Interview mit Hermann Eul »Das Vorurteil der hohen Leistungsaufnahme hält nicht mehr lange«

Prof. Hermann Eul ist bei Intel für das gesamte Mobilgeräte-Geschäft verantwortlich und berichtet direkt an CEO Brian Krzanich.
Prof. Hermann Eul ist bei Intel für das gesamte Mobilgeräte-Geschäft verantwortlich und berichtet direkt an CEO Brian Krzanich.

Anfang September hatte er als Keynoter seinen ersten großen Auftritt bei Intels Entwicklerkonferenz IDF: Ex-Infineon-Vorstand Prof. Hermann Eul, der für das komplette Smartphone- und Tablet-Geschäft verantwortlich ist. Im Exklusiv-Interview mit der Elektronik gab Eul Einblicke in Intels vermutlich zukünftig größten Wachstumsmarkt.

Elektronik: Herr Prof. Eul, zuerst die Frage, haben Sie sich gut im Silicon Valley eingelebt und wie viele Ihrer Manager-Kollegen ein schönes Haus in Palo Alto gefunden?

Prof. Hermann Eul: Nein, ich wohne seit meinem Umzug in einem wundervollen modernen Hochhaus-Appartment, ich bin ja zum arbeiten in die USA gekommen und hatte keine Zeit für eine Haussuche.

Elektronik: Als Corporate Vice President berichten Sie nicht an einen formell über Ihnen stehenden Executive Vice President, sondern direkt an Ihren CEO. Wieso das?

Eul: Diese Titel sind bei Intel nicht so streng an Funktionen geknüpft, wie Sie das vielleicht von anderen Firmen kennen. Die hängen hier viel mit Traditionen zusammen und ich bin ja noch nicht so lange dabei (lacht).

Elektronik: Da bleibt ja noch ein weiterer Karriereschritt zum Executive VP…

Eul: Ich messe Karriereschritte nicht in Titeln, sondern Verantwortlichkeiten. Ich bin ja für einen, wenn nicht den wichtigsten Wachstumsmarkt der nächsten Jahre verantwortlich und dieser ist bei uns intern noch dadurch aufgewertet worden, dass ich jetzt direkt an den CEO berichte.

Elektronik: Intel hat ja mit CEO Brain Krzanich und President Renee James eine Doppelspitze installiert. Da Sie jetzt so nah am CEO dran sind, möchte ich Sie fragen, wie Sie diese Doppelspitze so wahrnehmen – es gibt ja auch Beispiele wie SAP, wo das nicht funktioniert hat.

Eul: Ich erlebe es sehr konstrutiv und verstehe jetzt auch, warum Intel dieses Modell mit CEO und President schon früher so oft hatte. Es sind in unserem Geschäft große Komplexitäten zu beherrschen und man hat sich offenbar daran erinnert, dass dieses Modell früher sehr erfolgreich war. Im übrigen gibt es eine eindeutige Entscheidungskompetenz, die liegt beim CEO.

Elektronik: Kommen wir zu Ihren Produkten. Basierend auf der neuen Silvermont-Architektur haben Sie auf dem IDF die ersten Tablet-Chips präsentiert und 2014 folgen dann die für Smartphones. Wieviel Marktanteil wollen Sie ARM denn abjagen?

Eul: Natürlich haben wir interne Ziele, die wir nachdrücklich verfolgen, leider kann ich Ihnen diese nicht mitteilen (lacht).

Elektronik: Im Jahr 2008 haben Sie auf dem IDF in Peking den ersten Atom-Prozessor mit einer sehr einfachen In-Order-Mikroarchitektur vorgestellt, der auch noch in einem seinerzeit aus Ihrer Sicht antiquierten 45-nm-Prozess gefertigt wurde – Ihre Core-i-Chips waren damals schon auf 32 nm. War es aus heutiger Sicht ein Fehler, zu glauben, das Sie damit gegen ARM bestehen können?

Eul: Ich glaube, wenn Sie in ein neues Marktsegment reinwollen, müssen Sie eine Segmentierung vornehmen, es hätte keinen Sinn gemacht, einen Mini-Core-i zu bauen. Mit Quark gehen wir ja diesen Weg auch weiter, der wird noch einfacher als ein Atom sein.

Elektronik: Was Quark angeht, gebe ich Ihnen Recht, da konkurrieren Sie ja auch mit Mikrocontrollern wie Cortex-M. Bei den Mobilgeräten kamen aber damals gerade Cortex-A9-Designs mit einer Dual-Issue-Out-of-Order-Architektur auf und der Erfolg Ihres Atom ist dort ja auch überschaubar…

Eul: Die Werte bezüglich Rechenleistung und Leistungsaufnahme sind viel besser, als das von fast allen Beobachtern erwartet wurde und ich glaube, wenn wir damals einen größeren Marktanteil gehabt hätten, wären die richtig gut gelaufen.

Elektronik: Wenn Sie einen Platzhirschen, in diesem Fall ARM verdrängen wollen, müssen Sie ja wesentlich besser sein, damit Ihre Kunden, also die Handy- und Tabletbauer, aus Ihren Chips soviel Nutzen ziehen, dass sich der Wechselaufwand des Ecosystems rentiert. Medfield (Anmerkung: SoC für Smartphones auf Basis der Atom-CPU) war aber nicht wesentlich besser, sondern maximal gleich gut als die besten ARM-basierenden Chips.

Eul: Das stimmt, den Abstand hat Medfield nicht gebracht, aber es war besser als alle erwartet haben. Wir haben alle Prognosen insbesondere hinsichtlich der Leistungsaufnahme wiederlegt.

Elektronik: Kommen wir zu den Modems. Was glauben Sie, wie wir in 10 Jahren kommunizieren?

Eul: Wir werden immer mehr verschiedene Formfaktoren haben, in denen mobile Kommunikation enthalten ist. Armringe und Brustbänder sind nur die Spitze des Eisbergs, ich denke sogar, dass implantierbare Chips im Medizinbereich viel Nutzen stiften können. Das entscheidene Kriterium wird die Leistungsaufnahme der Funk-Chips sein. Die Rechenleistung wird genauso dosiert werden, wie es die Anwendung braucht und davon bestimmt, welche Batteriekapazität existiert. Dafür entwickeln wir Quark, weil es viele Anwendungen geben wird, bei denen wir uns die Rechenleistung eines Atom nicht leisten können. Der Trend ist klar: Low-Power.

Elektronik: Entwickeln Sie bereits eine Mobilfunkgeneration nach LTE-Advanced?

Eul: Ja, da arbeiten wir dran, ebenso an den Standardisierungen für die folgenden Generationen.