ZVEI-Trandanalyse: Europas Chipindustrie verliert Marktanteile

Überregional betrachtet gibt es für die Halbleiterindustrie keinen Grund zur Klage, ganz im Gegenteil: Bis 2015 soll der Absatz jählich um 7 % wachsen. Europa und Deutschland werden davon leider jedoch nur unterdurchschnittlich profitieren und weiter Marktanteile verlieren.

Die Halbleiterindustrie hat insgesamt rosige Zeiten vor sich, jedenfalls, wenn man der Trendanalyse 2011 des Zentralverbandes Elektrotechnik- und Elektronikindustrie e.V. glaubt. Der Halbleiter-Verbrauch pro Kopf stieg von 3 Dollar im Jahr 1980 auf 43 Dollar in 2010, weltweit hat jeder Bürger im Jahr 2010 im Schnitt 27 Chips gekauft. Bis 2015 soll der Chip-Verkauf jedes Jahr um 7 % wachsen. Tragischerweise wird Europa und auch Deutschland an diesen erfreulichen Aussichten nur limitiert partizipieren können.

Schon die Krise 2009 hat zu wesentlichen Marktverschiebungen geführt: Während China der Gewinner war und jetzt 25,5 % aller Chips weltweit in China verbaut werden (nach Asien mit 28,1 % auf Platz 2), haben Japan und Europa Marktanteile verloren. Trotz Autoindustrie werden in Deutschland nur noch 4,6 % aller Chips verbaut, in Europa insgesamt sind es 12,8 %, deutlich weniger als in Japan (15,6 %) und Amerika (18 %).

Bis 2015 wird sich dieses Szenario laut ZVEI auch nicht mehr verändern, Europa wird den letzten Platz behalten, wenn auch die absoluten Werte auf Grund des Wachstums knapp über 50 Mrd. Dollar steigen werden. Mehr als 13 % Marktanteil liegen für Europa allerdings nicht mehr drin. Besonderns tragisch ist in diesem Zusammenhang, dass die extrem schnell wachsende Konsumelektronik (man denke nur an Smartphones und Tablets) in Europa nur noch einen Anteil von 8,8 % hat (in Deutschland sogar nur 2, 9 %) - dominierend sind wie nicht anders zu erwarten die KFZ-Elektronik (21,7 %, in Deutschland sogar 36,6 %), die Datentechnik (30,5 %) und die Industrieelektronik (18,2 %, in Deutschland sogar 23,4 %).

Nicht nur bei der Abnahme von Chips ist Europa hintendran, sondern noch mehr beim Verkauf: Mit nur noch 9,8 % weltweitem Anteil verkaufen EU-Firmen weniger als halb mal so viele Chips wie in Summe die drei Amerikaner Intel, Texas Instruments und Qualcomm, die zusammen auf über 20 % kommen. Die EU liegt auch noch deutlich hinter Japan und Südkorea und verliert weiter Boden gegenüber taiwanischen Chip-Firmen (hiermit sind nicht die Foundries gemeint, sondern eigene Hersteller wie z.B. Powerchip oder Winbond). Noch schlimmer stellt sich das Bild dar, wenn man sich anschaut, wo die Wafer tatsächlich gefertigt werden: Mit ebenso 9,8 % kommen alle EU-Firmen zusammen auf Platz 6 hinter Japan, Taiwan (Foundries !), Südkorea (Samsung und Hynix), USA und China (Foundry SMIC und Fabs von anderen Chip-Herstellern). Der Vorsprung vor Singapur (Globalfoundries) ist von 2005 bis 2010 extrem geschmolzen: 2005 wurden noch über 13 % aller Wafer weltweit in der EU gefertigt, während Singapur bei etwas über 5 % stand. 2010 hatten die EU-Firmen nur noch 9,8 % und Singapur schon rund 7 %. Deutschland steht trotz "Silicon Saxony" mit 2,5 % mehr als bescheiden dar. 2015 soll Europa nochmals über 1 % verlieren und nur noch rund 8 % der Wafer weltweit fertigen. Interessant ist dabei, dass der Anteil in Japan (22 % in 2010, 21 % in 2015) fast konstant bleiben wird. Dies liegt daran, dass japanische Firmen neue Fabs ausschließlich in Japan planen, was für die europäischen Hersteller im Hinblick auf ihre Heimatregion nicht gilt.

Wenn man Bild 1 betrachtet, kommt man zu folgenden Erkenntnissen: Seit 1999 sinkt der Bedarf der Halbleiter bedingt durch die Fertigungsverlagerung der Endgeräte nach Asien stetig. Höhepunkt im jahr 1009 war ein Anteil von 23 % weltweit, was mit der Führungsposition Europas im Aufbau der mobilen Kommunikation zusammenhing. Von 1999 bis 2005 wuchs Europas Fab-Kapazität weitgehend mit dem Weltmarkt, seit 2005 sinkt die Produktion auf jetzt weniger als 9 %. Dies liegt daran, dass neue Fabs fast ausschließlich in Asien gebaut werden und die größten europäischen Chip-Hersteller ein "Fab-light"-Programm, d.h. ein Auslagern von Teilen der Produktion an Foundries, aufgesetzt haben.

Wie sieht es für die Chip-Hersteller in Europa aus? Bis 2007 konnte der Marktanteil weltweit auf beachtliche 14 % angehoben werden, da die Position in den Bereichen Kommunikation, Automative und Industrie ausgebaut werden konnte. 2008 und 2009 erfolgte ein Rückgang auf 9 % bedingt durch die Wirtschaftskrise. Der ZVEI nimmt eine Erholung an, allerdings nicht auf das Niveau von 2007, was auch mit der Pleite von Qimonda und der Übernahme von Numonyx durch Micron zusammenhängt.