Interview mit Tyson Tuttle »Der Kauf von Energy Micro verdreifacht unsere Ressourcen für ARM-basierte Lösungen«

CEO Tyson Tuttle in seinem Büro in Austin bei ausnahmsweise einmal bewölktem Himmel im amerikanischen Sonnenstaat Texas.
CEO Tyson Tuttle in seinem Büro in Austin bei ausnahmsweise einmal bewölktem Himmel im amerikanischen Sonnenstaat Texas.

Sechs Jahre nach seiner Gründung ist das norwegische Startup Energy Micro schon wieder Geschichte – es wurde vom Halbleiterhersteller Silicon Labs gekauft. Warum Silicon Labs ein ähnliches Desaster wie Texas Instruments nach dem Kauf von Chipcon im Jahr 2006 erspart bleiben sollte, erklärt CEO Tyson Tuttle.

Elektronik: Herr Tuttle, Silicon Labs zahlt für das Immer-noch-Startup Energy Micro 115 Millionen Dollar in bar plus etwa nochmal – nur bedingt erfolgsabhängige - 55 Millionen Dollar einem späteren Zeitpunkt – also für ein Unternehmen mit einem geschätzten Umsatz von 10 Mio. Dollar im Jahr 2013. Wann erwarten Sie - wenn überhaupt – einen Return of Investment? Ist der Kauf zu diesen Konditionen nicht eine riskante Wette auf eine erfolgreiche Zukunft?

Tyson Tuttle: Wir prognostizieren für das 2. Halbjahr 2013 für die EFM-32-Gecko-Mikrocontroller einen Umsatz von 7 Mio. Dollar. Die Kombination von Silicon Labs’ und Energy Micro’s Produkten beschleunigt unseren Markteintritt und unsere 32-bit-MCU-Roadmap und reduziert letztendlich unsere Risiken in dem Embedded-Markt. Der Kauf von Energy Micro verdreifacht unsere Ressourcen, die an ARM-basierenden Lösungen arbeiten und Silicon Labs’ Vertriebsorganisation und Distributions-Kanäle können durch das gemeinsame 32-bit-Portfolio mit besseren Absatzmöglichkeiten und höheren Umsätzen rechnen. Das tatsächliche Risiko hätte darin bestanden, diese Chance zur zeitnahen Ausweitung unseres 32-bit-Portfolios nicht genutzt zu haben.

Elektronik: Im Jahr 2006 hat Texas Instruments Chipcon erworben, ein ehemaliges Unternehmen für Funk-Chips, gegründet und geleitet von genau der gleichen Mannschaft wie Energy Micro. CEO Geir Forre und andere wichtige Manager haben nach der Zahlung des Kaufpreises in Höhe von 200 Mio. Dollar TI seinerzeit sehr schnell verlassen und sollen zudem auch noch versucht haben, ehemalige Chipcon-Mitarbeiter von TI illegal abzuwerben. Im Jahr 2008 verklagte TI deswegen Forre vor einem norwegischen Gericht. Glauben Sie, Sie können ein ähnliches Szenario zu vermeiden? Wenn ja, warum?

Tuttle: Ich glaube, dass sich Geir langfristig bei Silicon Labs engagieren wird und wir haben den Deal in vielerlei Hinsicht derartig gestaltet, dass es unwahrscheinlich ist, dass Geir und andere Energy-Micro-Mitarbeiter Silicon Labs im Zuge der Übernahme verlassen werden. Zukünftig wird Geir als Senior Vice President und General Manager Silicon Labs' gemeinsames MCU-Geschäft leiten und er wird Zugang zu zusätzlichen Ressourcen bekommen, die ihm helfen werden, die Low-Power-MCUs weiter auszubauen, die er bei Energy Micro entwickelt hat. Noch wichtiger als die Verträge ist allerdings die Tatsache, dass Geir bei Silicon Labs die Möglichkeit hat, das MCU-Geschäft gobal auf einen nennenswerten Umfang auszubauen. Darüber hinaus ist Geir jetzt an einem anderen Punkt in seiner Karriere, als er es zu seiner TI-Zeit war. Er hat nacheinander zwei Start-up-Unternehmen aufgebaut, und heute ist es schwieriger, ein Start-up von der grünen Wiese aufzubauen als es in den letzten zehn Jahren der Fall war. Jetzt und in der Zukunft haben Geir und ich viele Herausforderungen und Chancen, die wir zusammen im MCU-Markt verfolgen wollen.

Elektronik: Was sind die Kriterien für die Zahlung der zusätzlichen 55 Millionen Dollar und zu welchem Zeitpunkt müssen Sie zahlen?

Tuttle: Zunächsteinmal gehen von den 115 Millionen Dollar Sofortzahlung die derzeitigen Kredite und sonstigen Verbindlichkeiten von Energy Mico Stand 1. Juli ab. Dazu kommt eine Zahlung in Höhe von 22 Millionen Dollar über die nächsten 4 Jahre verteilt. Der Kaufvertrag sieht weiterhin eine Summe von ca. 33,3 Mio. Dollar vor, die fällig wird, wenn das jährliche Umsatzwachstum von bestimmten Energy-Micro- und Silicon Labs-Produkten über einen Zeitraum von fünf Jahren beginnend mit dem Geschäftsjahr 2014 bis 2018 25 Prozent übersteigt. Diese Summe wird auf jährlicher Basis gezahlt und in keinem Fall 6,66 Mio. Dollar pro Jahr übersteigen, es sei denn, die Einnahmen aus den definierten Produkten übersteigen 400 Mio. Dollar in einem einzigen Geschäftsjahr innerhalb des genannten Zeitraums. In diesem Fall wird der Gesamtbetrag abzüglich der zuvor gezahlten Beträge fällig.

Elektronik: Silicon Labs selbst bietet eine Ultra-Low-Power-MCU-Familie an, die mir im Vergleich zu Energy Micros EFM32 sehr wettbewerbsfähig erscheint und die gleichen bzw. ähnliche Märkte addressiert. Meine Schlussfolgerung ist, dass der Grund für die Aquisition nicht die EFM32-Produkte, sondern die EFM32-EFR4D-Funkchips waren. Werden Sie zukünftig die Funktechnologie in die Mikrocontroller integrieren oder einfach nur diskrete Funkchips verkaufen?

Tuttle: Die breite Aufstellung der EFM32-Familie war entgegen Ihrer Annahme tatsächlich ein wichtiger Faktor für unsere Entscheidung, Energy Micro zu erwerben. Die Akquisition erweitert Silicon Labs' ARM-basiertes Portfolio um rund 250 Gecko-MCUs einschließlich der kürzlich eingeführten Wonder-Gecko-MCUs mit ARMs Cortex-M4. Darüber hinaus macht auch die Integration von Low-Power-ARM-Cores mit HF-Transceivern in einem SoC sehr viel Sinn für Energie-sensitive Anwendungen wie drahtlos verbundene Geräte für das Internet der Dinge. Die Übernahme von Ember Mitte 2012 hat uns branchenführende ZigBee-Software-Stacks gebracht und Energy Micro ermöglicht uns jetzt den Zugriff auf weitere Low-Power-Wireless-Protokolle wie Bluetooth Low Energy. Zur Zeit bieten wir eine Reihe von Ember-ZigBee-SoCs an und planen, neue Generationen von ARM-basierten Lösungen unter Einbeziehung der besten und ernergiefreundlichsten Embedded-Wireless-Technologien beider Unternehmen zu entwickeln.

Elektronik: Der EFM32 wird in 180-nm-Technologie gefertigt - das ist viel teurer im Vergleich zu konkurrierenden Produkten einschließlich Ihrer eigenen MCUs. Werden Sie den EFM32 auf einen neuen Herstellungsprozess portieren?

Tuttle: Ja, wir werden das EFM32-MCU-Portfolio von 180 nm auf 90 nm-Prozesstechnologie migrieren. Dies hilft uns in der Tat, Kosten zu senken und gleichzeitig den Platzbedarf und die Leistungsaufnahme zu reduzieren.

Elektronik: Können Sie mir Ihre zukünftige MCU-Strategie erklären? Wollen Sie die EFM-Familien und zusätzlich SiM3C1xx, SiM3L1xx und SiM3U1xx verkaufen und weiterentwickeln? Wie soll das denn funktionieren?

Tuttle: Wir werden weiterhin die bestehenden ARM-basierten MCU-Produkte von unseren Kunden unterstützen. Die Fusion der beiden Precision32- und EFM32-Portfolios ermöglicht zukünftig die Nutzung der besten Ultra-Low-Power-und Mixed-Signal-Technologien von jeder Familie. Neue 32-Bit-Produkte werden unter der EFM32-Gecko-Marke entwickelt. Wir haben auch eine lange Historie im 8-Bit-Geschäft mit dem 8051 und werden auch dies weiterentwickeln und unterstützen. Unser oberstes Ziel ist es, unser Geschäft mit MCUs siginifikant auszubauen und zu einem Marktführer aufzusteigen, der im Wettbewerb gegen viel größere Mikrocontroller-Lieferanten erfolgreich bestehen kann.

Elektronik: Herr Tuttle, vielen Dank und viel Glück.