Seltene Erden Viel Lärm um nichts

Dr. Jens Würtenberg - Elektronik Redakteur
Dr. Jens Würtenberg - Elektronik Redakteur

Die »Seltenen Erden« erhitzen die Gemüter. Chinas Exportbeschränkungen für die Materialien sorgen für Diskussion weltweit. Doch sind die Seltenen Erden diese Aufregung wirklich wert?

Die Geschichte mit den „Seltenen Erden“ ging dieser Tage wieder durch die Medien. Ein Berufungsgremium der Welthandelsorganisation (WTO) hatte festgestellt, dass Chinas Exportbeschränkungen für Seltene Erden sowie Wolfram und Molybdän gegen die WTO-Regeln verstoßen (siehe auch "Auf den Spuren von Tantal, Zinn, Wolfram und Gold"). Das WTO-Urteil ist eine späte Reaktion auf das Ausfuhrverbot für Seltene Erden, das China Ende 2010 im Streit mit Japan um die Senkaku-Inseln verhängt hatte.

Auf das Embargo folgte ein starker Anstieg der Preise für Seltene-Erden-Mineralien (SEM), teilweise um den Faktor 20. Ursache war zunächst das Bemühen der Industrie, ihre Lager aufzufüllen. Am Preisanstieg wollten auch „Anleger“ partizipieren, die in Minenbetriebe und rasch auf­gelegte Fonds der Banken investierten. Japan, die USA und die EU verklagten China recht bald bei der World Trade Organization (WTO), nun ist in der Berufungsverhandlung das Urteil gesprochen.

Zunächst ist festzuhalten, dass Seltene Erden in ausreichender Menge vorhanden sind. Die Ausbeutung ­jedoch ist aufwendig und das Hochfahren der Produktion in einer stillgelegten Mine kann Jahre dauern. Eine Mine zu eröffnen lohnt also nur, wenn die Preise für den Rohstoff über einen längeren Zeitraum hinweg ausreichend hoch sind. Mittlerweile ist die Spekulationsblase Vergangenheit, der Preis für Cer etwa ist wieder auf dem ursprünglichen Niveau, der von Dysprosium hat sich vervierfacht.

Die mögliche Gefährdung der Rohstoffversorgung fand auch in Deutschland ein starkes Echo; in der öffent­lichen Diskussion über dieses Thema ließen die deutschen Politiker damals keine Gelegenheit aus, die Versorgungssicherheit bei den Seltenen ­Erden einzufordern, und brachten dies auch bei der chinesischen Regierung bei verschiedenen Anlässen vor. Natürlich dürfen willkürliche Exportbeschränkungen, wie sie von der VR China ausgesprochen wurden, kein Mittel der Politik sein. Immerhin ist China Mitglied in der WTO und sollte sich an deren Regeln halten.

Aber es genügt nicht, der chinesischen Regierung ­Vorhaltungen zu machen und den ­Zugang zu den Rohstoffen zu fordern, „die (unsere) Industrie dringend benötigt“, wie es EU-Handelskommissar Karel de Gucht formulierte. Besser wäre es vielleicht gewesen, mit der VR China über Kooperationen für eine Sanierung und Modernisierung der Minen zu verhandeln. Diese werden selbst einfachen Anforderungen an den ­Umweltschutz nicht gerecht; Abraum und Prozessrückstände gefährden Mensch und Umwelt. Und auf der ­anderen Seite könnten Forschungsprogramme zu Substitution und ­Re­cycling dazu beitragen, mittelfristig die Nachfrage nach Seltene-Erden-­Metallen zu dämpfen. Viel Lärm um nichts? Was Deutschland betrifft, wohl eher doch. Europa importierte 2010 rund 23.000 Tonnen SEM, davon gingen 38 % nach Frankreich, 24 % nach Österreich und 16 % in die Niederlande. Es folgten Groß­britannien und Deutschland mit jeweils 8 %. Das sind 1840 t, also etwa die Ladung eines großen Massengut-Binnenschiffs auf dem Rhein.