Prof. M. Broy, TUM »Industrie 4.0 hat längst begonnen!«

Prof. Dr. Dr. h.c. Manfred Broy, TU München und Mitglied des Arbeitskreises Industrie 4.0: »Es wird keinen Punkt geben, an dem man sagen kann ‚Jetzt setzt Industrie 4.0 ein‘; vielmehr wird es ein stetiger Fluss von Innovationen sein.«
Prof. Dr. Dr. h.c. Manfred Broy, TU München und Mitglied des Arbeitskreises Industrie 4.0: »Es wird keinen Punkt geben, an dem man sagen kann ‚Jetzt setzt Industrie 4.0 ein‘; vielmehr wird es ein stetiger Fluss von Innovationen sein.«

Industrie 4.0 ist in aller Munde. Vor kurzem hat die Forschungsunion erste vorläufige Umsetzungsempfehlungen an Bundesministerien überreicht. Die Elektronik sprach mit Prof. Dr. Dr. h.c. Manfred Broy, Mitglied des Arbeitskreises Industrie 4.0, über die vierte industrielle Revolution.

Herr Professor Broy, was ist der Ursprung von Industrie 4.0?
Prof. Dr. Manfred Broy:
Das Thema haben wir mit unserer Studie »agendaCPS« mit ausgelöst. 2011 führten wir für die Acatech eine Studie mit dem Titel »agendaCPS« durch; parallel zu dieser Studie wurden in der Forschungsunion wichtige Innovationsthemen für die Bundesrepublik diskutiert. Ein wichtiger Punkt war dabei die Produktion und die Frage, inwieweit Deutschland ein Produktionsstandort sein und auch bleiben kann. Betrachtet man die Details der CPS-Studie, so ist die Idee, diese auf die Industrieproduktion zu übertragen, sehr naheliegend.

Wie lange wird es schätzungsweise noch dauern, bis die Industrie 4.0 Wirklichkeit ist?

Prof. Broy: Es wird keinen Punkt geben, an dem man sagen kann »Jetzt setzt Industrie 4.0 ein«. Vielmehr wird es ein stetiger Fluss von Innovationen sein. Wenn man sich heute eine moderne Produktions- und Automatisierungsanlage ansieht, spielen Cyber Physical Systems bereits eine wichtige Rolle. In der Zukunft werden sie immer weitere Ebenen erschließen. Das heißt, es wird eine flexiblere Produktionssteuerung geben, in der die umgebenden Prozesse stärker vernetzt werden. Industrie 4.0 hat längst begonnen, aber sicher werden wir noch zehn bis fünfzehn Jahre Entwicklungen in diese Richtung erleben.

Also stehen wir am Anfang?

Prof. Broy: Das kommt darauf an, wie man Anfang definiert. Wir haben schon vor Jahren mit Fachleuten aus der Produktion diskutiert und wir haben uns auch Entwicklungen angesehen. So weit sind wir von der Smart Factory nicht mehr entfernt - wir haben sie längst und müssen sie nur noch ausbauen!

Sie haben an den Umsetzungsempfehlungen Industrie 4.0 der Forschungsunion mitgearbeitet. Kommunikation war auch dort ein großes Thema. Wie möchte man eine sichere Kommunikation gewährleisten?

Prof. Broy: Ein zentraler Punkt bei Industrie 4.0 ist die Interoperabilität der Systeme. Das heißt, wie kann ich Daten, die in einem Teilbereich meines Produktionssystems erhoben werden, in anderen Teilen nutzen. Hier haben wir noch mit einer Reihe an Standardisierungsfragen zu kämpfen. Die reine Kommunikationsfragestellung richtet sich lediglich darauf, welche Protokolle dabei ablaufen und wie die darüber ausgetauschten Daten codiert werden. Genauso wichtig aber sind die transportierten Informationen: Sind die -Daten so interpretationsfähig, dass auch die anderen Systeme diese Daten entsprechend nutzen können? Dabei muss man verstehen, in welchem Zusammenhang die Daten stehen und vor allem wie diese Daten in anderen Systemen und in einem anderen Kontext nutzbringend eingesetzt werden können. Die Interoperabilität muss daher über mehrere Abstraktionswege hinweg bestehen.