Kommentar Chips als Rohstoff?

Frank Riemenschneider, Elektronik
Frank Riemenschneider, Elektronik

Die Erkenntnis, dass die Chip-Industrie in Europa und auch Deutschland nicht die ihr gebührende politische Aufmerksamkeit genießt, ist nicht neu. Während die Frau Bundeskanzlerin alljährlich die CEBIT-Messe in Hannover eröffnet, auf der im Wesentlichen Produkte ausgestellt werden, die in Asien gefertigt werden, reicht es bei den für die deutsche Industrie so wichtigen Nürnberger Messen Embedded World oder SPS/IPC Drives nicht einmal für den bayerischen Ministerpräsidenten – mit ganz viel Glück kommt ein fränkischer Lokalpolitiker vorbei.

Auch die neueste Trendanalyse des ZVEI, die einen weiteren Abstieg Europas hinsichtlich der Halbleiterei dokumentiert, wird im Wirtschaftsministerium vergleichsweise emotionslos zu Kenntnis genommen, wie ein Vertreter desselben im Anschluß an die ZVEI-Präsentation einräumen musste. Dabei dokumentieren die ZVEI-Zahlen und –Prognosen bis 2015 ein aus europäischer Sicht extrem unerfreuliches Szenario: Der Anteil am Chipverbrauch liegt weltweit nur noch bei 13 %, womit Europa auf dem letzten Platz hinter dem dominierenden Asien (54 %), Amerika (18 %) und Japan (15 %) belegt. Noch bitterer sieht es bei Chip-Verkäufen und deren Produktion aus: Chip-Hersteller aus der EU waren schon 2010 nur noch weniger als 10 % der weltweiten Halbleiter-Verkäufe verantwortlich (alleine Intel, Texas Instruments und Qualcomm kommen zusammen auf über 20 %), bei der Fertigung wurde die EU nun auch von China überholt und kommt nur noch auf 9,8 % weltweit (Deutschlands Anteil ist auf 2,5 % gesunken). Bis 2015 erwartet der ZVEI für Europa einen weiteren Rückgang auf nur noch 8 % und dank Moores Law und den daraus resultierenden Fab-Light-Modellen wird sich dieser Trend fortsetzen.

Das fast schon paradoxe in dieser Entwicklung ist, dass die Halbleiterindustrie insgesamt rosige Zeiten vor sich hat. Der Verbrauch pro Kopf stieg von 3 Dollar im Jahr 1980 auf 43 Dollar in 2010, weltweit hat jeder Bürger im Schnitt 27 Chips gekauft. Alleine im Automobilbereich geht der ZVEI bis 2015 von einem jährlichen Wachstum von 11,2 % aus, getrieben u.a. durch Hybrid-Fahrzeuge, deren Halbleiter-Anteil gegenüber einem Verbrenner-Fahrzeug dreimal so hoch ist. Auch in dem zweiten für Deutschland relevanten Segment, der Industrie, wird mit 9,7 % ein überdurchschnittliches Elektronik-Wachstum zu verzeichnen sein, im wesentlichen getrieben von der Gebäudetechnik (Licht, Heizung, Strom), der Automatisierung, elektronischen Bezahlsystemen, der Antriebstechnik und der Medizintechnik.

Dass Chips für die weitere Entwicklung der Gesellschaft eine immer höhere Bedeutung gewinnen, wird nicht einmal im Wirtschaftsministerium bestritten. Die Maßnahme, die man sich überlegt hat, um die Wahrnehmung zu stärken, erscheint allerdings sehr individuell: Man will nämlich Halbleiter als Rohstoff definieren, da eine gesicherte Rohstoffversorgung offensichtlich eine höhere Priorität hat. Dabei weiß man ja, wie es geht: Mit dem Argument, nur eine eigenständige Mikroelektronik sichere auch künftig die Unabhängigkeit Europas, forderte die Industrie schon vor der Jahrtausendwende mehr Geld für Forschung und Entwicklung. Das Ergebnis waren die Förderprogramme Medea und Medea+, die laut ZVEI einen großen Beitrag dazu geleistet hatten, dass von 1999 bis 2005 Europas Fab-Kapazität mit dem Weltmarkt mitgewachsen war.

Argumentationshilfe in Sachen Begrifflichkeiten kam auf dem Medea-Forum 2003 vom damaligen Vertreter des Bundesforschungsministeriums, Manfred Dietrich: „Die Förderung von Forschung und Entwicklung ist keine Subvention“, stellte er klar, „sondern eine Investition.“ Wenn man sich doch an diese Worte auch noch heute in Berlin und Brüssel erinnern würde.