Interview mit Torsten Blankenburg, Vorstand Technik bei Sieb & Meyer: »In Asien darf Software nichts kosten«

In der Leiterplattenfertigung spielt Asien eine zentrale Rolle. Welchen kulturellen und technologischen Herausforderungen sich ein deutscher CNC-Steuerungshersteller dort stellen muss, darüber sprach Elektronik-Redakteurin Andrea Gillhuber mit dem Technik-Vorstand von Sieb & Meyer, Torsten Blankenburg.

Wie hat sich das Jahr bisher entwickelt?

Torsten Blankenburg: Im Bereich der CNC-Steuerungen für die Leiterplattenfertigung arbeiten wir gerade an einer neuen Steuerungsgeneration, die wir Anfang 2016 im Markt einführen möchten. In diesem Projekt haben wir unsere Steuerung komplett überarbeitet und quasi wieder bei Null angefangen. Gerade auf der technologischen Seite nutzten wir die Möglichkeit, auf einer höherwertigen Prozessortechnik aufzusetzen und so die heute technologisch am Markt verfügbare Rechnerleistung in unsere Steuerung einzubringen.

Spielt in diesem Bereich auch das Thema Industrie 4.0 eine Rolle?

Blankenburg: Industrie 4.0 ist ein sehr großer Begriff und die Frage hier ist, wo man sich da als Hersteller von Elektronikkomponenten wiederfindet und wie sich die Industrie 4.0 in das eigene Geschäftsfeld implementieren lässt. Ein großes Thema ist hier Big Data. Das wird auch ein Thema auf den nächsten Leiterplatten-Messen wie der TPCA in Taiwan sein. Dort stellen wir auch mit unserem sogenannten SM LineManager 4.0 ein reines Software-Produkt vor, das die Daten, die unsere Steuerung an den CNC-Bohrern und -Fräsen in der Leiterplattenfertigung bereitstellen, sammelt und bündelt. So lässt sich letztendlich die ganze Werkshalle auswerten und wir können dem Anwender darüber hinaus einen gewissen Zusatznutzen bieten, z.B. Informationen über die Maschinenauslastung oder über die Werkzeuge.

Diese Daten geben uns und dem Anwender natürlich Gestaltungsspielraum und auch die Möglichkeit, die Vorteile der Industrie 4.0 zu erkunden. Unser Kunde kennt seine Applikation, seinen Prozessablauf, und hier wird es spannend zu sehen, welche Vorteile wir in Zukunft gemeinsam mit dem Anwender aus den von unserem Produkt bereitgestellten Daten erarbeiten können, um den Prozessablauf zu optimieren.

Also steht mehr die Datenfilterung im Vordergrund?

Blankenburg: Jeder sammelt Daten, aber letztendlich geht es darum, wie ich das Mehr an Daten statistisch sinnvoll nutzen kann. Wir versuchen mit unserem Produkt das letzte Quäntchen an Verbesserung herauszuholen. Der Leiterplattenmarkt konzentriert sich heute hauptsächlich auf Taiwan und China, sodass unsere Ansätze vor allem auf Asien ausgerichtet sind. Für uns wird es spannend sein, ein reines Software-Produkt für den asiatischen Markt zu platzieren. Vor allem die kulturellen Differenzen werden dort eine Herausforderung sein.

Wie sieht diese Herausforderung genau aus?

Blankenburg: Die Asiaten denken anders: Sie kaufen ein Produkt und möchten es von Anfang an fix und fertig geliefert bekommen. Doch nur in der Zusammenarbeit mit dem Anwender kann der SM LineManager 4.0 sein ganzes Potenzial entfalten, und dafür bedarf es einer sehr engen Abstimmung und Diskussion. Auch sind die asiatischen Firmen anders aufgestellt, mit anderen Hierarchie- und Entscheidungsstufen. All das wird sehr spannend!

Sehen Sie dann auch Unterschiede zwischen China und Taiwan und z.B. auch Japan?

Blankenburg: Definitiv! Taiwan unterscheidet sich durch den US-Einfluss – auch in der Unternehmensstruktur. China ist meiner Erfahrung nach sehr hierarchisch, hier kapselt jeder sein Wissen ein bisschen für sich ab. Nach meiner Wahrnehmung ist Taiwan offener und Japan kann man gar nicht mit diesen beiden Ländern vergleichen.

Haben Sie den SM LineManager 4.0 dann mit Hilfe eines asiatischen Kunden entwickelt?

Blankenburg: Nein, aber letztendlich ist der LineManger für den taiwanesischen und chinesischen Markt gedacht. Der Leiterplattenmarkt dort ist stark zergliedert, hier gibt es viele Einzel- und Kleinkunden und jeder hat seinen eigenen Prozess und seine eigenen Überlegungen. Man kennt zwar die Bedürfnisse des einen Kunden, kann diese aber nicht auf andere Kunden 100-prozentig extrapolieren. Wir sind ein Steuerungshersteller und rüsten Maschinenbauer aus, die wiede-rum die Fertigung eines anderen Unternehmens ausstatten. Natürlich kennen wir die Daten aus unseren Steuerungen am besten und wissen, welche Informationen zur Verfügung stehen und wie sie sich interpretieren lassen. Kurz gesagt: Letztendlich möchten wir gemeinsam mit unserem OEM bei deren Kunden unseren Line-Manager implementieren. Das wird eine Herausforderung.