Kommentar AMD und ARM: Affäre ja, Beziehung nein

Frank Riemenschneider, Elektronik
Frank Riemenschneider, Elektronik

Kurz nach der Hochzeit von Prinz William und Kate Middleton ist die Zeit reif für eine zweite Traumehe – jedenfalls wenn es nach einigen Stimmen primär aus dem englischsprachigen Raum geht: AMD und ARM sollen die Auserwählten heißen, an deren Liebesleben sich die Elektronik-Community zukünftig erfreuen soll.

Der Grund für das „Undenkbare“, nämlich den Wechsel seitens AMDs von der x86-Architektur zu ARM, will man grob gesagt in zwei Dingen erkannt haben: Einerseits hat ARM-CEO Warren East bei der Vorstellung von ARMs tollem Quartalsergebnis (191 Millionen Dollar Umsatz und 35,5 Millionen Dollar Gewinn) auf entsprechende Fragen geantwortet, dass man schon seit Jahren versuche, ARM-Lizenzen an AMD zu verkaufen. Als zweiten Hinweis auf AMDs Weg zu ARM wird die Keynote-Ansprache eines ARM-Mitarbeiters auf AMDs Fusion-Entwickler-Konferenz, die vom 13. bis 16. in Bellevue im US-Staat Washington (quasi bei Microsofts Firmenzentrale um die Ecke), stattfindet, gedeutet. Und last but not least wurde ja – auch wenn es offiziell nie bestätigt wurde – AMDs Ex-CEO Dirk Meyer gefeuert, weil AMD keine Produkte für die explodierenden Smartphone- und Tablet-Märkte liefern kann und – wie übrigens auch Intel – bislang nur zuschauen konnte, wie ARM-Lizenznehmer wie Nvidia, Texas Instruments, Marvell und Qualcomm Millarden von Applikationsprozessoren für Mobilgeräte verkaufen.

Abgesehen davon, dass Warren East schon aus aktienrechtlichen Gründen bestätigen muss, dass man natürlich als Lizenzgeber von Cores versuchen muss, diese auch an einen Prozessorhersteller wie AMD zu verkaufen, würde ein Ausstieg AMDs aus der x86-Welt weder für AMD selbst noch für die restlichen Mitspieler einen Sinn ergeben – abgesehen natürlich von ARM, das seine Einnahmen steigern könnte.

Schon aus politischen Gründen würde ein Szenario, bei dem Intel nach dem Ausscheiden von AMD aus dem x86-Markt in diesem als Monopolist auftreten würde, scheitern: Die heutigen Kunden von AMD, d.h. die PC- und Server-Hersteller, würden mit aller Macht versuchen, ein Intel-Monopol zu verhindern, im Zweifel durch den Aufkauf von AMD durch ein gemeinsames Joint-Venture. Das Ergebnis: AMD würde durch seinen neuen Eigentümer gezwungen werden, weiterhin x86-Prozessoren zu bauen.

Die Regulierungsbehörden würden desweiteren vermutlich gezwungen sein, Intel in Teilkonzerne zu zerschlagen, was wiederum den Kunden zum Nachteil gereichen würde, die von dem integrierten Konzern heute am meisten profitieren.

Aber auch aus rein kommerziellen Interessen würde es für AMD keinen Sinn ergeben, seine limitierten personellen und finanziellen Ressourcen in den Smartphone/Tablet-Markt zu investieren.

Wie Meyer kurz vor seinem Abgang selbst herausstellte, weisen Smartphone-Prozessoren hohe Stückzahlen aber geringe Preise auf, wodurch der Umsatz limitiert wird. Der Umsatz mit Standalone-Smartphone-Prozessoren ohne Konnektivität (wie TIs OMAP oder Marvells Amada) lag 2010 unter 1 Mrd. Dollar, zusammen mit den integrierten Lösungen wie Qualcomms Snapdragon immer noch unter 1,7 Mrd. Dollar. Bis 2014 könnten sich diese Zahlen verdoppeln. Wenn AMD bis 2014 einen ARM-basierten Prozessor entwickeln würde und 10 % des Gesamtmarktes bekommen könnte, würde der Gesamtumsatz nur um 6 % steigen.

Der Tablet-Markt ist sicher einfacher erreichbar, allerdings nicht so groß. Angenommen, dass AMD auch dort 10 % des Gesamtmarktes bekommen könnte, würde damit der Gesamtumsatz des Unternehmens um nur weitere 3 % steigen.

Die Annahme mit 10 % Marktanteil ist dabei – wenn man ehrlich ist – noch sehr hoch gegriffen. Seit Jahren haben Firmen wie Qualcomm, Texas Instruments, Marvell und Nvidia Applikationsprozessoren auf Basis der ARM-Architektur entwickelt. Das Know-How, eine wettbewerbsfähige Lösung anzubieten, fehlt AMD heute völlig – die einzige Sparte, die seinerzeit Erfahrung mit ARM hatte, war die ATI-Grafiktruppe für Mobilgeräte, die man an Qualcomm verkauft hat. Warum ein ARM-basierender AMD-Chip besser als die existierenden oder zukünftigen Lösungen der Konkurrenz (genannt sei hier beispielhaft das Projekt „Denver“ von Nvidia) sein soll, erschließt sich jedenfalls mir in keinster Weise. Zusätzlich kommen auch noch Funktionen wie UMTS, LTE, Wi-Fi und GPS ins Spiel. Deshalb hat ja Intel auch kürzlich 1,6 Mrd. Dollar ausgegeben, um die Wireless-Sparte von Infineon zu kaufen. AMD hat diese finanziellen Möglichkeiten erst gar nicht und könnte integrierte Lösungen somit nicht anbieten.

Die Frage, wo AMD seinen Umsatz signifikant steigern kann, lässt sich leicht beantworten, wenn man sich die Bilanz von Intel ansieht: Dessen Rekordergebnisse wurden 2010 im Wesentlichen von dem hochprofitablen Server-Markt getrieben. Dieser beläuft sich auf rund 10 Mrd. Dollar und wird von x86-Chips dominiert. Cloud-Computing dürfte in den nächsten Jahren dafür sorgen, dass der Server-Markt eher noch zulegt.

Sinnvoll wäre es für AMD daher, sich einerseits auf wirklich gute x86-Server-Prozessoren zu focussieren und diese pünktlich auszuliefern, andererseits könnte ein ergänzendes Angebot von ARM-basierten Low-Power-Server-Prozessoren, die dank der hohen Stromrechnungen von Rechenzentrumsbetreibern an Attraktivität gewinnen, durchaus Sinn machen, da auch die Konkurrenz in dem ARM-Ecosystem in diesem Marktsegment noch überschaubar ist und zudem Microsoft ja eine Windows-Unterstützung für ARM in den Folgeversionen angekündigt hat.

Last but not least: Auf der AMD-Enwicklerkonferenz spricht weder ARM-CEO Warren East, noch Firmengründer und CTO Mike Muller noch ein anderes Mitglied des Top-Managements. Keynote-Sprecher Jem Davies ist ARM-Fellow und Vice-President in der Media-Processing-Division von ARM – sicher kein Leichtgewicht, aber wenn die Hochzeitsglocken für AMD und ARM in Form einer Lizenzvereinbarung in Kürze läuten sollten, würde dann doch wohl Bräutigam East persönlich erscheinen.

Daher wird AMD nach meiner Überzeugung weiterhin mit x86 verheiratet bleiben – eine Affäre mit ARM, um Low-Power-Server-Prozessoren (aber keine Chips für Smart-Phones oder Tablets) zu verkaufen, sollte man freilich nicht ausschließen.