Rhetorik It’s Showtime – das gilt auch für Ingenieure

Der beste Weg, Wissen zu vermitteln liegt immer noch in der Rhetorik..
Der beste Weg, Wissen zu vermitteln liegt immer noch in der Rhetorik..

Das Publikum ist da und wartet gespannt meinen Vortrag. Dann der erste Satz, der mit einem langgezogenen ‚Ähmmm‘ beginnt. "Guten Morgen, sehr verehrte Damen und Herren". Sagt man das so? Gertrud Enders gibt Tipps, wie Ingenieure richtig präsentieren.

Auf fast jeder Website und in Firmen-Broschüren wird glaubhaft und in schönen Worten versichert: "Unsere Mit­arbeiter sind unser höchstes Gut und die Garantie für unseren nachhaltigen Erfolg." So weit, so gut. Meist ist damit ausschließlich die fachliche Qualifikation gemeint. Und in die wird viel investiert. Sicher einer der Gründe, warum das Handelsblatt seit 2012 die Reden der 30 Dax-Vorstände bewertet. Das Fazit 2012: "Manager brauchen dringend Nachhilfe in Rhetorik."

Für ein Studium benötigt ein Ingenieur durchschnittlich acht bis zwölf Semester, plus Praktika kommt er damit auf eine Ausbildungszeit von gut und gerne sieben Jahren und mehr, bis er fertig ist. Ja – und dann? Das Berufsleben beginnt. Vorstellungs- und Diskussionsrunden, die ersten Präsentationen, Kurzvorträge und Reden folgen.

PowerPoint allein reicht nicht aus

Gott sei Dank gibt es PowerPoint, ­Beamer und allerlei Technik-Schnickschnack. Genau das Richtige für einen Ingenieur. Dann geht es los. Hier ein kurzer Auszug aus den Gedanken eines Seminarteilnehmers: "Das Publikum ist da und wartet gespannt auf mich und meinen Vortrag. Dann mein erster Satz, der leider mit einem langgezogenen ‚Ähmmm‘ beginnt. Guten Morgen, sehr verehrte Damen und Herren. Und jetzt? Wie steht man eigentlich richtig vor Publikum? Wie war das noch mal mit der Körpersprache? Welches Bein wohin? Soll ich die jetzt frontal anschauen oder doch lieber über das Publikum hinweg sehen? Nein, bloß keinen direkten Blickkontakt. Und die Hände stören irgendwie schon bei der kurzen Einführungsrede. Gut, die Karten helfen, aber was steht da drauf? Stichworte, keine ganzen Sätze, wie soll ich das denn jetzt in schlagkräftige Worte verpacken? Welche Worte soll ich überhaupt benutzen? Wie war das nochmal mit dem kurzen, aktiven Satzbau? Ach, ich weiß gar nichts mehr, ich habe Lampenfieber und wann kann ich endlich die hundert Folien zeigen und wann ist es endlich vorbei?"

Mit hundert Folien erschlägt man alles, nur sein Lampenfieber nicht. Genauso erleben zunächst interessierte Zuhörer es immer wieder und werden mit langweiligen, langatmigen, lustlosen Vorträgen, Reden bis zum erlösenden "Ich danke Ihnen" geradezu gefoltert. Das "höchste Gut" kann leider nicht unterhaltsam, spannend, begeisternd und überzeugend sprechen, geschweige denn mal eine pointierte Humoreinlage zum Besten geben. Mitarbeiter sind Botschafter, Multiplikatoren und Repräsentanten des Unternehmens. Daher erkennt ein guter Vorgesetzter in der Regel neben ihrem Potenzial auch die Schwachpunkte seiner Mitarbeiter. Denn für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance. In diesem Zusammenhang liefern die Beobachtungen der Vorträge anlässlich der Hauptversammlungen von 30 Vorständen der Dax-Unternehmen in Deutschland 2012 die Erkenntnis: Sie sind nur die Spitze des Eisbergs.

Einen guten Vortrag zu halten ist keine Kunst, sondern eine Disziplin, die Arbeit macht und mit viel Übung und Fleiß zu erlernen ist. Mag sein, dass es das ein oder andre Naturtalent gibt, aber auch hier machen die Beobachtungen der Dax-Unternehmer ein Jahr später Mut. Die Überschrift 2013 lautete: "Die Redner haben sich verbessert". Überraschend war, dass ausgerechnet der Redner mit einer der schlechtesten Vorjahresplatzierungen 2013 Sieger wurde. Binnen eines Jahres hatte er schreiben, kürzen, reden gelernt und zeigte damit ganz nebenbei seine hohe Wertschätzung für die ­Zuhörer, die ihm diese mit langanhaltendem Applaus dankten.

In der Kürze liegt die Würze

Nicht erst seitdem es Twitter, Facebook, Xing oder LinkedIn gibt, dankt es ­einem der Empfänger einer Botschaft, wenn der Absender schnell und treffend auf den Punkt kommt. Verwendet er dafür leicht verständliche, nachvollziehbare Formulierungen, aktive Satzkonstruktionen, anschauliche Beispiele und passende Bilder, ist alles gut. Wird die Sprache passiv, ausschweifend und gespickt mit Worthülsen, wird es eng. Zugegeben, die richtige Wortwahl erfordert nicht nur Übung, sondern auch eine hohe Sensibilität und Wahrnehmung. Die aktuelle Entwicklung in der Kommunikation, insbesondere der täglich genutzten Telekommunikation, fördert das Gelingen eines guten Vortrags nicht. Das Umschalten auf "Langtextmodus" führt dann aus Ermangelung an Übung eher zum Gegenteil. Das kann man sich am besten so vorstellen: Der Mensch denkt in großen Schleifen, holt erst mal alles zu einem Thema aus seinem eigenen Daten-, Wissens-und Erlebnisspeicher hervor und legt entsprechend ausschweifend und unsortiert los. Gähnfaktor garantiert. Besser macht man es wie ein ambitionierter Koch. Für eine gutschmeckende Sauce benötigt er viele Zutaten, die er miteinander verbindet und so lange reduziert, bis eine Essenz übrigbleibt, die Appetit auf mehr schafft.

 

Die Autorin

Gertrud Enders
 
startete 2006 mit den ersten Kommunikations- und Rhetorik-Seminaren; davor arbeitete sie viele Jahre als Marketing- und Kommunikationsleiterin für nationale und internationale Industrieunternehmen. Bereits zu dieser Zeit übte sie nebenbei mit ihren Kollegen, meist Ingenieure, die Vereinfachung komplexer Zusammenhänge. Seitdem hat sie ihre Begeisterung für Rhetorik, Kommunikation und Eloquenz erfolgreich an mehr als 300 Teilnehmer ihrer Seminare weitergegeben. Humor, Akribie und sehr praxisorientierte Methoden und Übungen zeichnen ihre Seminare aus. 2002 gründete sie das Kommunikations- und Marketingbüro in Köln, mit dem sie seit 2014 auch in Berlin vertreten ist.

 
ge@marketingflow.de