Interview mit Marvell-CEO Sutardja »Für uns gibt es keine lokalen Märkte mehr«

Marvell Semiconductor wurde erst 1995 gegründet und ist seither gewaltig gewachsen. 2011 setzte der Halbleiterhersteller mehr als eine Milliarde Chips ab und erzielte mit 5.700 Mitarbeitern einen Umsatz von rund 3,6 Mrd. Euro. Die Elektronik besuchte den Firmengründer Dr. Sehat Sutardja, heute Chairman, President und CEO von Marvell.

Elektronik: Herr Dr. Sutardja, vor ein paar Jahren haben Sie Intels ARM-Prozessor-Geschäft für rund 600 Mio. Dollar übernommen. Hat sich dieses Investment gelohnt? 

Dr. Sehat Sutardja: Meiner Ansicht nach ja. Man kann solche Investitionen nicht kurzfristig beurteilen. Diese Investition ermöglichte uns den Eintritt in den Smart-Phone-Markt. Diese Akquisition ist nicht nur auf ARM-Prozessorkerne beschränkt, es ist vielmehr unser Einstieg in das Basisband der dritten Mobilfunkgeneration. Wir sind heute nicht nur in 3G-Mobiltelefonen vertreten, wir konnten dadurch auch relativ schnell chinesische Standards wie TD-CDMA bedienen. 

Für uns war dieser Schritt wichtig, denn über kurz oder lang werden Smart-Phones den Mobilfunkmarkt dominieren. Auch die heutigen „Feature-Phones“ werden künftig von Smart-Phones mit offenen Betriebssystemen wie Android, Apple OS oder Windows Phone 7 verdrängt. Die Smart-Phones bieten leistungsfähige Browser, Spiele mit anspruchsvoller Grafik, Unterstützung für Apps sowie  Videos in hoher Qualität. Smart-Phones verfügen über leistungsfähigere Prozessoren mit Grafik-Engines und mehr Speicher, so dass sie mit komplexerem Code umgehen und mehrere Anwendungen gleichzeitig verarbeiten können.  

Elektronik: Wie weit erstreckt sich die Wertschöpfung von Marvell in den Smart-Phones?

Dr. Sutardja: Als wir vor vier Jahren anfingen, hatten wir keine HF-Lösung im Angebot. Heute bieten wir auch das HF-Front-end und Transceiver an. Darüber hinaus haben wir eine eigene Power-Management-Lösung entwickelt, die den Akku lädt, die verschiedenen Spannungen bereitstellt, die LED-Hinterleuchtung der Displays regelt, die Lautsprecher und die Kopfhörer treibt und die Mikrofonsignale digitalisiert. Bei uns bekommt der Kunde einen vollständigen Chipsatz. 

Elektronik: Wäre es nicht billiger gewesen, nur eine ARM-Lizenz zu nehmen anstelle Intels ARM-Prozessor-Geschäft zu übernehmen?

Dr. Sutardja: Wir waren bereits Lizenznehmer von ARM, als wir die Intel-Sparte übernommen haben. Was wir brauchten, waren die Leute und die Kundenbeziehungen. Der Ausgangspunkt spielte für uns die entscheidende Rolle. Wenn man ganz von vorne anfangen muss, dann dauert es drei bis vier Jahre, bis man in einen neuen Markt eintreten kann. Und wie Sie sich vorstellen können, haben wir keine drei, vier Jahre zum Herumprobieren. 

Elektronik: Ihr Unternehmen ist in der Initiative „One laptop per child“ engagiert, die sich zum Ziel gesetzt hat, einen Computer für 100 Dollar anbieten zu können. Welche Rolle spielt diese Initiative für Ihr Unternehmen? 

Dr. Sutardja: Die Initiative „One laptop per child“ hatte ihren Ursprung am MIT und hatte sich das recht ambitionierte Ziel gesetzt, ein solches Gerät für 100 Dollar zu realisieren. Wir mögen aggressive Ziele. Vor einigen Jahren hatten sich Leute vom MIT an uns gewandt, ob wir uns daran beteiligen wollen. Es stand die Idee dahinter, einen Computer für ärmere Regionen der Welt zu entwickeln, in denen ein durchschnittliches Monatseinkommen um die 100 Dollar beträgt. Durch eine solche Initiative können die Leute in ärmeren Ländern auch Zugang zu Computern und dem Internet bekommen.

Als wir das Projekt starteten, hatten wir noch keine große Erfahrung mit Applikationsprozessoren. Aber wir waren überzeugt, dass es sich um ein erstrebenswertes Ziel handelte, und zunächst wollten wir die Initiative vor allem finanziell unterstützen. Wo wir konnten, haben wir als Halbleiterhersteller auch technologische Unterstützung geleistet

In Entwicklungsländern finden Sie normalerweise keine solche Infrastruktur wie bei uns vor. In den Dörfern gibt es vielleicht nur einen Telefon- oder Internetanschluss. Da brauchen Sie dann Funktechnik, um mehreren Bewohnern eines Dorfes Zugang zum Internet zu gewähren. Da können wir helfen, denn wir sind seit acht, neun Jahren in der WiFi-Technik engagiert.

Wir haben beispielsweise für WiFi ein Verfahren  namens Mesh-Networking entwickelt. Die WiFi-Chips sind dabei so ausgelegt, dass sie sich selbst zu einem Netz konfigurieren und die besten Übertragungswege über andere Chips bis hin zum Zugangspunkt finden. Das funktioniert sogar, wenn sich der Rechner im Power-down-Betrieb befindet. Die WiFi-Chips nehmen im Sleep-Modus nur einige µA an Strom auf und wachen bei Bedarf auf.  Mittlerweile haben wir auch Applikationsprozessoren im Sortiment. Neben niedrigen Preisen spielten eine niedrige Leistungsaufnahme und die Leistungsfähigkeit eine noch wichtigere Rolle, z.B. für 3D-Grafik- und HD-Video-Verarbeitung (1080p).

Die ersten Generationen an Geräten sprengten das Ziel von 100 Dollar, da sie zu viele Komponenten auf dem Board benötigten. Heute reduziert sich das auf einen Prozessor, ein paar DRAMs und Flash-Speicher. Damit schrumpfen Board und Kosten drastisch.