Elektronik-Zeitreise Computer unterm Weihnachtsbaum?

Was liegt bei Ihnen unterm Weihnachtsbaum? Vielleicht ein Smartphone? Oder ein 55-Zoll-Fernseher? Alles, aber vermutlich kein Heimcomputer, denn das war gestern. 1977 hingegen waren Computer als Weihnachtsgeschenk noch ein Zukunftstraum.

Ein Weihnachts-Editorial von Rudolf Hofer aus dem Dezember 1977.

Für Eingeweihte ist es längst kein Geheimnis mehr: In wenigen Jahren wird jeder Haushalt seinen Computer haben. Was dieser Behauptung entgegensteht, sind weniger technische Gründe oder der Preis. Vielmehr ist es der Umgang mit dem Computer, der erst einmal gelernt sein will. Selbst technisch geschulte Leute können davon ein Lied singen.

Wenn man vom Heimcomputer spricht, schielt man zunächst nach Amerika. Bekanntlich gibt es dort bereits eine stattliche Anzahl von privaten Computer-Besitzern – man schätzt sie inzwischen auf etwa 100.000. Die Ausstattung kauft man um die Ecke im Computershop, und im Computerclub tauscht man Hardware und Programme. In eigenen Messen kann man das Angebot studieren. In Anzeigen sieht man die Hausfrau am Herd und den Mann am Terminal.

Man möchte meinen, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten sei der Haushaltscomputer bereits gang und gäbe. Fragt man aber Vertreter führender amerikanischer Firmen, dann bekommt man die Antwort, daß es sich bei den »Hobbyisten« tatsächlich fast ausschließlich um Ingenieure, Programmierer oder Studierende einschlägiger Fächer handelt. Nicht selten werden Summen bis zu 10.000 Dollar investiert. […]

Computer bauen aus Einzelteilen

Auch hierzulande hat sich bereits ein Kreis von Enthusiasten gebildet. Allmählich sprießen auch einschlägige Geschäfte aus dem Erdboden. Wie ihre amerikanischen Kollegen opfern die Bastler viel Zeit, Mühe und Geld für ihr Hobby. Die ersten bauten sich ihren Mikrocomputer noch aus Einzelbauteilen zusammen. Sie mußten die Erfahrung machen, daß sie ungebetene Kunden der Industrie sind, und konnten sich oft nur mit Tricks die Datenblätter besorgen, da sie auf das magische Wort »Stückzahl?« nur Eins antworten konnten.

Manchen von ihnen war auch neu, daß sie nach der Ankündigung eines Produktes noch monatelang warten müssen, bis sie es kaufen können. Und schließlich passierte es nicht wenigen, daß fertig bestückte Computerplatinen billiger angeboten wurden als die vor kurzem gekauften Einzelteile, obwohl diese noch nicht einmal zusammengebaut waren. Um eine wirklich gebrauchsfähige Ausstattung zu bekommen, die sich nicht nur zum Spielen eignet, mußte man bisher etliche Tausender ausgeben und viel Ärger in Kaufnehmen.

Woher nehmen nun angesichts dieser Tatsachen die »Computer-für-Jedermann«-Gläubigen ihren Optimismus? Nun: Gewaltigen Auftrieb bekamen sie durch die Ankündigung des PET-Computers, der ins Basic programmiert wird und zunächst unter 2000 DM kosten sollte.

Doch auch hier bekamen die »dummen Interessenten« erst einmal eine Ohrfeige verpaßt: Aus den 2000 wurden 2500 DM – was noch gar nicht feststeht, weil man eventuell nur die große Version für etwa 2800 DM verkaufen will –, und der Liefertermin wurde von September 77 auf Februar 78 verschoben. Trotz dieser momentanen Startschwierigkeiten steht außer Zweifel, daß ähnliche Systeme über kurz oder lang den Durchbruch zum Normalverbraucher schaffen werden.

Programmieren, weil es Spaß macht

Aber: Kann man wirklich von der Hausfrau, die sich bisher noch weigert, die Stereoanlage zu bedienen oder einen Film in den Fotoapparat einzulegen, verlangen, in Basic zu programmieren? Die Antwort lautet: »Sie braucht es nicht.«

Die privaten Computeranwender werden sich nämlich in zwei Gruppen teilen: Die eine wird aus den Hobbyisten bestehen, die programmieren, weil es Spaß macht. Die andere wird den Computer als Werkzeug benutzen. Alles, was von diesen Leuten verlangt wird, ist: Kassette einlegen, wenige Tasten drücken und dann den Anweisungen folgen, die auf dem Bildschirm erscheinen. Schwerer als Autofahren wird diese Tätigkeit nicht sein, aber wesentlich ungefährlicher.

Die möglichen Anwendungen kann man sich heute kaum vorstellen. Naheliegend sind Lehrprogramme etwa für Sprachen (womöglich mit abgesichertem Wörterbuch), Spiele auf der Schwierigkeitsstufe von Schach oder Abrechnungsprogramme für kleinere Betriebe. Man könnte sich aber auch Diagnoseprogramme vorstellen, die Fehler an Automobilen, Krankheiten von Menschen und Tieren oder sogar Reibungspunkte einer Ehe aufspüren…

Zukunftsmusik? Vielleicht.

Aber spätestens, wenn die erste Generation, die schon in der Schule Kontakt mit dem Computer hatte, »groß geworden« ist, wird er zum Allgemeingut geworden sein. Dann wird wohl auch ein Computer unterm Weihnachtsbaum nichts Außergewöhnliches mehr sein.

 

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