Kommentar Freescale trennt sich von Marketing-Chef – und das ist gut so

Frank Riemenschneider, Elektronik
Frank Riemenschneider, Elektronik

Als Freescales neuer CEO Gregg Lowe im Juni 2012 das Ruder in Austin übernahm, war mein erster Gedanke: Jetzt wird es eng für Chief Marketing Officer Henri Richard. Richard hatte seinen Arbeitgeber unglücklicherweise immer stärker in sein persönliches Hobby – den Rennsport – involviert. Vor wenigen Tagen trennte sich Freescale nun von Richard, eine mehr als gute Entscheidung.

Vieles in der Amtszeit von Henri Richard erinnerte - was die Vermischung von Hobby und Beruf angeht - an die unglücklichen Zeiten von Konkurrent Infineon zu den Zeiten von Ex-CEO Dr. Ulrich Schumacher, ebenfalls ein begeisterter Rennfahrer, über den bei seinem Prozess wegen vermeintlicher Bestechlichkeit regelrechte Abgründe bekannt wurden: So drangsalierte er seinen ehemaligen Infineon-Vorstandskollegen Andreas von Zitzewitz, ebenfalls ein begeisterter Racer, weil dieser ihn seinerzeit im Qualifying am Salzburgring mit einem Satz neuer Reifen abgehängt hat und es Schumacher “emotional nicht verkraftet” hat, dass sein Mitarbeiter vor ihm, dem Chef und CEO, in der Startaufstellung stand.

Schon auf den alljährlichen Entwicklerkonferenzen “Freescale Technology Forum (FTF)” war Richards Motto stets “Klotzen statt kleckern”. Die Halle im Konferenzhotel im texanischen San Antonio war regelmäßig gefüllt mit Rennwagen u.a. vom Rennstall “SiliconTechRacing”, den Richard selbst geründet hat und wo er heute als Teamchef und Fahrer in Personalunion fungiert. Wieviel Geld von Freescale alljährlich in die Kassen von SiliconTechRacing wanderten, ist unklar, die Summe dürfte allerdings vernachlässigbar sein gegenüber den Sponsorgeldern, die Richard seit 2011 in Richtung NASCAR überwies. Im November 2011, also 6 Monate vor dem Einstieg von Gregg Lowe als CEO, gab Richard einen - zumindest aus seiner Sicht - Mega-Deal bekannt: Freescale lieferte ab dem Rennen “Daytona 500” im Februar 2012 Motorsteuerungs-Chips für die Einspritzmodule der NASCAR-Rennwagen, was auch bedeutete, dass erstmals in der NASCAR-Serie Vergaser durch Einspritzsysteme ersetzt wurden.

Nun waren es sicher nicht die Handvoll Chips für die NASCAR-Rennwagen, die Richard in Begeisterung versetzten, sondern die Möglichkeit, sich für 2 bis 10 Mio. Dollar pro Jahr mit anderen NASCAR-Sponsoren zu vernetzten. Und hier liegt der Hund begraben: Steve Nelson, seinerzeit Freescales Director of Marketing in Amerika, räumte ein, dass es für das Chip-Unternehmen eine komplexe Herausforderung sein dürfte, Umsatz mit anderen NASCAR-Sponsoren zu generieren. Ob Freescale jemals einen ROI für seine Millionenverpflichtungen gesehen hat, erscheint mehr als zweifelhaft, aber die Entschiedung für oder gegen Renn-Sponsoring dürfte bei Richard auch mehr aus dem Bauch als aus einem Excel-Sheet gefallen sein, liest sich seine berufliche Biografie doch mehr als langweilig im Vergleich zu seinen rennfahrerischen Aktivitäten, die einen Dr. Schumacher im Vergleich dazu als regelrechten Anfänger darstehen lassen.