Kommentar Dialog übernimmt Atmel: Komplementär, aber teuer

Chefredakteur Elektronik
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Das Fusionskarussell in der Halbleiterindustrie rotiert weiter. Nun will also die britisch-deutsche Dialog Semiconductor den im kalifornischen Silicon Valley ansässigen Wettbewerber Atmel für 4,6 Mrd. Dollar schlucken.

Nicht unbedingt naheliegend, hatte Dialog erst 2014 mit der österreichischen ams fusionieren wollen.

Ein Blick auf beide Fusionspartner zeigt, dass sich hier zwar zwei umsatzmäßig fast gleich Große begegnen, allerdings sind die Abweichungen beim wirtschaftlichen Erfolg beträchtlich. Atmel setzte im 1. Hj. 2015 rund 625 Mio. Dollar um, im vergleichbaren Vorjahreszeitraum noch 693 Mio. Dollar. Im zweiten Quartal 2015 standen nur noch 306 Mio. Dollar Umsatz bei einem schmalen Gewinn von 6,3 Mio. Dollar unter dem Strich. Während Atmel seit mehreren Quartalen im Rückwärtsgang unterwegs ist, ist Dialog in letzter Zeit deutlich gewachsen. Von 2013 auf 2014 kletterte der Umsatz von 901 Mio. Dollar um 28 % auf 1,156 Mrd. Dollar und das bei einem Gewinn von 138 Mio. Dollar. Bereits im vierten Quartal 2014 überholte Dialog mit 435 Mio. Dollar Umsatz seinen Fusionspartner Atmel endgültig. Im 1. Hj. 2015 setzte Dialog 627 Mio. Dollar um und blieb damit weiter vor Atmel. Bei Dialog ist traditionell das vierte Quartal mit Abstand am stärksten, was sich durch die hohe Abhängigkeit des Geschäfts vom Endkundenmarkt erklären lässt.

Wenn man diese wirtschaftlichen Kenndaten ansieht, fragt man sich: Was findet eigentlich Dialog an Atmel? Ein niedriger Kaufpreis kann es jedenfalls nicht gewesen sein, denn Dialog legt für ein schrumpfendes Unternehmen immerhin 4,6 Mrd. Dollar auf den Tisch, ein Aufschlag von 43 % auf die Marktkapitalisierung Atmels vor Bekanntgabe des Merger. Auch die jährlichen Synergieeffekte in Höhe von 150 Mio. Dollar nach zwei Jahren der Eingliederung reichen als Grund nicht aus.

Bleiben noch die inneren Werte des Fusionspartners oder die Schwächen des Konsolidierers. Trotz allem wirtschaftlichen Erfolg ist Dialog ein ziemlich einseitig aufgestelltes Unternehmen, was sowohl Marktorientierung als auch Kundenstruktur betrifft. Mobile Systeme mit Chips für die Bereiche Power Management, Audio und Displays machen 82 Prozent des Umsatzes (943 Mio. Dollar) aus, wohingegen die drei weiteren Geschäftsfelder Automobil und Industrie, Connectivity und Power Conversion jeweils nur einstellige Umsatzanteile aufweisen. Die Kundenstruktur ist eine weitere Achillesferse der Deutschbriten, denn 87 % aller Umsätze werden mit nur fünf Topkunden erzielt. Atmel hingegen verfügt über ein viel breiteres Produkt- und Technologieportfolio, von Mikro­con­trol­lern und Touch-Controllern über nichtflüchtige Speicher bis hin zu Sicherheits- und Funkchips und vor allem über eine weit diversifizierte Kundenbasis.

Wenn es Dialog mit seinen rund 1400 Mitarbeitern gelingt, die etwa 5000 Atmel-Kollegen erfolgreich zu integrieren, dann kann ein erfolgreiches Halbleiterunternehmen mit einem Umsatz von addierten 2,7 Mrd. Dollar entstehen, bei dem die Abhängigkeit von den fünf Top-Kunden auf erträglichere 45 Prozent sinkt. Die Produktsortimente sind weitgehend komplementär, aber der hohe Preis schmerzt offenbar die Aktionäre.