Prozessoren E3900 – Intels neue Atom-Generation

Mit einer speziellen Automotive-Version mit einem »A« in der Produktbezeichnung und höherer Umgebungstemperatur buhlt Intel um Kunden aus der Automobilindustrie.
Mit einer speziellen Automotive-Version mit einem »A« in der Produktbezeichnung und höherer Umgebungstemperatur buhlt Intel um Kunden aus der Automobilindustrie.

Nachdem in Smartphones und Tablets für Intel nichts zu holen ist, adressiert Intel mit dem neuen Atom-Prozessor die Industrie – und hier insbesondere auch den Automotive-Markt mit speziellen Chip-Versionen.

Die neue 14-nm-Atom-Generation – Codename: Apollo Lake – gibt es bereits seit Anfang Oktober für Einsteiger-Notebooks und Mini-PCs, allerdings segeln sie, wenn man so will, unter »falscher Flagge« als Pentium und Celeron. Anscheinend kommt »Atom« im Consumer-Markt nicht gut an, zu sehr wird der Name mit minder leistungsfähigen Prozessoren assoziiert. Jetzt hat Intel unter dem »richtigen« Markennamen einen neuen Atom-Prozessor E3900 vorgestellt, der vertikale Marktsegmente adressiert: Automotive, Industrie und Video. Zwei Merkmale heben diesen Prozessor von anderen Intel-Prozessoren ab: eine »Time-coordinated-Computing«-Einheit und die Tatsache, dass es für die Automobilindustrie Bausteine mit einem Temperaturbereich bis 125 °C geben wird. Neben den Märkten Industrie und Automotive mutet »Video« als eigenes von Intel adressiertes Einsatzgebiet eigenwillig an. Aber hier geht es weniger um Displays sondern wohl eher um den großen Markt der Videoüberwachung. In diesem Markt ist weniger die Bildanzeige ein Thema als vielmehr die Bündelung und Übertragung der Bilddatenströme über das Netzwerk als auch die Datenanalyse. Hier positioniert Intel den Atom-Prozessor im sog. »Fog Computing«: Geräte der Netzwerkinfrastruktur, die Daten anreichern, zwischenspeichern, analysieren. Im Fall von Videodaten gibt es z.B. Boxen, die die Datenströme mehrerer Kameras sammeln und bereits eine Bildanalyse durchführen sowie die Daten komprimieren oder konvertieren, um sie dann an eine Zentrale weiterzusenden. Angesichts von Terrorgefahr und Investitionen in die »Homeland Security« sieht Intel hier wohl in den USA – und auch anderswo – einen wachsenden Markt.

Interne Zeit-Synchronisierung

Größere Bedeutung für die industrielle Anwendung wird die Time Coordinated Computing Technology haben, eine Einheit für die Zeitsynchronisierung, die in den neuen Atom-Chips integriert ist. Leider hat Intel darüber noch nicht allzuviele technische Details verraten. Bekannt ist nur, dass mit dieser Einheit eine Zeitsynchronisation mit 1 µs Genauigkeit möglich sein soll – wichtig für Echtzeit-Anwendungen und Time Sensitive Networking. Mit einer konventionellen Koppelung z.B. über PCI Express sei nur eine Genauigkeit von ca. 50 µs zu erreichen, sagt Jonathan Luse, verantwortlich für die Produktplanung der Intenet-of-Things-Gruppe bei Intel. Die Signale werden als Side-Band-Signale auf PCI-Express-Leitungen aus dem Prozessor herausgeführt. Im Automotive-Bereich möchte Intel mit dieser Technik den Zugang zu mehr sicherheitsrelevanten Anwendungen erlangen, jenseits von Navigation und Infotainment.

Der Zuwachs an Rechenleistung durch die 14-nm-Fertigungstechnik hält sich in Grenzen: die Kerne sind »bis zu« 1,7 mal schneller als die Vorgänger-Generation Bay Trail der Atom-Familie E38xx – ein Zuwachs, den man in der praktischen Anwendung gerade noch merkt. Mehr bringen da schon die neuen Grafikeinheiten, die »bis zu 2,9 mal« so schnell wie im E3800 sind und drei unabhängige 4k-Videodatenströme mit einer Bildwiederholrate von 60 Hz auf die Displays pumpen können. Bei den Display-Schnittstellen setzt Intel auf DisplayPort und HDMI. Je nach Prozessorvariante arbeiten die Atom-E39xx-Prozessoren mit 12 bis 18 Grafikeinheiten.

Insgesamt gibt es drei E39xx-Bausteine mit verschiedenen Taktfrequenzen und 12 oder 18 Grafikeinheiten. Diese Bausteine sollen mindestens sieben Jahre lieferbar sein und bei einer Umgebungstemperatur von –40 bis +85 °C arbeiten. Hinzu kommen spezielle Automotive-Versionen, die Intel bis zu 125 °C spezifiziert und – bei entsprechender Nachfrage – auch 10 bis 15 Jahre an Key-Kunden liefern will. Diese Prozessoren heißen dann A3900 und werden von BMW, Nissan, der Nissan-Nobelmarke Infinity sowie FAW, einem Joint Venture zwischen VW der chinesischen FAW (First Automotive Works) eingesetzt. Auch Zulieferer wie Delphi und Neusoft Automotives führt Intel in seinen Referenzen an. Insgesamt gibt hat Intel 49 Design-Wins im Automotive-Sektor, wobei hier nicht klar ist, wie viele davon auf die Apollo-Lake-Generation entfallen.