Elektronikfertigung Komplett neu organisierte Fertigung

„Große Lose und möglichst seltenes Rüsten galten früher als erstrebenswerte Ziele der Elektronikfertigung. Das wird heutigen Anforderungen nicht mehr gerecht“, so Bernd Richter, Vorstand der Ihlemann AG. (Foto: Martin Ortgies)
„Große Lose und möglichst seltenes Rüsten galten früher als erstrebenswerte Ziele der Elektronikfertigung. Das wird heutigen Anforderungen nicht mehr gerecht“, so Bernd Richter, Vorstand der Ihlemann AG. (Foto: Martin Ortgies)

Volatilität ist das zeitgemäße Stichwort in der Elektronikfertigung: also kürzere Produktlebenszyklen, große Nachfrageschwankungen, häufige Produktionsänderungen und eine zunehmende Zukunftsunsicherheit. Die herkömmliche Fertigungsorganisation werde dem nicht mehr gerecht, sagen die Verantwortlichen der Ihlemann AG und stellen stattdessen ihre neu organisierte Fertigung vor.

Der EMS-Anbieter hat seine Fertigung komplett umgestellt. Über den neuen Lösungsansatz, dabei aufgetretene Hemmnisse und die Vorteile für OEMs spricht Bernd Richter, Vorstand der Ihlemann AG.

Der ZVEI berichtet von sprunghaftem Bestellverhalten und einer fehlenden Planbarkeit. Wie wirken sich Nachfrageschwankungen und häufige Änderungen auf Ihre Fertigung aus?

Bernd Richter: Häufige Produktänderungen und größere Auftragsschwankungen machen die Produktionsplanung schwieriger. Außerdem stehen OEMs unter dem Druck immer kürzerer Innovationszyklen und immer engerer Time-to-Market-Ziele. Da bleiben Fehler in Produktentwicklung und Design nicht aus. Der aktuelle Organisationsansatz in der Fertigung ist darauf nicht ausgerichtet. In der Fertigung mit großen Produktionslosen und langen Durchlaufzeiten werden viele solcher Fehler erst in den Funktionstests fertiger Boards oder Geräte erkannt, oft erst mehrere Wochen nach dem Fertigungsbeginn. Dann muss ein ganzes Produktionslos zeit- und kostenaufwendig nachbearbeitet werden.

Sie kritisieren die aktuelle Fertigungsorganisation. Wo muss sich denn etwas ändern?

Richter: Als Ziele galten bisher möglichst große Lose und möglichst seltenes Rüsten und ein großer Warenbestand wurde als Aktivposten im Rechnungswesen gewertet. Bis zur Auslieferung hatte ein Produkt eine Gesamtdurchlaufzeit von Wochen, obwohl die reine Wertschöpfungszeit nur Minuten beträgt. Wird dann in der Funktionsprüfung nach der Endmontage beispielsweise eine falsch gesetzte Diode festgestellt, muss bei allen Boards des gesamten Fertigungsloses auf die Schnelle die Diode ersetzt werden. Diese Organisation ist zu unflexibel. Wir haben deshalb die Krise 2009 dafür genutzt, um unsere Produktionsweise komplett zu verändern.

Bitte beschreiben Sie den neuen Lösungsansatz!

Richter: Die Ihlemann AG setzt auf Lean-Management-Prinzipien. Wir sehen die Fertigung und schrittweise das gesamte Unternehmen als lernende Organisation. Grundlagen sind die Neuorganisation der Fertigung nach dem Fluss-Prinzip, tägliche Verbesserungsroutinen durch die Mitarbeiter in der Fertigung und eine kontinuierliche Unterstützung durch Coaching-Routinen.