautomatenhallen und Schließfachnischen. In der Rushhour fahren die meisten Linien im 2-Minuten-Takt, in den meisten Fällen ohne eine Sekunde Verspätung. Der Bahnhofsvorsteher in blitzblanker, viel zu großer Uniform sagt, man müsse pünktlich sein, weil sich sonst zu viele Menschen auf dem Bahnsteig drängen. Wenn Verspätungen vorkommen, dann weil jemand vor den Zug springt. Aber selbst dann „dauert es weniger als 30 Minuten, bis der Verkehr wieder normal rollt“.

Kaori nimmt wie immer an einem Dienstagmorgen die Ginza-Linie, eine von 12 U-Bahnlinien, die von der staatlich-städtischen Tokio Metro Co. Ltd. und der städtischen Toei-U-Bahn betrieben werden. Auf dem Bahnsteig ist es voll, brechend voll. Doch anscheinend immer noch nicht voll genug für den Einsatz der Fahrgastverdichter. Trotz der Ende drängelt niemand und Kaori reiht sich brav in die Schlange vor den auf den Boden gemalten Markierungen ein, die anzeigen, wo ein Wagen zum Stillstand kommen und sich eine Tür öffnen wird. Sie sagt, „wenn die Leute hier wie in Europa am ganzen Bahnsteig stehen würden, würde das Chaos ausbrechen, deswegen reihen wir uns auf um Zeit zu sparen“. Damit der Fahrgastwechsel schneller geht, haben U-Bahn-Wagen in Tokio mehr Türen als die in Europa. 

In den Wagen steht Kaori dicht gedrängt zwischen schwitzenden Geschäftsleuten im Anzug, topmodern gekleideten Jugendlichen, Kindern in Schuluniformen und alten, gebeugten Frauen mit riesigen Einkaufstüten. Heute wird sie wieder Opfer eines „Chikans“, der im Gedränge Mitreisende begraptscht. Aber Kaori bleibt ruhig: „So lange er mir nicht unter den Rock fasst, sondern mir nur in den Po kneift, ist es ja nicht so schlimm“. Belästigungen sind ohnehin die Ausnahme, normalerweise bestimmen Höflichkeit und Rücksicht den allgemeinen Umgang. Kaori zeigt auf einem Mann, der aussieht wie ein Chirurg kurz vor einer Operation: „Er trägt einen Mundschutz, nicht weil er Angst vor Viren oder Bakterien hat. Er ist selbst erkältet und will niemanden anstecken“.

Die Beliebtheit der Tokioer U-Bahn wird auch nicht durch die ständige Angst vor einem Erdbeben oder die Sorge vor neuerlichen Terroranschlägen geschmälert. Am Morgen des 20. März 1995 setzten Mitglieder der Sekte Aum Shinrikyo in mehren Wagen das Nervengift Sarin frei. 15 U-Bahnhöfe waren betroffen, 12 Menschen starben, mehr als 5000 Fahrgäste wurden zum Teil schwer verletzt. Doch in Japan fügt man sich in sein Schicksal, und so tippen vornehmlich Frauen ohne Pause SMS in ihre flachen Designerhandys. Andere Fahrgäste beschäftigen sich mit MP3-Spielern, daddeln Videospiele oder lesen telefonbuchdicke, auf regenbogenfarbenes Papier gedruckt Porno-Comics.

Oder sie schlafen. Tokio hat nicht nur horrende Mieten, auch die Arbeitszeiten haben Rekordniveau. Erst kürzlich starb ein 32jähriger Manager eines Kleidungsladens, weil er monatelang morgens um 7 Uhr anfing zu arbeiten und erst am nächsten Morgen um 2 wieder nach Hause kam – 7 Tage in der Woche. In einem Monat hatte er so 200 Überstunden angesammelt – bei 160 Stunden offizieller Arbeitszeit. Die Arbeitszeiten führen nicht nur zu wenig Freizeit, sondern auch dazu, dass die knapp bemessene Erholung oft bei den langen Fahrwegen in der U-Bahn gefunden werden muss. Über ihren Aktenkoffern eingenickte Geschäftsleute sind ein alltägliches Bild. Zum Wecken erklingt eine Abfahtserkennungsmelodie.

Auch Keisuke, ein Group Manager bei einem großen Elektronikkonzern, gewinnt der U-Bahn nur positives ab: „In der U-Bahn zu schlafen, ist kein Problem. Man muss nur aufpassen, dass man nicht in der falschen Linie sitzt. Bei den Linien mit Endstation weckt einen das Personal. Schläft man jedoch auf einer Ringlinie ein, kann es sein, dass man 3, 4 Runden dreht und plötzlich ist die Nacht vorbei“. Deshalb beugt er sich lieber vor und zieht einen kalten Kaffee aus einem der allgegenwärtigen Automaten. 20 Stück für jeden Einwohner soll es davon in Tokio geben, also alleine im Stadtkern von Tokio 170 Millionen Stück. Dann verschwindet Keisuke mit der Dose in der Hand im Trubel der Menschenmassen, auf dem Weg zu einer der 282 Stationen.

Kaori hat den Bahnhof Shinjuku erreicht. Hier mutiert sie von der Dosen-Sardine zum Hering im Schwarm. Sie wird mitgeschwemmt, die Treppe vom Bahnsteig herunter, rechts abbiegen, dann geradeaus wie alle. Umzingelt von tausenden anderen Office Ladies strömt sie in irgendeine Hauptrichtung. Nein: Sie wird geströmt. Anhalten ist unmöglich, denn von hinten kommt die Flut. Links und rechts brechen sich die Wellen, und ganz links wogt der gewaltige Strom des Gegenverkehrs, sauber eingereiht in Gehspuren mit Richtungspfeilen. Kaori weicht sanft nach links aus, schafft drei vier Körperbreiten, rettet sich in den Schutz einer großen Säule. Karoi will sich noch mit einem Kollegen treffen, bei einem Kaffee eine Statistik durchsprechen. Sie holt ihr Handy aus der Tasche und wählt. Auf der anderen Seite der Säule klingelt es in der Jacke eines Mannes. „Wo bist Du ?“ Beide gehen um die Säule herum, schauen sich an und biegen sich vor Lachen. Das nächste Mal sollten sie besser auch die Seite der Säule ausmachen. Shinjuku ist der denkbar ungeeignetste Ort zum Verabreden.