Interview mit Takeshi Iwamoto und Volker Schumann, Toshiba Semiconductor & Storage „Wir wollen in Europa unter die Top 10“

Business Unit Strategie in besonderen bei Automotive-Sequent.
Die Business Unit Strategie in besonderen beim Automotive-Bereich.

Toshiba strukturiert sich massiv um: Insbesondere ihr Automotive-Geschäft in Europa wollen die ­Japaner stärken und haben dazu eine eigene Business Unit gegründet. Welche Strategie dahinter steckt und wohin die Reise ­gehen soll, verrieten Takeshi Iwamoto, Vice President der neuen ­BU, und Volker Schumann, Senior Manager Automotive ­Sales, im ­exklusiven Gespräch mit der Elektronik automotive.

Elektronik automotive: Welchen Anteil nimmt das Automotive-Geschäft bei Toshiba ein? Welches Wachstum erwarten Sie für 2016?

Volker Schumann: Toshiba zählt weltweit zu den Top 10 der Automotive-Halbleiterlieferanten. Wir erzielen im Automotive-Bereich einen Umsatz von etwa einer Milliarde US-Dollar. Bezogen auf den Gesamtumsatz mit Halbleitern entspricht das ungefähr zehn Prozent des Geschäfts. Den größten Teil unseres Automotive-Geschäfts machen wir in Japan. In Europa sind wir derzeit noch nicht in den Top 10 und das wollen wir natürlich ändern. Der Automotive-Bereich von Toshiba liegt in Europa bei rund 100 Millionen US-Dollar. Unser Ziel ist es, diesen Umsatz in den nächsten Jahren zu verdoppeln.

Elektronik automotive: Warum hat Toshiba eine eigene Business Unit zu diesem Zeitpunkt hier in Deutschland eröffnet? Welche Strategie verfolgen Sie damit?

Takeshi Iwamoto: Die große Motivation von Toshiba ist es, im Bereich Automotive entscheidend zu wachsen – und zwar außerhalb von Japan. In Japan sind wir bereits die Nummer zwei, außerhalb von Japan aber nicht.

Volker Schumann: Hier in Europa sehen wir ein riesiges Potenzial, mit unseren Technologien die Anforderungen europäischer Zulieferer und Automobilhersteller zu erfüllen. Das ist auch der Hauptgrund, warum wir an unserem Standort in Düsseldorf (Bild 1) eine dedizierte Automotive Business Unit gegründet haben. Warum ausgerechnet jetzt? – Wir haben vor einiger Zeit unsere Design-Aktivitäten in Europa erweitert und jetzt war der Zeitpunkt gut und günstig, die gesamten Automotive-Aktivitäten in Europa unter einer Business Unit zu bündeln.

Elektronik automotive: Wie viele Mitarbeiter sind derzeit in der BU beschäftigt?

Takeshi Iwamoto: Derzeit sind 50 Mitarbeiter angestellt.

Elektronik automotive: Welche Vorteile bringt die BU für Ihre Kunden und was wird sich für diese ändern?

Takeshi Iwamoto: Bisher waren die Abteilungen getrennt. Es gab beispielsweise eine Abteilung für das Engineering, eine für Sales und eine für das Marketing – mit jeweils verschiedenen Ansprechpartnern. Das ist bei komplexen Produkten wie Mixed-Signal-, Analog- oder ADAS-Bausteinen ein Problem. Jetzt haben unsere Kunden feste Ansprechpartner und bekommen somit alle Informationen aus einer Hand. Damit gibt es intern und extern kurze und effiziente Kommunikationswege sowie eindeutige Verantwortlichkeiten.

Volker Schumann: Wir haben viele Technologien verfügbar, die sich für den Automotive-Markt ausgezeichnet eignen. Damit sind wir auch außerordentlich erfolgreich in Japan. Der Punkt ist aber, dass wir hier in Europa dedizierte Produkte benötigen. Dazu ist es wichtig, einerseits die Trends aus dem Markt aufzugreifen und andererseits unsere Technologien am Markt bekanntzumachen. Deswegen spielen die kurzen Wege eine erhebliche Rolle, um die Anforderungen vom Kunden aufzunehmen und in Spezifikationen und Produkte umzusetzen.

Elektronik automotive: Das zukünftige Fahrzeug ist automatisiert, vernetzt und elektrisch. Welche Trendthemen fokussiert Toshiba mit der BU?

Volker Schumann: Wir fokussieren uns auf drei Themenfelder. Zum einen Infotainment: Dieser Bereich umfasst bei uns alle Produkte und Technologien, die mit Grafik zu tun haben und wo wir in Europa eine starke Historie aufweisen. Wir haben viele Grafikprozessoren für den Automotive-Markt, die hier in Europa entwickelt werden. Außerdem sehen wir einen riesigen Boom in Hinsicht auf die Storage-Anforderungen im Fahrzeug. Toshiba ist einer der größten NAND-Lieferanten. Bisher wurden zwar nicht so große Speicher im Automobil eingesetzt, aber derartige Technologien werden immer stärker nachgefragt.

Der zweite Bereich, mit dem wir uns befassen, sind Fahrerassistenzsysteme. Hier haben wir verschiedene Produkte im Portfolio, vor allem unsere Bildprozessoren für die Bildverarbeitung. Zu den Prozessoren haben wir auch das Know-how zu den Algorithmen der Bildverarbeitung in-house. Und der dritte Bereich, auf den wir uns konzentrieren, ist im weitesten Sinne die Elektromobilität. Hier geht es generell um Spannungsregler, Motorsteuerung und Leistungsbauteile, wie MOSFETs, IGBTs, und Analog-/Mixed-Signal-Komponenten wie ASICs oder ASSPs.

Elektronik automotive: Beeinflusst die gegenwärtige Umstrukturierung die neue Automotive Business Unit in Europa?

Takeshi Iwamoto: Toshiba strukturiert gegenwärtig den Unternehmensbereich Semiconductor and Storage Products um und hat sich entschlossen, seine Aktivitäten bei den CMOS-Bildsensoren und weißen LEDs komplett einzustellen. Die weißen LEDs haben keine Rolle in unserem Automotive-Business gespielt, die CMOS-Sensoren stießen bei unseren Kunden auf einiges Interesse. Allerdings spielen sie keine wichtige Rolle in unseren Wachstumsplänen und daher berühren diese Veränderungen die Automotive BU glücklicherweise nur in kleinem Maße.

Elektronik automotive: ADAS ist beispielsweise eines der Themen, die Toshiba mit seinen Produkten anvisiert: Hier spielt die Einhaltung von ISO 26262 eine wichtige Rolle. Wie erfüllen Sie die Anforderungen an die funktionale Sicherheit?

Volker Schumann: Funktionale Sicherheit ist natürlich ein extrem wichtiges Thema – nicht nur für den ADAS-Bereich. Um ein Beispiel zu nennen: Wir haben hier in Europa innerhalb der Automotive Business Unit ein eigenes Design Center. Unser Mixed Signal Design Center ist hier in Düsselsdorf, aber auch in Graz. Hier decken wir die gesamte funktionale Sicherheit ab, das heißt, das gesamte Design wird nach ISO 26262 entwickelt. Mit entsprechenden Werkzeugen und in enger Zusammenarbeit mit unseren Kunden machen wir die FMEA, um das Produkt von Anfang an ISO-26262-konform zu entwickeln.