Interview mit Freescale-CEO Beyer »Freescale, Infineon und ST Microelectronics haben von dem Erdbeben in Japan profitiert«

Freescale-CEO Rich Beyer mit Elektronik-Redakteur Frank Riemenschneider.
Freescale-CEO Rich Beyer mit Elektronik-Redakteur Frank Riemenschneider.

Am Rande des Freescale Technology Forums gab CEO Rich Beyer der Elektronik ein Interview, in dem er erklärte, wieso Freescale trotz fortlaufender Verluste viel Geld verdient. Er sprach außerdem über die Auswirkungen des Erdbebens in Japan und seine Balance von Beruf und Privatleben.

Elektronik: Letzten Monat ist Freescale an die Börse gegangen. Statt wie geplant 22 bis 24 Dollar haben Sie für Ihre Aktien nur 18 Dollar Ausgabepreis erzielt, heute dümpelt der Kurs so bei 17 Dollar herum. Mag die Börse Freescale nicht?

Rich Beyer: Nein, das sehe ich ganz anders. Viele Investoren speziell auch aus Deutschland haben für 18 Dollar gekauft und dann noch mal nachgekauft für 17 Dollar, für 16 Dollar. Sie denken langfristig und sind überzeugt, dass Freescale eine tolle Firma ist, deren Umsatz und Gewinn wachsen werden. Genau dann wird auch der Kurs steigen. Warum haben wir nur 18 Dollar erzielt? Im Mai waren die Marktbedingungen einfach grausam. An der Börse wurde nur noch verkauft. Alle Analysen, die wir und die Banken vorher getätigt haben, sagten aus, 22 bis 24 Dollar ist erzielbar – außer wenn die Marktbedingungen schlecht sind. Nichtdestotrotz haben wir 900 Millionen Dollar eingenommen, die wir in die Rückzahlungen von Schulden investieren.

Ihre finanzielle Situation ist ja nicht wirklich toll, Sie müssen jährlich dreistellige Millionenbeträge an Zinsen für die Schulden zahlen, die Ihnen Blackstone & Co. 2006 aufgeladen haben. Wo soll das ganze Geld für F&E und Kunden-Support herkommen, das Sie benötigen, um wettbewerbsfähig zu bleiben?

Wenn Sie nur auf die GAAP-Ergebnisse schauen, erscheint es tatsächlich, als ob wir ständig Geld verlieren. Tatsächlich können Sie aber Teile ignorieren. Als wir 2006 für 17 Mrd. Dollar gekauft wurden, waren wir tatsächlich nur 12 Mrd. Dollar wert. Die amerikanischen Bilanzierungsregeln sagen aus, dass wir damit aufeinmal 17 Mrd. Dollar wert waren, obwohl wir ja exakt dieselben Assets hatten wie vorher. Was ist das Ergebnis? Sie müssen in den nächsten 5 Jahren 5 Mrd. abschreiben bilanztechnisch, was Ihnen auf dem Papier die Ergebnisse ruiniert. In 3 Quartalen sind wir diese Sache endlich los. Wenn Sie EBITA ansehen, machen wir 1,2 Mrd. Gewinn. Wir zahlen 500 Mio. für Zinsen, in guten Jahren 200 Mio. für Capex, d.h. es bleiben 500 Mio. in Cash übrig. Diese 500 Mio. können wir für Firmenzukäufe nutzen, oder für weitere Schuldenrückzahlungen, da bleiben noch 17 % unseres Umsatzes für F&E übrig und 11 % für SGA (Verkauf, allgemeine Ausgaben und Administration). Wir glauben, dass wir das investieren müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

In Japan mussten Sie nach dem schrecklichen Erdbeben ihre Fab in Sendai schließen, weil die Schäden zu groß waren. Dort wurden ja auch qualifizierte Chips u.a. für Automotive hergestellt. Wie sind Sie denn damit fertiggeworden?

Wir wollten die Fab ja ohnehin schließen, allerdings erst am 31.12.2011. Wenn Sie eine Fab schließen, machen Sie in der Chip-Industrie zwei Dinge: Sie kündigen nach Absprache mit Ihren Kunden Teile ab und Sie bauen Lagerbestände auf. Die anderen Teile verlagern Sie in eine andere Fab, die Sie dafür qualifizieren. In der Zwischenzeit liefern Sie aus den aufgebauten Lagerbeständen. Wenn es daher irgendetwas positives gab, war es die Tatsache, dass wir bereits Lagerbestände aufgebaut hatten. Wir haben die Qualifizierung für die anderen Fabs extrem beschleunigt, indem wir mehr Ressourcen als geplant da reingesteckt haben. Davon abgesehen, waren unsere Kunden extrem kooperativ, indem Sie uns bei der Qualifizierung unterstützt haben. Das verrückte ist, dass wir damit noch besser dastanden als unsere Wettbewerber, die natürlich keine Lagerbestände aufgebaut hatten – das tun Sie ja nur, wenn Sie ohnehin eine Fab schließen wollen.

Gingen die Teile in andere Freescale-Fabs oder in Foundries?

Zwei Teile gingen an TSMC, die anderen in Freescale-Fabs.

Könnte Freescale hinsichtlich seines Marktanteils in Japan nicht sogar dadurch von dem Erdbeben profitieren, als dass große japanische Firmen das Risiko, nur auf eine Region zu setzen bezüglich der Fertigung, nun erkannt haben und Multi-Sourcing-Strategien anstreben?

Absolut richtig. Es gibt jetzt viele Kunden, die sagen, es ist nicht mehr hinnehmbar, dass wir ausschließlich von einer erdbebengefährdeten Region abhängen. Dies hilft nebenbei bemerkt nicht nur uns, sondern auch Infineon und ST Microelectronics.