Interview mit Infineons CEO Dr. Reinhard Ploss "Die bittere Wahrheit ist: Wir treiben zu viel Forschung und Entwicklung"

„In China wollen wir als chinesisches Unternehmen wahrgenommen werden. Dazu müssen wir lernen, in China chinesisch zu denken und zu handeln“
„In China wollen wir als chinesisches Unternehmen wahrgenommen werden. Dazu müssen wir lernen, in China chinesisch zu denken und zu handeln“

Kann ein High-Tech-Unternehmen wie Infineon eigentlich zu viel forschen? Eigentlich nicht, möchte man meinen. Doch im Gegensatz zu anderen Unternehmen ist Infineon nicht von der EEG-Umlage befreit. Der Grund: es wird zu viel geforscht. Wir sprachen darüber mit Infineons CEO Dr. Reinhard Ploss. Auch auf die Frage, wie man den bayerischen Ministerpräsidenten motivieren könnte, die embedded world zu eröffnen, hatte Ploss eine Antwort parat.

Elektronik: Das Jahr 2014 hat ja für einige Halbleiterhersteller mit Paukenschlägen, das heißt mit Massenentlassungen begonnen: Intel, TI und Renesas werden zusammen 11.500 Mitarbeiter abbauen. Wie sehen sie Infineons Geschäftsaussichten in Bezug auf Chancen, Risiken, Wachstumstreiber und Applikationen?

Dr. Reinhard Ploss: Wir stehen zu unserer Guidance für das Geschäftsjahr 2014 und erwarten ein Umsatzwachstum von sieben bis elf Prozent. Unsere Zeichen stehen auf Wachstum und Profitabilität. CO2-Effizienz und Sicherheit, und zwar hin zur aktiven Sicherheit, sind starke Wachstumstreiber unseres Autogeschäfts. In anderen Bereichen ist das Bild gemischt. Der Tablet- und Smartphone-Markt strebt einer gewissen Sättigung zu, jedoch könnten sich mit Low-Cost-Tablets weitere Käuferschichten erschließen. Laptops und PCs schwächeln. Wenn man berücksichtigt, dass der Bereich mehr als zehn Prozent zurückgegangen ist, steht Infineon mit dem Geschäft sehr gut da. In der Division IPC, also im Industriebereich, bei Zügen, erneuerbaren Energien und Fertigungsinfrastruktur wächst der Bedarf: China und andere Regionen bauen die Infrastruktur der Massenmobilität deutlich aus, Amerika plant die Reindustrialisierung und die erneuerbaren Energien entwickeln sich abgesehen von Europa in China relativ stabil. Positiv ist, dass China hier ja erheblich ausbauen will. Und in der Division ChipCard & Security sehen wir deutliches Interesse an neuen Themen, auch wenn die Umsetzung konkreter Projekte noch dauern könnte.

Elektronik: Woran liegt das, dass die Umsetzung noch fehlt?

Ploss: Die Diskussion zur NSA beleuchtet nur einen Teil, wenn man Industrie 4.0, Connected Mobility, kritische Infrastrukturen etc. betrachtet geht es vor allem um ein sicheres Backbone: Authentifizierung und Verschlüsselung. Beim Thema vertrauenswürdige IT-Infrastruktur gibt es Potential für Deutschland und Europa. Deutschland gilt auf internationaler Ebene als durchaus datenkritisch und vertrauenswürdig und die deutsche Zertifizierungsstelle im BSI ist international sehr angesehen. Da ließe sich einiges machen. Aber die Struktur fehlt.

Elektronik: Sie hatten China angesprochen als Wachstumstreiber. Abgeleitet von dem Statement ihres Kollegen Clemmer von NXP, der ja gesagt hat, NXP sei eine chinesische Firma mit Hauptsitz in Eindhoven, war 2013 nun auch Ihr Umsatz in Asien erstmals höher als in Europa. Wird Infineon zu einer chinesischen Firma mit Hauptsitz in Neubiberg? Wie wirkt sich das denn auf ihre Investitionen in Mitarbeiter, Maschinen und Fabriken aus?

Ploss: In China wollen wir als chinesisches Unternehmen wahrgenommen werden. Dazu müssen wir lernen, in China chinesisch zu denken und zu handeln. Vor allen Dingen muss das Management vor Ort bestimmte Entscheidungen treffen dürfen, auch wenn die wesentlichen strategischen Entscheidungen hier am Unternehmenssitz gefällt werden. Ich glaube, wir leben von unserem Netzwerk der Kompetenzen. Wir sind sehr stolz auf unsere Mannschaft hier in Deutschland mit ihrer extrem umfassenden technischen Kompetenz. China und auch Korea sind besser in der linearen Umsetzung: Erkannt, gewollt, Schienen gelegt, Gas gegeben. Wenn ich meinen Mitarbeitern hier etwas sage, dann ist dies oft die Einladung, Selbiges zu diskutieren, das kann durchaus zu neuen Ansätzen und Ideen führen.

Elektronik: Das haben Sie ja schön gesagt….

Ploss: Diskussion schätze ich sehr. Aber wenn wirklich etwas zu exekutieren ist, mache ich klare Ansagen. Aber nochmal zurück zu China: Bei Projekten wie dem BMW i3 konnte Infineon nur deswegen erfolgreich sein, weil wir hier in Deutschland eine systemische Kompetenz haben. Ich glaube nicht, dass wir diese kurzfristig in China ansiedeln können. Nichtsdestotrotz gilt für unseren chinesischen Standort, auch dort wird hervorragende Arbeit geleistet.

Elektronik: Subventionen finden in Asien unverändert statt, im Gegensatz zu Deutschland und Europa. Können Sie uns schildern, wie ihre Haltung dazu ist und welche Auswirkung Sie auf Ihr Geschäft spüren?

Ploss: Grundsätzlich bin ich kein großer Freund von Subventionen. Einzige Ausnahme für staatliche Hilfe ist die Forschungsförderung; und zwar immer dann, wenn es gilt, Themen zum Laufen zu bringen bis hin zu Pilotlinien und einem Volumensanlauf. Europa, speziell Deutschland, ist für mich ein Standort des Wissens und der Kompetenz über gesamte Wertschöpfungsketten. Hier gilt es nicht, per se größer zu werden, sondern schneller, also Forschung zu beschleunigen. Mit dem Instrument der Forschungsförderung können wir das eine oder andere Risiko mehr nehmen, als wir es sonst nehmen würden. Vieles funktioniert gut, was die Zusammenarbeit mit dem Ministerium anbelangt. Trotzdem glaube ich, dass wir mehr in das Thema „Zukunft Deutschland“ investieren müssen. Wir leben heute von den Investitionen der Vergangenheit. Forschungsförderung kann F&E-Bedingungen in Deutschland verbessern und die Fähigkeit stärken, Technologien zu entwickeln. Andernfalls können wir im globalen Wettbewerb nicht bestehen. Ein anderer Aspekt ist das „Level playing field“, also faire Wettbewerbsbedingungen. Wenn andere Staaten Subventionen auf der Investitionsseite bieten wie jetzt in Albany (USA), muss das für alle Markteilnehmer möglich sein. Wir sehen aber, dass in Asien vorzugsweise asiatische Firmen und in den USA vorzugsweise US-Firmen subventioniert werden. Das ist negativ für den Wettbewerb.

Elektronik: Aber wie wollen sie das verändern? Sie werden es ja kaum schaffen, die amerikanische Regierung oder auch die Regierung von Taiwan zu motivieren, ihre Subventionen einzustellen?

Ploss: Die Politik muss die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass zukunftsträchtige, systemrelevante Industrien bleiben und weiter wachsen. Europa und Deutschland differenzieren sich durch Wissen und Innovation und beides muss vor Ort bleiben. Ein Beispiel ist unsere 300-mm-Investition in Villach und Dresden; die Starthilfe des Staates für die Forschung war hilfreich, aber die weitere unternehmerische Verantwortung will ich nicht an den Staat abtreten.