Interview mit Ryuji Omura, Executive Vice President Renesas Electronics "Wir hatten Lieferschwierigkeiten, was einem Teil unserer Kunden große Unannehmlichkeiten verursachte"

Renesas Firmenzentrale befindet sich im Nippon-Building im Herzen von Tokio.
Renesas Firmenzentrale befindet sich im Nippon-Building im Herzen von Tokio.

Im Rahmen seiner Restrukturierung hat der Chip-Hersteller Renesas Electronics sein Geschäft in nur noch zwei Geschäftsbereichen zusammengefasst. Eine dieser mächtigen Einheiten ist für das Automobil-Geschäft zuständig und wird von Ryuji Omura geleitet. Im Exklusiv-Interview mit der Elektronik erklärte er uns das "neue Renesas" und den gestiegenen Einfluß aus Europa auf die Firmenzentrale.

Bevor wir über Renesas IoT- und Automotive-Geschäft sprechen, möchte ich auf einen Satz von Ihnen zu sprechen kommen, den Sie bei Ihrem Vortrag auf dem diesjährigen Semiconductor Summit in Tokio gesagt haben: „Recovery from Earthquake became the starting point of the present Renesas“. Können Sie unseren Lesern etwas detaillierter erklären, was genau Sie damit meinen?

Ryuji Omura: Bereits vor dem Erdbeben hatten wir mit der Entwicklung einer neuen Geschäftsstrategie begonnen. Dazu gehörten eine Reihe von Reformen mit den folgenden Zielen: Kostenreduzierung und Verbesserung der Effizienz in der gesamten Organisation und Fokussierung auf unsere erfolgreichsten Geschäftsgebiete. Die dramatischen Ereignisse im März 2011 hatten allerdings große und unmittelbare Auswirkungen auf unsere Mitarbeiter und unser Geschäft. Wir hatten Lieferschwierigkeiten, was einem Teil unserer Kunden große Unannehmlichkeiten verursachte. Trotzdem boten uns viele unserer Kunden Hilfe an, so dass wir die Produktion früher als ursprünglich erwartet wieder aufnehmen konnten. Diese Erfahrung ließ uns deutlich unsere enorme Verantwortung spüren und so begannen wir mit unserer Arbeit,  an der Verwirklichung einer smarten und sichereren Gesellschaft mitzuwirken. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir unser Geschäft als Integrated Device Manufacturer (IDM) entwickelt und uns auf unsere eigene Technologie konzentriert. Jetzt arbeiten wir jedoch am Aufbau eines Ecosystems mit unseren Partnern und wandeln uns von einem reinen Bauteil-Lieferanten in einen Plattformanbieter, um auf diesem Wege unseren Kunden vermehrt Lösungen anbieten zu können. Darüber hinaus haben wir unseren Business-Continuity-Plan verbessert und Informationsinitiativen für unsere Kunden eingeführt. Im Rahmen dieser Initiativen informieren wir unsere Kunden über mögliche Risiken und beraten mit Ihnen, wie wir diese Risiken gemeinsam verringern können. Weiterhin haben wir damit begonnen, auf eine Multi-Fab-Organisation umzustellen und externe Fabs zu nutzen.
Wir arbeiten systematisch alle Punkte unseres Business-Continuity-Plans ab, was bereits erste Ergebnisse zeigt: Unsere letzten Quartalszahlen waren besser als erwartet und wir werden uns weiterhin dafür einsetzen, dass sich dieser Trend fortsetzt.

Ihr CEO Hisao Sakuta hat im Rahmen des Reformplanes u.a. davon gesprochen, „schnelle Entscheidungswege“ und „ein automomes Management“ einführen zu wollen. Wie setzen Sie diese konkret in Ihrer Geschäftseinheit um? Wie profitiert der Kunde konkret von Ihrem neuen „market-oriented approach“?

Omura: Was die Implementierung angeht, reorganisieren und reformieren wir unsere Struktur, damit unsere verschiedenen geographischen Regionen mehr Autonomie und Verantwortung übernehmen können. Durch die Organisation der Regionen als Profit Centers mit regionaler Steuerung lassen sich Entscheidungen schneller treffen. Dies gewährleistet, dass die regionalen Organisationen enger auf die Erfordernisse der Region und des Marktes abgestimmt sind.
Darüber hinaus wurden die obersten Führungskräfte aus Europa und der Region Amerika zu Senior Vice Presidents berufen, so dass die Stimmen unserer Mitarbeiter von außerhalb Japans direkteren Einfluss erhalten.
Weiterhin haben wir unsere Geschäftsbereiche in eine anwendungsorientierte Struktur umgebaut . Ziel dabei war es, unsere Lösungen noch weitergehend zu optimieren, um den Anforderungen unserer Kunden noch besser zu entsprechen.
Im Automobilelektronik-Bereich haben wir eine neue Organisationsstruktur auf der Basis von Einheiten  aufgebaut. Diese Einheiten entsprechen direkt spezifischen Automotive-Anwendungen, so dass wir passgenaue Lösungen für die Anforderungen unserer Kunden bieten können. Zudem haben wir die Anzahl unserer Executives halbiert, was den Entscheidungsfindungsprozess auf Management-Ebene des Unternehmens erheblich beschleunigt.

In Japan haben Sie bei Mikrocontrollern einen Marktanteil von 57 %, dazu ist der Markt deutlich weniger fragmentiert als in Europa, wo die drei größten Hersteller nur einen Marktanteil von 50 % besitzen (Renesas 19 %, Freescale 16 %, Infineon 15 %). Glauben Sie, dass sich hier mit schrumpfenden Prozessgeometrien und den dadurch immer höheren Entwicklungskosten eine Konsolidierung ergeben wird zu weniger Herstellern, die aber jeweils einen höheren Marktanteil bekommen?

Omura: Das Zeitalter des Internet der Dinge (IoT) hat begonnen und dementsprechend erwartet man heute von Bausteinen einen breiten Funktionsumfang. Anders als bei Speicherbausteinen, bei denen der Hersteller mit den modernsten Prozessen einen deutlichen Vorteil gegenüber den Mitbewerbern erzielt, kann unserer Meinung nach bei Mikrocontrollern ein Hersteller im Spiel bleiben, wenn er Lösungen für den Bedarf seiner Kunden liefern kann, auch wenn er dafür nicht die allerneueste Technologie nutzt. Andererseits gibt es in Europa eine große Anzahl von führenden Automobilherstellern mit großem, weltweitem Einfluss. Aus diesem Grund ist hier der Automotive-Anteil am Halbleiter-Markt größer als in anderen Regionen. Im Bereich der Automobilelektronik setzt sich der Trend hin zu elektrischen und hybriden Fahrzeugen weiter fort, während sich gleichzeitig die Verschmelzung von Steuerungstechnik und IT beschleunigt. Dadurch entsteht Bedarf für Lösungen, die über die reine Motorsteuerung der Vergangenheit hinausgehen und Funktionen für funktionale Sicherheit und Security integrieren. Hersteller, die solche Lösungen anbieten können, werden aus unserer Sicht auch in der Lage sein, ihre Marktanteile auszubauen.
Jedoch anstelle uns lediglich darauf zu konzentrieren, unsere Marktanteile für Bausteine auszubauen, fokussieren wir künftig darauf, unseren Kunden eine breite Palette an Lösungen mit zusätzlichem Mehrwert anzubieten.

Kommen wir zum Smart-Car im Rahmen des Internet der Dinge. Die drei Säulen des Smart-Cars werden Automotive Control, Echtzeit-Erkennung und Cloud/IT-basierte Informationen sein, wodurch Security-Aspekte immer wichtiger werden. Was tut Renesas, damit ECUs zukünftig sicherer werden z.B. gegen Hackerangriffe und welche Sicherheitsfunktionen werden zukünftig in MCUs eingebaut?

Omura: Renesas hat sich von Anfang an intensiv an der Spezifizierung und Entwicklung von Sicherheitsstandards für Smart-Cars engagiert – insbesondere für den SHE-Standard. Basierend auf unseren Analysen haben wir ein Sicherheitskonzept entwickelt, das bereits in zahlreichen Komponenten integriert ist und bald werden weitere folgen. Diese umfasst die Einbindung eines Sicherheitsbereichs innerhalb der MCU – eine integrierte Hardware-Domäne – neben dem bestehenden Applikationsbereich. Beim Applikationsbereich geht es um Sensoren, Datenkommunikation und Benutzerfunktionen, während sich der Sicherheitsbereich um die Systemsicherheit kümmert. Der Sicherheitsbereich umfasst vier zentrale Elemente: Intelligente Funktionen, die nach Bedarf die richtigen sicherheitsbezogenen Daten an den Applikationsbereich liefern, kryptographische Logik mit extrem hoher Daten-Bandbreite, Schnittstellen für jeden der Hosts (MCUs) mit zugehörigen Slave/Master-Funktionen und dedizierter nicht-flüchtiger Speicher zur Verwaltung der sicherheitsbezogenen Daten.
Da Kfz-Hersteller und Kunden mit unterschiedlichen Sicherheitsanforderungen arbeiten, haben wir drei verschiedene Sicherheitsbereiche entwickelt. Erstens, eine kostengünstige Lösung entsprechend der SHE-Spezifikation. Zweitens, eine flexible Lösung, die sich entsprechend dem Bedarf der Autohersteller oder Teilelieferanten an den Applikationsbereich anpassen lässt. Drittens, eine Hochleistungslösung ähnlich der flexiblen Lösung, jedoch mit zusätzlichen kryptographischen Funktionen, wie etwa Verschlüsselung für Media-Streams. Wir bezeichnen diese Komponenten als Intelligent Cryptographic Units (ICUs). Die kostengünstige SHE-konforme Lösung heißt ICU-S und die flexible Lösung läuft unter der Bezeichnung ICU-M. Beide haben wir bereits in unsere RH850-MCU-Familien integriert. Car-to-Car -(C2C)- und Car-to-Infrastructure-(C2X)-Kommunikation sind zentrale Bereiche, an denen wir mit anderen Organisationen weltweit arbeiten, da diese Kommunikation durch unberechtigte Zugriffe von Hackern bedroht ist. Eine der wichtigsten Schutzfunktionen gegen diese Bedrohung ist der Elliptic-Curve-Digital-Signature-Algorithmus, der spezifische Hardware-Unterstützung für komplexe mathematische Berechnungen erfordert. Renesas arbeitet bereits an der Entwicklung solcher spezialisierten ECDSA-Funktionen für künftige Implementierungen in entsprechenden Produkten.

Neben Security stehen zukünftig auch High-Speed-In-Vehicle-Netzwerke und funktionale Sicherheit im Fokus. Wie weit sind denn Ihre Entwicklungen in diesen beiden Richtungen fortgeschritten?

Omura: Renesas ist bereits seit Jahren auf diesen beiden Gebieten aktiv. Bei schnellen Kfz-Bordnetzen ist MOST (Media Oriented Systems Transport) der entscheidende Standard. Hierbei handelt es sich um einen Bus-Standard für Multimedia-Netze im Fahrzeug, das hochqualitative Audio-, Video und Paketdaten sowie Echtzeit-Steuerbefehle und andere Signale mit einer Bandbreite von bis zu 150 Mb/s übertragen kann. Unser V850E2/Sx4-H Mikrocontroller unterstützt sowohl MOST als auch Ethernet, und vereint Multimedia-Datenverarbeitung und Systemsteuerung für Audiosysteme, Tuner, Verstärker und andere Einheiten im Fahrzeug auf einem einzigen Chip. Was die funktionale Sicherheit betrifft, so haben wir an internationalen Arbeitsgruppen für die Entwicklung der Normen IEC61508 und ISO26262 für funktionale Sicherheit teilgenommen. Unsere Technologie wurde vom TÜV für den Einsatz in Systemen zertifiziert, die SIL3 Sicherheitsniveau erfordern. Darüber hinaus bieten wir auch Unterstützung für funktionale Sicherheit auf Hardware- und Software-Ebene, und optimieren die Bausteine entsprechend der unterschiedlichsten Systemanforderungen (z. B. für Airbag-Systeme, Servolenkungen etc.).