Kommentar: 8. SEMI-Forum in Brüssel Eine schöne Utopie

Chefredakteur Elektronik
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Sie kennen wahrscheinlich den Spruch: "Als Tiger gestartet, als Bettvorleger gelandet". So ähnlich dürften sich die Experten auf dem 8. SEMI-Forum gefühlt haben.

Vor einem Jahr verkündete EU-Kommissarin Neelie Kroes einen sehr ambitionierten Plan für die europäische Halbleiterindustrie. Ziel dessen war es, 20 % der globalen Halbleiterfertigung mittelfristig wieder zurück nach Europa zu holen. Aus europäischer Sicht ein durchaus wünschenswertes und lohnendes Ziel, denn gerade die Halbleitertechnik bestimmt heute die Innovation in vielen Indus­trien. Derzeit steht Europa aber gerade mal für 9 % der weltweiten Chip-Produktion, Tendenz fallend. Das Ziel formuliert also mehr als eine Verdopplung der Marktanteile. Kann so ein Ziel realistisch sein?

Neelie Kroes, zuständig für die digitale Agenda Europas, setzte sich für EU-Verhältnisse ungewohnt engagiert für die Halbleiterindustrie ein und stellte vor einem Jahr mit einem Paukenschlag die EU-10/100/20-Strategie vor. Bis 2025 sollen rund 10 Mrd. Euro aus privaten und öffentlichen Quellen in F&E fließen und 100 Mrd. Euro in die Halbleiterfertigung investiert werden, um einen Marktanteil von 20 % an der weltweiten Chip-Produktion zu erreichen. Doch derzeit sieht es überhaupt nicht danach aus. Dabei steht Europa in der Elektronikindustrie gar nicht schlecht da, wie der Marktforscher Patrice Vaslot auf dem Forum darstellte. Von 2012 bis 2017 soll Europa in der Produktion von elektronischen Geräten zwar von 14 % Weltmarktanteil auf 13 schrumpfen. Absolut hingegen prognostiziert Vaslot für Europa ein jährliches Wachstum von 1,7 % von 197 auf 215 Mrd. Euro. Als besonders starke Treiber hat er die Segmente Automatisierung, Automotive, Leistungs- und Medizinelektronik sowie Luft- und Raumfahrt und Sicherheit ausgemacht. Dreh- und Angelpunkt einer erfolgreichen Halbleiterindustrie in Europa ist nach Auffassung von Alain Astair von STMicroelectronics nicht nur eine F&E-Strategie, sondern auch eine Fertigungsstrategie, wie sie in Amerika und Asien verfolgt wird. Ohne eine starke Fertigungsbasis in Europa werde F&E nicht überleben.

Andreas Wild als designierter Executive Director von ECSEL hat nun im Rahmen der EU-Initiative Horizons 2020 ein Kostenbudget von gut 5 Mrd. Euro zur Förderung von Mikroelektronikprojekten zur Verfügung. Die Hälfte davon wird von der EU und den Einzelstaaten aufgebracht, die andere Hälfte von der Industrie. Dabei macht er keinen Hehl daraus, dass seines Erachtens zur Erreichung der Ziele eigentlich das Doppelte erforderlich wäre.

Woher allerdings die 100 Mrd. Euro Investitionen in Halbleiterfabriken kommen sollen, bleibt ein Rätsel. Würden die großen Drei in Europa, ST, NXP und Infineon, nur 10 % davon in neue Fabriken stecken, dann wäre das eine Sensation. So dürfte Jens Drews von Globalfoundries mit seiner Einschätzung wohl Recht behalten, nur mit einer europäischen Foundry, die mit globalen Aufträgen befüllt wird, ließe sich dem 20-Prozent-Ziel näherkommen. Neelie Kroes‘ Ziel dürfte wohl leider eine schöne Utopie bleiben.