Kommentar Deutschland schafft die Chipindustrie ab

Frank Riemenschneider, Elektronik
Frank Riemenschneider, Elektronik

Lange hat es gedauert, bis Bundeswirtschaftsminister Rösler den Weg ins deutsche Chip-Mekka »Silicon Saxony« gefunden hat. Wer allerdings gehofft hatte, der Minister hätte die berechtigten Anliegen der deutschen Halbleiter-Industrie im globalen Wettbewerb verstanden, wurde einmal mehr enttäuscht.

Eigentlich war die Idee gut – der sächische Branchenverband »Silicon Saxony« hatte die Industrie 4.0. als Aufhänger benutzt, um Noch-Bundeswirtschaftsminister Rösler deutlich zu machen, welcher Schlüsselrolle die Mikroelektronik in Bezug auf die deutsche Industrie einnimmt.

In einem “Dresdner Position” genannten Papier, das man dem Minister in die Hand drückte, wurde mehr oder weniger deutlich um zusätzliche Fördergelder geworben, eine angesichts der - diplomatisch formuliert – unterschiedlichen Subventionspolitik einiger Länder insbesondere in Bezug auf Fertigungsanlagen ein mehr als berechtigtes Anliegen.

Wie leider nicht anders zu erwarten, stieß man bei Rösler mehr oder weniger auf taube Ohren: “Wir brauchen in Deutschland unser Licht nicht unter den Scheffel zu stellen. Wir haben eine hervorragende Forschungsinfrastruktur. Unternehmer werden im vorwettbewerblichen Raum solide unterstützt…”, erklärte der Minister in Dresden. Im “vorwettbewerblichen Raum” heißt eben auch, Fördergelder für die Forschung ja, für den Bau milliardenteurer Fabs nein – anders als dies z.B. die USA, Korea oder Taiwan handhaben, wo ein TSMC nur und alleine dank staatlicher Gelder zum Leben erweckt wurde und heute die weltgrößten Fabs mit stetig steigenden Umsätzen betreibt.

Wie man gleiche Wettbewerbsbedingungen, wie sie Verbands-Vorstand und Infineon-Dresden-Chef Helmut Warnecke berechtigterweise forderte, aus Sicht des Wirtschaftsministeriums schaffen soll, hatte mir Röslers Mitarbeiter Regierungsdirektor Dr. Joachim Reichert bereits in Berlin mitgeteilt: “Man muss den Taiwanern sagen, dass der Subventionswahnsinn aufhören muss”. Dies ist sicher ein interessanter Ansatz, ich frage mich nur, welche Motivation die taiwanische Regierung haben soll, die erfolgreiche Unterstützung für TSMC & Co., die Taiwan zu einer weltweiten Chip-Hochburg hat werden lassen, plötzlich einzustellen bzw. welche Druckmittel die Bundesregierung einsetzen will? Realistisch gesehen würde wohl jeder deutsche Politiker ausgelacht, wenn er bei Regierungsgesprächen die Einstellung der Fördermaßnahmen fordern würde.

Ein weiteres Problem, das Rösler ebenfalls vollkommen verkennt, ist die Tatsache, dass Deutschland nicht nur im Wettbewerb mit den USA und asiatischen Staaten bezüglich der Chipfertigung abgehängt zu werden droht, sondern auch innerhalb Europas von Frankreich.

Dessen Regierung hat nämlich offenbar anders als die Bundesregierung erkannt, dass es 5 vor 12 ist und ein Förderprogramm mit dem Namen Nano2017 aufgesetzt. Unter Federführung des Entwicklungslabors für Elektronik und Informationstechnologien (LETI) des Kommissariats für Atomenergie und alternative Energien (CEA) und des französisch-italienischen Konzerns STMicroelectronics sollen bis 2017 insgesamt 3,5 Mrd. Euro in die Erforschung und Entwicklung industrieller Anwendungen der Nanotechnologie fließen. Die Regierung bezuschusst das Projekt mit 600 Mio. Euro, wie Premierminister Marc Ayrault Ende Juli 2013 in Grenoble mitteilte.

Das Programm setzt damit das ähnlich gestrickte Vorgängerprojekt Nano2012 fort, das 2008 angekündigt worden war. Wie dieses ist auch Nano2017 schwerpunktmäßig im Cluster für Mikro- und Nanotechnologie sowie Software (Pôle de compétitivité Minalogic) in Crolles bei Grenoble angesiedelt. Zielsetzung ist ausdrücklich, bis 2017 einen Sprung in der Entwicklung und der Verbreitung industriell nutzbarer Nanotechnologie herbeizuführen. Mit rund 1,5 Mrd. Euro entfällt ein Großteil der geplanten Investitionen auf die Erweiterung der Produktion von Wafern durch STMicroelectronics am Standort Crolles. Von derzeit 3.500 Wafern pro Woche soll die Kapazität auf 7.000 Wafer erhöht werden.

Dass Globalfoundries seine Kapazität am Standort Dresden erweitern wird, bleibt zu bezweifeln – CEO Ajit Manocha hatte mir gegenüber im Interview erklärt, dass er von Gesprächen mit Beratern von Bundeskanzlerin Merkel in Berlin mehr als enttäuscht gewesen sei und zu Recht darauf hingewiesen, dass man im globalen Wettbewerb um die attraktivsten Standorte stehe. Das Ergebnis ist ja u.a., dass die Leading-Edge-Fabs von Globalfoundries dank amerikanischer Milliardenhilfen nicht in Dresden, sondern an der US-Ostküste in Albany stehen. Insofern waren Röslers Äußerungen in Dresden nichts anderes, als die destruktive Linie der Bundesregierung im Hinblick auf die Unterstützung der Mikroelektronik insbesondere der Halbleiter-Fertigung konsequent fortzusetzen. Sein Ratschlag, die Industrie “möge sich doch besser vernetzen” hilft leider nicht, Milliardeninvestitionen für eine Leading-Edge-Halbleiter-Fab beizubringen, am besten noch für 450-mm-Wafer, wie es das IMEC, wo bereits eine 450-mm-Pilotlinie läuft, schon seit langem fordert, um Europa technologisch wieder zur Weltspitze zu führen.

So bitter es auch ist, aber diese Politik kann mittel- und langfristig nur zu einem Ergebnis führen: Deutschland schafft die Chipindustrie ab.