Industrie 4.0 in Deutschland Unternehmen wollen gar nicht digitalisieren

Überraschendes Umfrageergebnis: Viele Unternehmen halten die Digitalisierung für unnötig. Gerade die Branche ist skeptisch, die stark von ihr profitieren könnte.

In der Plattform Industrie 4.0 spielen Politik, Forschung und Industrie zusammen. Das erklärte Ziel ist die praktische Umsetzung von Industrie 4.0-Konzepten in möglichst vielen deutschen Unternehmen. Ein zentraler Aspekt ist die Einbeziehung von IT-Technik zur Abwicklung von verschiedensten Prozessen in den Unternehmen, seien es nun Verwaltungsaufgaben, die Abwicklung von Auftragseingängen oder das Warten von Produktionsmaschinen. Zusammengefasst wird diese Umstellung unter dem Schlagwort Digitalisierung. Von der möchten aktuell aber viele deutsche Unternehmen nichts wissen, wie aus einer Umfrage des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) hervorgeht.

52 Prozent der befragten Ansprechpartner aus der Verkehrs- und Logistikbranche halten eine Digitalisierung ihres Unternehmens aktuell nicht für notwendig. Damit sind praktische Umsetzungen aus diesem Industriezweig am wenigsten zu erwarten. Dahinter folgt die Energie- und Wasserversorgung (51 Prozent) und das Gesundheitswesen (48 Prozent). Den Gegenpol bilden wissensintensive Dienstleister (12 Prozent), die Finanz- und Versicherungsbranche (14 Prozent) und die Informations und Kommunikationstechnik (18 Prozent). An der Befragung (März bis Mai 2017) nahmen 1021 Unternehmen teil.

Digitalisierung ist nicht nur der Maschinenpark an der Cloud

Dass es bei der Digitalisierung nicht allein um die Vernetzung der Produktion geht, zeigt schon das relativ hohe Interesse der Finanz- und Versicherungsbranche. Es geht auch um das effizientere Abwickeln von Verwaltungsaufgaben oder das Einsparen von Behördengängen durch Umstellung auf Online-Portale. Welche 100 Verwaltungsleistungen von Bund, Ländern und den Kommunen die deutschen Unternehmen besonders häufig nutzen und daher als erstes durch ein Digitalangebot vereinfacht werden sollten, hat das BMWi unlängst evaluieren lassen. Neben allgemeinen Aufgaben, die jedes Unternehmen betreffen – etwa das Abführen von Gewerbesteuer, von Rundfunkbeiträgen im nicht-privaten Bereich oder das Beantragen einer Wirtschafts-Identifikationsnummer – identifizierten die Autoren der Studie auch spezielle Bereiche, wie Forschung und Entwicklung, Finanzierung und Förderung oder Transport und Logistik. Unternehmen, deren Schwerpunkt in diesen Bereichen liegt, würden demzufolge am stärksten vom Aufbau einer eigenen IT zur digitalen Verwaltung profitieren, vorausgesetzt natürlich, dass sich über das System auch die geplanten digitalen Angebote von Bund, Ländern und Kommunen nutzen lassen.

Mit dem Bereich Transport und Logistik gibt es also eine Branche, die vielleicht am stärksten von der Digitalisierung profitieren würde, die aber das Konzept gar nicht umsetzen will. Das ist laut der BMWi-Umfrage zumindest der aktuelle Stand der Dinge. In Stein gemeißelt sieht das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) diese Stimmungslage allerdings nicht. Den Grund für die Zurückhaltung ist laut IW die Kombination aus hohen Investitionskosten (40 Mrd. Euro pro Jahr allein für die Umstellung der deutschen Industrie auf digitale Produktion), möglichen Gefahren (Datensicherheit, rechtliche Unklarheiten) und einer nicht optimalen Daten-Infrastruktur. Als konkrete Investitionsanreize empfiehlt das Institut den Breitbandausbau in Deutschland zu beschleunigen, die Europäischen Datenschutz-Grundverordnung schnell umzusetzen und die öffentliche Verwaltung zu digitalisieren.

Soll der Industrie bürokratischer und verwalterischer Aufwand durch die Digitalisierung abgenommen werden, ist gerade der letzte Punkt wichtig. Bieten die deutschen Behörden der Industrie den Weg des digitalen Behördengangs gar nicht an, kann diese ihn natürlich auch nicht gehen.