Standardisierung für Industrie 4.0 Keine Zukunft für Insellösungen

Neue Technologien setzen sich nur durch, wenn Formate und Schnittstellen eindeutig standardisiert sind. Das gilt besonders für das komplexe Zusammenspiel der verschiedenen Systeme, wie es für die Umsetzung von Industrie 4.0 benötigt wird.

Die vierte industrielle Revolution ist in vollem Gang – und Fortschritte in diesem Bereich werden den Erfolg des Wirtschaftsstandortes Deutschland nachhaltig prägen. Beim Einsatz der dazu gehörigen digitalen Technologien zeigt sich eines deutlich: Für die Umsetzung von Industrie 4.0 spielen Normen und Standards eine tragende Rolle. Denn insbesondere in der Produktion ist die reibungslose Integration verschiedener Systeme von zentraler Bedeutung. Nie zuvor waren die Anforderungen an die Interoperabilität von Systemen, Komponenten und Software höher; dementsprechend gestiegen ist auch die Relevanz von Normen und Standards, die eine solche Vernetzung ermöglichen. Um eine solche Kompatibilität zu entwickeln, ist eine intensive Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis unverzichtbar.

Normen sorgen für Transparenz

Notwendig ist die Entwicklung von technischen Regeln, die auf dem Erfahrungsschatz zahlreicher Experten aufbauen und die Grundlagen für Interoperabilität, Sicherheit und Qualität von technischen Anlagen bilden. Solche Regeln sind immer dann erforderlich, wenn gleichartige oder ähnliche Gegenstände oder Verfahren in unterschiedlichen Kontexten verwendet werden und aus diesem Grund eine Vereinheitlichung sinnvoll ist. Außerdem sind Geräte und Verfahren erst dann vergleichbar, wenn technische Spezifikationen zu Normen weiterentwickelt worden sind.

Die Entwicklung von anwendungstauglichen Normen bietet einen vielfältigen Nutzen – für Einzelpersonen genauso wie für Unternehmen aller Größen sowie für Wissenschaft und Politik. Durch die Sicherstellung der Interoperabilität zwischen verschiedenen Komponenten, Geräten und Systemen verringern sich die Kosten zur Umsetzung der Digitalisierung in der Industrie – was insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen (KMU), deren Ressourcen zumeist begrenzt sind, einen Vorteil darstellt. Durch die durch Normen hergestellte Transparenz steigt zudem die Qualität und Sicherheit von Systemen und Produkten, da sie die Grundlage von Prüfverfahren bilden. So kann auch das Vertrauen von Kunden und Anwendern von Produkten steigen. Nicht zuletzt helfen einheitliche Standards und Richtlinien dabei, Handelshemmnisse abzubauen, und tragen somit zur Marktöffnung bei. Da kostenintensive Anpassungen entfallen, wird der freie Handel von Waren und Dienstleistungen maßgeblich unterstützt. Insbesondere diese Funktion macht Normung und Standardisierung zu einem industriepolitischen Feld, das für eine funktionierende Wirtschaft von hoher Relevanz ist.

Die vernetzte Fabrik – ohne einheitliche Standards unvorstellbar

Insbesondere im Kontext von Indus­trie 4.0 zeigt sich, dass eine breite Anwendung der neuen Technologien nur erreicht werden kann, wenn die Technologien, Formate und Schnittstellen durch Normung und Standardisierung eindeutig definiert werden. Die Inte­gration verschiedener Systeme, die für Industrie 4.0 typisch ist, erfordert eine solche Vereinheitlichung – insbesondere aufgrund der steigenden Komplexität von industriellen Produktionsprozessen. So führt die Verknüpfung von zuvor relativ unabhängigen Ebenen der Wertschöpfung, wie beispielsweise in Produktion, Logistik und Energieversorgung, zu einem Bedarf an der Normung neuer Prozessketten.

Branchenspezifische Unterschiede sind bei solchen Standardisierungsprozessen unbedingt zu berücksichtigen, beispielsweise unterschiedliche Innovationsgeschwindigkeiten. So sind im Maschinenbau und in der Automatisierungstechnik, die eher von langfristigen Lebenszyklen und der hohen Bedeutung von Sicherheitsfragen geprägt sind, eher Normen zu finden. Demgegenüber finden Spezifikationen aufgrund des schnelleren Entwicklungsverfahrens tendenziell in der schnelllebigen IT-Branche Anwendung. Denn anders als Normen, die durch Ausschüsse sowie nationale und internationale Normungsorganisationen nach festgelegten Regeln erarbeitet werden, können Spezifikationen in Foren und Konsortien entwickelt ebenso wie von einflussreichen Marktteilnehmern gesetzt werden.

In Branchen wie beispielsweise der industriellen Automatisierung existiert bereits eine Vielzahl von Normen. Durch die neuen Ansprüche, die im Zuge der digitalen Transformation entstehen, werden jedoch nicht nur Erweiterungen und Ergänzungen notwendig, sondern auch eine inhaltliche Reorganisation. Eine solche Umstrukturierung bietet die Chance, stabile, überschneidungsfreie Normen zu entwickeln.