Interview mit Simon Fürst, Sprecher der Entwicklungspartnerschaft AUTOSAR AUTOSAR – Der Weg in die Zukunft

Entwicklungspartnerschaft AUTOSAR vor einem fundamentalen Paradigmenwechsel.
Der Weg in die Zukunft: Die Entwicklungspartnerschaft AUTOSAR steht vor einem fundamentalen Paradigmenwechsel.

2003 wurde die Entwicklungspartnerschaft AUTOSAR aus Herstellern von Fahrzeugen, Tools, ECU-Basis-Software und Mikrocontrollern sowie weiteren Zulieferern gegründet. Zwölf Jahre später stehen Partnerschaft und Standard nun vor einem fundamentalen Paradigmenwechsel. Die Elektronik automotive sprach mit Simon Fürst über die Zukunft von AUTOSAR.

Elektronik automotive: Welchen Einfluss nehmen Trends wie automatisiertes Fahren oder Vernetzung auf AUTOSAR?

Simon Fürst: Die Veränderungen, die momentan stattfinden wie Digitalisierung und hochautomatisiertes Fahren, werden sich mit dem klassischen AUTOSAR, wie wir es heute kennen, nur schwerlich umsetzen lassen (Bild 1). Die AUTOSAR-Software-Plattform entstand aus Ideen, die vor zehn Jahren entwickelt wurden. Damit ist sie eine sehr gute Lösung für die klassische Automobilwelt. Diese wird es natürlich auch weiterhin im Fahrzeug geben. Nur weil es in der Zukunft Features wie hochautomatisiertes Fahren gibt, sind trotzdem Basisfunktionen wie zum Beispiel Motorsteuerung oder ESP-Steuergeräte notwendig. Die klassischen Funktionalitäten im Fahrzeug bleiben und damit wird auch der Anwendungsfall für die heutige Software-Plattform, die AUTOSAR liefert, genauso erhalten

Wir haben aber erkannt, dass es mit all diesen neuen Funktionen nicht möglich sein wird, die jetzige AUTOSAR-Plattform in einem evolutionären Schritt dorthin weiterzuentwickeln. Daher haben wir den Beschluss gefasst, dass wir das heutige AUTOSAR weiter nach den neuen Anforderungen im Automobilbereich pflegen werden – aber restriktiver – und wir gleichzeitig eine zweite Plattform bauen werden.

Elektronik automotive: Was verändert sich mit der Einführung einer zweiten Plattform?

Simon Fürst: Wir führen den Begriff des „Produktes“ in der AUTOSAR-Partnerschaft ein. Bisher war AUTOSAR das Synonym für zwei Begriffe, nämlich einmal für die Partnerschaft, an der Stand heute 190 Firmen beteiligt sind, und zum zweiten für das Arbeitsergebnis, den AUTOSAR-Standard selbst. Das zukünftige Arbeitsergebnis wird mehrschichtiger sein: Die AUTOSAR-Partnerschaft wird mehrere Produkte liefern. Das sind Produkte in Form von Standards, also Standardisierungsergebnisse, die mehrfach geteilt werden. Das eine ist Classic AUTOSAR und das andere wird Adaptive AUTOSAR sein.

Diese Plattform enthält sehr viele Anleihen an Software-Technologien aus der Consumer-Elektronik, weil diese deutlich weiter und innovativer ist und deutlich schneller taktet als die klassische Automobil-Software-Entwicklung. Die adaptive Plattform wird nicht eine vom weißen Papier beginnende Entwicklung sein, sondern wir schauen uns ganz genau vorhandene Lösungen an, die es am Markt gibt, und zwar sowohl im Bereich der Head Units als natürlich auch am Markt außerhalb des Automotive-Bereichs. Dann überlegen wir uns, wie wir daraus den optimalen Standard für hochkomplexe Steuergeräte der Zukunft entwickeln können. Das ist natürlich ein fundamentaler Paradigmenwechsel, den wir da vollziehen. Vorher haben wir für alles Spezifikationen geschrieben und die Partnerschaft hat in Hinsicht auf die Software alles selbst entwickelt. Jetzt schauen wir uns an, wo es Teile einer Gesamt-Software-Plattform gibt, die wir nutzen können.

Wir werden das nächste Betriebssystem für solche Steuergeräte nicht mehr in AUTOSAR selbst erfinden (Bild 2), sondern wir sehen uns Lösungen an, die letztlich auf ein Linux oder daran angelehnte Betriebssysteme basieren. Denn da gibt es Betriebssysteme, die seit vielen Jahren stabil und etabliert am Markt sind und die können wir jetzt einfach einsetzen. Wir werden uns natürlich nicht auf ein Betriebssystem einschießen. Was wir machen, ist, dass wir uns auf den Posix-Standard beziehen. Das ist ein internationaler Standard, der lange am Markt existiert und Betriebssystem-Schnittstellen definiert. Das heißt, ein entsprechendes Subset aus diesem Standard muss ein zukünftiges AUTOSAR-Betriebssystem erfüllen. Darunter ist dann Platz für geeignete Linux-, aber auch für kommerzielle Lösungen. Das bedeutet auch, dass wir Open-Source-Lösungen nutzen wollen. So glauben wir, dass wir den neuen Standard viel schneller aufbauen, etablieren und reif bekommen können. Wenn wir uns das klassische AUTOSAR anschauen – vom Beginn der Idee bis hin zur Serienreife – das hat knapp zehn Jahre gedauert. Das können und müssen wir deutlich beschleunigen.

Elektronik automotive: Wie ist der Stand der Entwicklung bei der Adaptive-AUTOSAR-Plattform?

Simon Fürst: Aktuell befinden wir uns in der Phase, wo wir die Basisarchitektur der Adaptive-Plattform soweit definiert haben und wir an den Kernschnittstellenebenen zur Applikation uns zu den Betriebssystemen einigen, wie diese aussehen werden. Damit können wir die Grundarchitektur festzurren. Das heißt, wir überprüfen entsprechende Lösungen und erst, wenn wir sehen, dass es am Markt keine passende Lösung gibt, werden wir in AUTOSAR diese Lücke mit eigenen Spezifikationen füllen. Was Betriebssysteme und Middleware betrifft, gibt es sehr viele Lösungen am Markt. Diese wollen wir nutzen und gegebenenfalls ausbauen, aber definitiv auf etwas Existierendes und Funktionierendes aufsetzen. Damit bekommen wir ein ganz anderes Tempo in den Entwicklungsprozess hinein. Die Lösungen brauchen wir schließlich sehr schnell. Denn die entsprechenden Steuergeräte gehen jetzt in die Serienentwicklung und kommen dann ins Fahrzeug