Studium Desaströse Ingenieursausbildung in Europa, USA und Japan

Seit 50 Jahren gibt es kaum Veränderungen beim Ingenieurstudium. So kann es nicht weitergehen, sagt ein renommierter Wissenschaftler – und fordert ein radikales Umdenken.

Prof. Dr.-Ing. James Plummer, Professor an der renommierten Stanford-Universität, lässt in seiner Analyse kein gutes Haar am Ist-Zustand des Ingenieurstudiums. Während man sich auf wissenschaftlicher Basis auf Analytik und technische Problemlösungen konzentriere, blieben Anforderungen wie Systemintegration oder Innovation zurück.

Plummer kritisiert, dass im Hauptstudium bzw. Master-Studiengang oft wenig zusammenhängende Vorlesungen gehalten werden, die überdies nur das eine Ziel verfolgen, nämlich einen Universitätsabgänger schnellstmöglich für die Industrie »produktiv nutzbar« zu machen. Er fordert stattdessen eine Integration von Kursen zum Thema »Soft-Skills« und erst später eine Spezialisierung, wie sie z.B. Juristen und Mediziner vornehmen.

Des Weiteren weißt Plummer darauf hin, dass gerade in der schnelllebigen Technikwelt eine zeitnahe Anpassung der Ausbildung z.B. zum Thema Wireless-Kommunikationssysteme oder Multicore-Programmierung notwendig sei. Dies könne aber nur funktionieren, wenn man den Studiengang von älteren Inhalten entfrachtet, was häufig versäumt würde. Bezüglich der in der globalen Welt geforderten »Soft-Skills« fordert Plummer eine Ausbildung in »Kreativität und Innovation«. Er ist davon überzeugt, dass man diese Eigenschaften lehren und lernen kann, z.B. in Wettbewerben.

Kurse zum Thema »Unternehmertum«

Plummer präsentiert hierzu immer wieder gerne ein Video, in welchem mehrere Studenten-Gruppen die Aufgabe hatten, ein Produkt ausschließlich aus »Post-its« zu erstellen, die Gruppe, die das »Produkt« mit dem größten Wert generiert, gewinnt. Ebenso fordert Plummer Kurse zum Thema »Unternehmertum«, wie es beispielsweise in dem »Stanford Technology Ventures Program« (STVP) gelehrt wird. Im Einzelnen sind dies Vorlesungen und Übungen zu Themen wie Marketing, Patentrecht, Finanzierung eines Start-ups oder Aufbau eines effektiven Teams.

»Teamarbeit« ist ein weiterer Schwerpunkt der Ausbildung in Stanford, der laut Plummer fast überall vernachlässigt wird. Seine Lösung: Die »d.school«, in welcher Studenten aus den Bereichen Ingenieurwissenschaft, Wirtschaft und Geisteswissenschaften in realen Projekten der Industrie mitarbeiten. Gestärkt werden sollen die Kompetenzen im Bereich »wirtschaftliche Bewertung von Technik« und »zwischenmenschliche Zusammenarbeit«.

Um einem Studenten der ersten Semester überhaupt einen Eindruck zu vermitteln, was es bedeutet, Ingenieur zu sein, schlägt Plummer vor, sie in einem Semester einem Doktoranden bei dessen Doktorarbeit z.B. in einem Labor assistieren zu lassen. Die Studenten werden von Anfang an in Forschungsteams integriert und arbeiten an realen Problemen, weshalb diese Programme sehr beliebt seien. Um in einer globalisierten Welt erfolgreich zu sein, ist es oft erforderlich, auf unterschiedlichen Kontinenten zu arbeiten.

Praktika in asiatischen Ländern

Dazu ist es laut Plummer Voraussetzung, sich mit unterschiedlichen Kulturen zu beschäftigen und diese zu erleben. Deswegen sind für Stanford-Studenten Praktika vorgeschrieben, die z.B. in Partnerunternehmen in Peking, Shanghai oder anderen chinesischen Städten abzuleisten sind. Das Programm soll kurzfristig auf andere asiatische Länder ausgedehnt werden. Erhebliche Defizite erkennt Plummer in dem Bereich »Kommunikation«. Dabei sei es erwiesen, dass Ingenieure erfolgreicher sind, die ihre Ideen am besten – intern und extern – verkaufen können. In Standford wurden daher Kurse eingerichtet, in denen Studenten lernen, Präsentationen zu halten und technische Papiere verständlich und überzeugend zu schreiben.

Last but not least weißt Plummer auf die kurze »Verfallszeit« des Wissens für Ingenieurstudenten hin. Er beziffert die Halbwertszeit mit drei bis fünf Jahren. Ein Ingenieur müsse sich daher auf lebenslanges Lernen einstellen. Die Frage sei nur die, wie er dies am effektivsten tun könne. Die Antwort von Plummer sind kostenlose Kurse und Vorlesungen als Video-Stream im Internet, die schon heute an der Stanford-Universität verfügbar sind.