FBDI entwickelt Datenaustauschformat für die Elektronik-Branche Einheitliches Datenformat für REACH-Informationen

Die Unternehmen entlang der Elektronik-Wertschöpfungskette sind nach Artikel 33 Absatz 1 und 2 der REACH-Verordnung verpflichtet, ihren Kunden zu melden, welche Stoffe aus der Kandidatenliste gegebenenfalls in einem Produkt mit einem Gewichtsanteil von über 0,1 Prozent enthalten sind.

Diese Liste mit derzeit 15 besonders besorgniserregenden Stoffen soll sukzessive erweitert werden. Als Interessenvertreter eines Großteils der deutschen Distributoren setzt sich der Fachverband der Bauelemente Distribution e.V. (FBDi) für eine größtmögliche Informationstransparenz ein und hat ein Datenaustauschformat für die Elektronik-Branche entwickelt.

Die europäische Chemikalienagentur ECHA [1] hat im Oktober letzten Jahres eine erste Liste der besonders besorgniserregenden Stoffe, die „Kandidatenliste“, veröffentlicht. Wie stark trifft die damit verbundene Informationspflicht die Elektronikindustrie?

Wolfram Ziehfuss: REACH betrifft die gesamte Elektronikindustrie – die aktive Informationspflicht gilt für Unternehmen in der EU und im Europäischen Wirtschaftsraum, davon sind auch die Distributoren betroffen. Deshalb sehen wir es als unsere Pflicht, alle zur Verfügung stehenden Informationen bereitzustellen – in einem Format, das für alle leicht und kosteneffizient handzuhaben ist. Der FBDi hat das Ziel, einen Standard zu definieren, um die Angaben zu REACH kosten- und ressourceneffizient zu erheben und zu verarbeiten.

Gino Böhm: Konkret stehen auf dieser Kandidatenliste einige in der Elektronikbranche eingesetzte Stoffe wie DBP, DEHP und BBP, die in einigen Kunststoffen vorhanden sind. Des Weiteren finden sich As2O3 und As2O5 auf der Liste, die beispielsweise in Glas oder Keramik vorkommen. Sollten diese Substanzen mit mehr als 0,1 Massenprozent im Produkt enthalten sein, besteht seit Oktober 2008 die Pflicht zur Information.

Wieviel Prozent der Bauelemente enthalten einen Stoff der Kandidatenliste in einer Konzentration über dem Grenzwert? Welche Bauelementetypen sind betroffen?

Es gibt noch keine repräsentativen Zahlen über die Betroffenheit der Elektronikindustrie. In den Bauteilen selbst ist die Wahrscheinlichkeit bei den bisher gelisteten Stoffen eher gering. Schätzungen zufolge sind die unter einem Prozent. Diese Zahl basiert auf den bislang erhaltenen Angaben der Hersteller. Betroffen sind bislang passive und elektromechanische Bauteile. Bei den Verpackungen gibt es noch gar keine genauen Zahlen. Das Problem der Silicagelbeutel mit Cobaltdichlorid hat zum Umschwenken auf Bentonit geführt.

Welchen Aufwand müssen Unternehmen treiben, um die REACH-Informationspflicht zu erfüllen?

Böhm: Wie aufwendig REACH ist, zeigt die Vorregistrierung der Stoffe bei der ECHA. Man rechnete zunächst mit 350 000 Stoffen für die Vorregistrierung, eingegangen sind aber 2,5 Mio. Vorregistrierungen. Da die Kandidatenliste kein feststehendes Regelwerk ist, sondern ständig um neue Stoffe erweitert wird, erfordert dies ein aktives Handeln auf Seiten der Hersteller und Distributoren. Alle sind aufgefordert, REACH im eigenen Interesse zu verfolgen.

Ziehfuss: REACH und der damit verbundene bürokratische Aufwand ist vor allem für kleine und mittelständische Unternehmen eine Herausforderung, weil allein die personellen Ressourcen ein adäquates Auseinandersetzen mit REACH in Frage stellen. Schließlich handelt es sich um ein Regelwerk mit 1000 Seiten. Daher ist die Bereitschaft zur Kooperation und zur Informationstransparenz unbedingt von Nöten, und zwar für alle Beteiligten entlang der Lieferkette: Hersteller, Distributoren sowie OEM- oder Distributionskunden. Wie so ein Informationsaustausch vonstatten gehen könnte, hat der FBDi in einem konkreten Vorschlag erarbeitet.

Wie sieht dieser Vorschlag aus?

Böhm: Der Vorschlag des FBDi basiert auf einem IEC-konformen Datenaustauschformat auf XML-Basis zur Materialdeklaration. Er sieht ein Minimum an Daten vor und unterstützt zusätzlich die Automotive- und Electronics-Formate IMDS, AIAG, IEEE und IPC PDF 1752. Mit dem darin enthaltenen Data Collection Tool (DCT) im XML-Format zur Datenbeschaffung kann man technisch verwertbare Datensätze generieren und diese anschließend in weiteren IT-Systemen verarbeiten.

Wie soll das praktisch ablaufen?

Böhm: Damit alle Beteiligten eventuelle Kandidatenstoffe in den Produkten schnell und einfach ermitteln können, stellt der FBDi ein konfiguriertes Data Collection Tool mit den Stoffen der Kandidatenliste als Freeware auf seiner Internetseite bereit, ebenso eine kurze Anwenderdokumentation. Lieferanten können sich dieses Tool – eine Excel-Anwendung – herunterladen, damit im nächsten Schritt die Daten zu ihren Produkten erfassen und das Tool oder die mit dem Tool generierte CfP-XML-Datei (CfP: Compliance for Products) an ihre Kunden schicken. Damit ist kleinen Herstellern, die ihre Angaben manuell einpflegen, ebenso gedient wie großen Unternehmen, die ihre Daten aus einem umfangreichen EDV-System übernehmen und im XML-Format über die Distributoren den Kunden zur Verfügung stellen.

Welche Vorteile bietet dieses Tabellenkalkulationsblatt?

Böhm: Es bietet gleich mehrere Vorteile. Erstens lässt sich das zu bewertende Produkt oder die Komponente separat auswählen. Zweitens stehen die zu deklarierenden Produkte oder Komponenten in einer Tabelle, und drittens sind die besonders besorgniserregenden Stoffe fest in einem Excel-Sheet hinterlegt. Zudem können Unternehmen weitere Listen definieren. Der größte Vorteil ist aber, dass die Beteiligten sich nicht selbst um die Anpassung an die jeweils aktuelle Kandidatenliste kümmern müssen, sondern diese Arbeit macht der FBDi mit externen Partnern.

Ziehfuss: Das A und O ist in jedem Fall das Zusammenspiel in der Lieferkette. Die Hersteller sind durch REACH gefordert, Informationen in einer verwertbaren Form zu liefern, die klar und aussagekräftig ist und keine Interpretationsspielräume lässt. Ein gemeinsames Informationsaustauschformat, mit dem sowohl Distributoren als auch Hersteller und Kunden systemübergreifend arbeiten können, ist definitiv ein Riesenschritt vorwärts.

Die Informationen zu den Kandidatenstoffen müssen parallel mit den Erzeugnissen an den Kunden geliefert werden. Wie läuft dies in der Bauelemente-Distribution in der Praxis?

Ziehfuss: Die meisten Distributoren werden auf den Lieferpapieren auf den Stoff aus der Kandidatenliste hinweisen und auf die Bereitstellung des Sicherheitsdatenblattes via Internet aufmerksam machen, andere werden dieses beifügen.

Haben die Distributoren bereits die Informationen zu den Kandidatenstoffen für alle ihre Produkte griffbereit? Wie hoch ist der Prozentsatz der Bauelemente, für die aktuell Informationen zum Kunden mitgeliefert werden?

Die Informationen werden, sofern von den Herstellern geliefert, an die Kunden weitergegeben. Es sind noch nicht alle notwendigen Informationen vorhanden. Entsprechend der geringen Betroffenheit sind keine Prozentsätze verfügbar.

Bei außereuropäischen Lieferanten fallen die Herstellerpflichten dem importierenden Distributor zu. Wie hoch ist der Anteil solcher Import-Erzeugnisse am Gesamt-Bauteileumfang und welche Werkzeuge setzen die Distributoren bisher ein, um ihre Kunden entsprechend Artikel 33 zu informieren?

Ziehfuss: Die Frage nach dem Anteil der Import-Erzeugnisse ist nicht ganz relevant. Wie soll hier gemessen werden? In Europa wird nur ein kleiner Teil der elektronischen Bauteile hergestellt, d.h., der größte Anteil wird von Herstellern oder Distributoren in die EU importiert. Hierbei ist die Betroffenheit bei Inhaltsstoffen auf der Kandidatenliste nicht wichtig: Ist ein Stoff auf dieser Liste mit einem Prozentsatz größer 0,1 Prozent im Produkt enthalten, muss dieser dem Kunden bekannt gegeben werden. Die großen Hersteller verfügen über Datenbanken, die die entsprechenden Informationen enthalten, und stellen diese meistens über das Internet zur Verfügung. Spezielle Tools sind noch nicht eingeführt.

Gibt es schon Hersteller, die das Data Collection Tool anwenden bzw. wie reagieren die Hersteller auf diese Initiative des FBDi?

Ziehfuss: Das vom FBDi zur Verfügung gestellte Transfer-Tool wurde bei vier Herstellern getestet. Nach diesem Test haben die Mitglieder des FBDi ihre Hersteller angeschrieben und bitten nun um die Verwendung des Formats. Die Schwesterverbände National Electronics Distributors Association (NEDA), USA [2], und die International Distribution of Electronics Association (IDEA), UK [3], unterstützen den FBDi-Ansatz. Das Wichtigste an dieser Stelle ist die Aufklärung der Hersteller in Asien – außer Japan, dort ist man sehr umweltbewusst und kooperativ. REACH betrifft nur die EU-Länder. Die Aussage „No Data – No Market“ muss dort verständlich gemacht werden.

Wie stellen die Distributoren bei außereuropäischen Lieferanten sicher, dass sie korrekte Angaben erhalten bzw. nicht einer frei erfundenen „Unbedenklichkeitserklärung“ aufsitzen?

Die Frage nach der Sorgfaltspflicht der Importeure ist eine Art Gretchenfrage. Mit den EU-Verordnungen 765 [4] und 768 [5] wird die Grenze allerdings enger gezogen: Im schlimmsten Fall muss der Importeur, bei aufgekommenem Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Angaben, eine chemische Analyse veranlassen. Aus rein wirtschaftlichen Gründen ist das ein schwieriges Unterfangen.

Und was ist, wenn einer Ihrer Lieferanten gar keine Informationen bereitstellt?

Ziehfuss: Selbst wenn einen Distributor keine Registrierungspflichten unter REACH treffen, muss er doch die Inhaltsstoffe und Mengenkonzentrationen von eventuell gefährlichen Stoffen in seinen Produkten oder Erzeugnissen kennen, um seinen Mitteilungspflichten gegenüber der ECHA in Helsinki und seinen Informationspflichten gegenüber seinen Kunden nachzukommen. Hersteller bzw. Importeure sind grundsätzlich selbst für den sicheren Umgang mit ihren chemischen Stoffen verantwortlich. Sie müssen die zur Bewertung notwendigen Daten sammeln und sie entlang der Wertschöpfungsund Lieferkette weitergeben. Liegt keine Information bezüglich Materialzusammensetzung vor, kann dies zu einem Importverbot führen gemäß der Prämisse „No Data – No Market“.

Böhm: Sehr schwierig wird es in diesem Zusammenhang für alle Importeure in den EU-Raum. Da es nur in der EU die REACH-Vorschrift gibt, ist kein Hersteller außerhalb dieses Wirtschaftsraums verpflichtet, die in ihren Produkten enthaltenen besonders besorgniserregenden Stoffe aufzulisten. Sollten die Hersteller der europäischen Pflicht nicht nachkommen, müssen die Distributoren die Verpflichtungen der Hersteller übernehmen, eine ausreichende Vordokumentation für ihre importierten Produkte zu liefern. Im schlimmsten Fall heißt das, dass die selbst eingeführten Bauelemente einer chemischen Analyse unterzogen werden müssen. Nur so kann der Nachweis erbracht werden, dass die Produkte nicht kennzeichnungspflichtig sind. Ob sich dieser Aufwand lohnt, gilt es dann pro Lieferant zu entscheiden.

REACH ist keine speziell auf die Elektronikindustrie zielende EU-Richtlinie. Alle Branchen sind davon betroffen. Gibt es Kontakte zu anderen Großhandelsverbänden? Lässt sich das Data Collection Tool des FBDi auf andere Branchen übertragen bzw. ist ein Einsatz zusammen mit anderen Tools möglich?

Der FBDi steht in Verbindung mit anderen Verbänden. Dabei sind die Interessen oft recht unterschiedlich. Ein gemeinsames Tool scheitert im Wesentlichen an der Art und dem Umfang der Informationspflicht. Bitkom oder der Einzelhandelsverband haben inzwischen Datenbanken errichtet, die weit über das hinausgehen, was der FBDi benötigt. Die Unterschiede zwischen einem Fernsehgerät, einem Elektrowerkzeug oder einem Computer sind, neben der Frage B2B oder B2C, doch zu groß, um ihn mit ein und demselben Tool zu behandeln, zumal die großen Datenbanken von eigens hierfür gegründeten Firmen betrieben werden. Hier wird das auch zu einer Kostenfrage.

Der FBDi hat ein CfP-XML-Standardformat erarbeitet. Das Data Collection Tool ist fertig. Wie geht es weiter?

Ziehfuss: Der FBDi hat seinen Vorschlag noch im Spätherbst vor über 50 namhaften Unternehmen der Elektronikbranche präsentiert. Nun liegt es an ihnen, ob sie mit dem Format arbeiten möchten, und wenn ja, wie schnell.

Böhm: Auch wenn ein so richtungsweisendes Projekt in dieser Größenordnung ausreichend Vorbereitung benötigt, gibt es einen konkreten Terminplan. Wir dürfen nicht zu viel Zeit verlieren, denn wir rechnen mit einer Erweiterung der Kandidatenliste im dritten Quartal. Die finale Version des Datenerfassungsmoduls (DCT) im XML-Formats ist im Internet veröffentlicht – auf der FBDi-Webseite [6] und eventuell auch auf den Webseiten der Distributoren. Parallel dazu sind die Hersteller aufgefordert, sich diesem Austauschformat anzuschließen – als Voraussetzung für eine branchenweit gleiche Handhabung. Die Umsetzung würde etwa bis zum Jahresende 2009 dauern. Dann sollten alle wichtigen Hersteller die REACH-Informationen über das vorgestellte IEC-konforme Datenaustauschformat auf XML-Basis liefern. Damit wäre unser Ziel eines einheitlichen Formats erreicht.

Literatur

[1] http://echa.europa.eu
[2] www.nedaassoc.org
[3] www.ideaelectronics.com
[4] Verordnung (EG) Nr. 765/2008 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 9. Juli 2008 über die Vorschriften für die Akkreditierung und Marktüberwachung im Zusammenhang mit der Vermarktung von Produkten. http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=OJ:L:2008:218:0030:0047:DE:PDF
[5] Beschluss Nr. 768/2008/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 9. Juli 2008 über einen gemeinsamen Rechtsrahmen für die Vermarktung von Produkten. http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=OJ:L:2008:218:0082:0128:DE:PDF
[6] www.fbdi.de

Dipl.-Ing. Harry G. Schubert
ist verantwortlicher Redakteur der Elektronik für die Bereiche Bildverarbeitung, Elektronik-Produktion, Stromversorgung und Konsumelektronik.

 

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