Kommentar zur Katastrophe in Japan Der lange Weg nach Europa

Gerhard Stelzer ist Chefredakteur der Elektronik

Im von Erdbeben, Tsunami und dem schweren Atomunfall geplagten Japan offenbart sich langsam das wahre Ausmaß der Katastrophe. Eine umfassende Kernschmelze konnten die Katastrophenhelfer in Fukushima durch aufwendige Kühlmaßnahmen bis dato abwenden. Die Bewohner der Region mag das angesichts des vielfachen Austritts radioaktiven Materials wenig trösten. Sie haben ihre Existenz verloren und müssen ganz von vorne anfangen.

Wir in Deutschland zeigen zwar Anteilnahme, können aber in der komfortablen Situation des fernen Beobachters das Ausmaß der Katastrophe nicht wirklich begreifen. Ende März begegnete ich auf dem Globalpress-Electronics Summit 2011 im kalifornischen Santa Cruz einem japanischen Kollegen aus Tokio, der Angst um seine Familie zu Hause hatte. Wenn er könnte, würde er Japan verlassen, sagte er. Damit würde er aber Arbeitsplatz und Existenz verlieren.

Diese persönlichen Schicksale rücken derzeit gerade in den Hintergrund und werden von wirtschaftlichen Erwägungen verdrängt. Nicht nur die Bevölkerung leidet unter den Folgen der Dreifachkatastrophe, sondern auch die industrielle Produktion. Selbst intakte Fabriken konnten aufgrund fehlender Kraftwerkskapazitäten nicht ohne weiteres wieder die Produktion aufnehmen.

Das Finanzministerium in Tokio meldete den ersten Exportrückgang seit 16 Monaten. Im Jahresvergleich betrug das Minus im März 2,2 %. Die Importe hingegen stiegen um 11,9 %. Im Februar lag das Exportplus noch bei 9 % über Vorjahr.

Kenji Tsuda von der japanischen Online-Publikation „semiconportal.com“ berichtete in Santa Cruz, dass nicht ganz Japan betroffen sei, sondern vor allem die Distrikte Tohoku mit den Präfekturen Miyagi und Fukushima sowie der Kanto-District, zu dem auch Tokio zählt. Trotz der regionalen Begrenzung liest sich die Liste der von Produktionsausfällen betroffenen Elektronik-Firmen wie das „Who is who“ der japanischen Elektronikindustrie. Allein Canon spricht von zehn beschädigten Einrichtungen. Fujitsu berichtet von fünf beschädigten Fabriken, Nikon von acht. Panasonic muss auf drei beschädigte Werke verzichten, Renesas beklagt fünf beschädigte Fabriken. Bei Rohm sind derzeit zwei Werke betroffen, und Sony muss auf vier Fabriken verzichten. Der Toshiba-Konzern hat mit drei beschädigten Werken zu kämpfen. Darüber hinaus müssen auch nichtjapanische Unternehmen wie On Semiconductor, Texas Instruments und Freescale den Ausfall von Produktionsstätten in Japan verkraften.

Besonders eng könnte es laut dem Marktforscher IHS iSuppli bei der Versorgung mit rohen Halbleiter-Wafern werden, da durch Fabrikausfälle bei Weltmarktführer Shin-Etsu und der Nummer drei MEMC rund 25 Prozent der weltweiten Kapazitäten vorübergehend wegfielen. Laut Semiconportal musste auch die weltweite Nummer zwei Sumco auf eine Fabrik verzichten.

Bald dürften uns in Europa die ersten Auswirkungen erreichen. Die Unterbrechungen der Lieferketten wurden bislang weitgehend mit Lagerbeständen überbrückt. Doch die Pipeline läuft langsam leer und es werden Schlüsselkomponenten, Chips, passive Bauelemente sowie spezielle Materialien knapp. Wenn uns demnächst Produktionsausfälle drohen, dann sollten wir uns die Zeit nehmen, unsere Lieferketten auf den Prüfstand zu stellen, und wir sollten daran denken, dass die Bewohner der Katastrophenregion mit einer ganz anderen Qualität von Problemen zu kämpfen haben.