Automatisierungsindustrie Auf die Pauke gehauen

»In fünf bis sechs Jahren kommen die Babyboomer an ihr Ende«, so Dr. Gunther Kegel, stellvertretender VDE-Präsident und Geschäftsführer von Pepperl+Fuchs auf der Hannover Messe. Die Fachkräftesituation bleibe weiterhin zugespitzt: »Die Absolventenquote in Elektrotechnik ist zu gering!«
»Ich kann es bald nicht mehr hören, dass die Amerikaner besser und schneller sind als wir,« sagt Dr. Gunther Kegel, stellvertretender VDE-Präsident und Geschäftsführer von Pepperl+Fuchs.

Gegenüber der Computerbranche hatte die Automatisierungsindustrie mit ihren ewig währenden Produktzyklen immer schon einen Hauch von Langeweile. Mit der letzte Woche stattgefundenen SPS IPC Drives in Nürnberg hat sie dieses Image endgültig abgelegt.

Die Automatisierungstechnik war stets ein Hort der Stabilität und Kontinuität: Produktlebenszyklen, die sich über Jahrzehnte erstrecken, Technologien, die erst gründlich getestet werden, bevor sie in den Produktiveinsatz gelangen, und Ansprechpartner, die ein ganzes Berufsleben bei der gleichen Firma verbringen. Die IT-Branche war da schon immer viel dynamischer, mit Neuheiten gab man sich erst gar nicht ab – nein, es mussten immer gleich Revolutionen sein. Die neuen Produkte waren »the world’s fastest, biggest, …«, sie waren »better than ever« und »the only one on the entire planet« etc. Sie kennen diese Sprüche sicherlich. Und kaum war ein Produkt auf den Markt geworfen, folgte schon das erste Update und bei den großen Software-Herstellern gibt es nun »Patch Days« nach einem richtigen Zeitplan. Da wird es einem nie langweilig. Das Ergebnis ist aber auch: Vieles funktioniert entweder nie richtig oder ist nie richtig sicher.

Mit der Initiative Industrie 4.0 hat nun auch die Automatisierungsbranche mal so richtig auf die Pauke gehauen und beschlossen, sich neu zu erfinden. Dass das richtig war, beweist die Gründung des Industrial Internet Consortium in den USA. Über Kopien wird zwar viel gejammert, aber welches Kompliment könnte größer sein als die Tatsache, dass man nachgeahmt wird. Schon melden sich nun Stimmen zu Wort, dass die Modernisierung der Industrie hier zu langsam geht. Da fand ich die Äußerung von Dr. Gunther Kegel, stellv. VDE-Präsident und CEO von Pepperl + Fuchs mal eine klare Ansage: »Ich kann es bald nicht mehr hören, dass die Amerikaner besser und schneller sind als wir.« Damit bezog er sich auf die US-Start-up-Szene, in die viel Geld gepumpt wird und in der aber nur wenige überleben. »Zocken mit dem Risiko entspricht nicht dem europäischen Menschenbild. Uns stehen da keine Gesetze im Weg, auch nicht unsere Gründlichkeit – wir wollen das einfach nicht.« Und weiter fährt Kegel fort: »Wenn man in einem langfristigen Geschäft tätig ist, dann ist das Aufspringen auf einzelne Hypes tödlich. Wir stehen für etwas anderes: Nachhaltigkeit und Gründlichkeit. Wir wollen nicht den schnellsten, sondern den besten Ansatz finden.« Trotzdem hat die Automatisierungsbranche durch den Einzug vieler IT-Technologien eine neue Dynamik gewonnen. Das wurde nun auch auf der SPS IPC Drives letzte Woche in Nürnberg sichtbar:

  • Der Messeveranstalter Mesago hat sich vom langjährigen Kongress und dem Kongressformat alter Schule verabschiedet.
  • An dessen Stelle trat der neue Big-Data-Summit mit einem identischen Programm an den ersten zwei Messetagen.
  • Viele Hersteller zeigten Neuheiten, in denen sich die Vision von Industrie 4.0 zum ersten Mal konkretisiert. Zumeist ging es darum, wie Daten in die Cloud gelangen.
  • Die Messe hat in jeder Hinsicht ein Allzeit-Hoch zu verzeichnen – bei Ausdehnung, Ausstellern und Besuchern.