Interview mit Arwed Niestroj, Mercedes »Machine Learning wird demnächst massiv an Bedeutung gewinnen.«

Forschungs- und Entwicklungszentrum im Silicon Valley
Das Forschungs- und Entwicklungszentrum von Mercedes-Benz im Silicon Valley

Seit über 20 Jahren ist Mercedes-Benz mit einem Forschungs- und Entwicklungszentrum im Silicon Valley vertreten. Die Elektronik automotive wollte vom Leiter des Entwicklungszentrums unter anderem wissen, ob und welche Vorteile die Nähe zu führenden Internetfirmen wirklich bringt.

Vor 20 Jahren wagte Mercedes-Benz den Schritt, im Silicon Valley einen Standort für Forschung und Entwicklung aufzubauen. Was 1995 in Palo Alto mit 20 Mitarbeitern begann, führt die Marke mit dem dreizackigen Stern heute mit 240 Mitarbeitern am zentralen Standort in Sunnyvale fort. Neben der Untersuchung gesellschaftlicher Entwicklungen und Kundenbedürfnisse kamen im Laufe der Zeit immer weitere Entwicklungsfelder hinzu, die sich mit der Zukunft der Mobilität befassen wie autonomes Fahren, Internet of Things, User Experience Design und Künstliche Intelligenz. Darüber hinaus entwickelt das Team von Business Innovation neue Geschäftsmodelle für die Mobilität von morgen.

Zu MBRDNA gehören außerdem die Standorte Carlsbad/Kalifornien mit Fokus auf zukünftiges Fahrzeug-Design (Advanced Exterior Design), Long Beach/Kalifornien mit Schwerpunkt auf Fahrzeugvernetzung und -testen sowie Brennstoffzellentechnik und Redford/Michigan mit Entwicklungen im Antriebsstrang und e-drive-Systemen. In Ann Arbor/Michigan und auch Long Beach kümmert man sich um regulatorische Angelegenheiten und Tests.

Elektronik: Mercedes-Benz R&D Nordamerika feierte vor Kurzem das 20-jährige Jubiläum im Silicon Valley. Gratulation. An welche außergewöhnlichen Forschungsprojekte erinnern Sie sich, wenn Sie zurückschauen?

Arwed Niestroj: Da gibt es eine Vielzahl, seit wir vor 20 Jahren mit einer kleinen Gruppe hier begonnen haben. Mercedes-Benz war einer der ersten, der den iPod ins Fahrzeug integriert hat, was damals sehr innovativ war. Wir haben erste Projekte im Bereich der Car-2-Car-Kommunikation umgesetzt, bei denen wir A-Klasse-Modelle mit entsprechender Kommunikationstechnik ausgestattet haben, sodass sich die Fahrzeuge gegenseitig vor Unfallsituationen warnen konnten. Heute haben wir diese Funktion in der neuen E-Klasse. Darüber hinaus haben wir die Kommunikation von Thermostaten von Nest Labs und unseren Fahrzeugen ermöglicht. Dabei handelt es sich um einen Temperatursensor für die Heizung, der im Smart Home per WLAN kommuniziert. Wenn ich also beispielsweise von der Arbeit nach Hause fahre, kann ich dort die gewünschte Temperatur über das COMMAND-System (Infotainment-System von Mercedes-Benz) einstellen.

Wir haben auch diverse Anwendungen entwickelt: 30 verschiedene Apps in 28 Sprachen, darunter beispielsweise die Suchfunktion von Google oder eine sinnvolle Lösung zum Lesen von Nachrichten im Fahrzeug.

Musik-Streaming-Dienste wurden integriert, Internet-Radio, alle als Mercedes-Benz-Apps des COMMAND-Systems. Schauen Sie sich unseren selbstfahrenden Mercedes-Benz F 015 Luxury in Motion an, eine Fahrzeugstudie, die wir auf der CES 2015 gezeigt haben: Das digitale Interieur wurde in unserem R&D-Center in Sunnyvale entwickelt, von Gestensteuerung und Eye Tracking, bei dem die Reaktion der Augen des Fahrers verfolgt werden, bis hin zu den Displays in den Türen.

Die verschiedenen Displays in Instrumententafel und Rück- und Seitenwänden bieten den Passagieren viele Interaktionsmöglichkeiten – nicht nur mit dem Fahrzeug, sondern auch mit der Außenwelt. Dadurch verändert sich das Kundenerlebnis im Fahrzeug gewaltig. Unser Business Innovation Team bringt als Inkubator Mobilitätsangebote auf die Straße. Aktuelles Beispiel ist Via South OC, ein Service von Business Innovation und Via, einem amerikanischen Start-up für Fahrdienste nach Bedarf, bei dem sich Kunden in Südkalifornien mit der Via-App einen Mercedes-Benz Metris rufen können und nach der Fahrt direkt bezahlen. Mobilitätsdienste für Städte gibt es mittlerweile viele und auch Daimler hat in dem Bereich schon viel vorzuweisen wie zum Beispiel car2go, der größte Carsharing-Anbieter weltweit. Doch neben den Megastädten sind die Vorstädte die eigentliche große Herausforderung wie man Menschen intelligent und nachhaltig befördern kann – hier setzen wir an.

Elektronik: Was sind die notwendigen Kriterien wie Einwohnerdichten, damit so ein Konzept Sinn ergibt?

Arwed Niestroj: Neben Einwohnerdichten muss man vor allem Verkehrsmuster verstehen - wollen die Kunden eine Lösung für den Berufsverkehr, zum Shopping oder Dinner mit Freunden? Natürlich spielt autonomes Fahren eine wesentliche Rolle. Seit vielen Jahren und konkret hier in Sunnyvale seit 2014 arbeiten wir ganz intensiv daran, autonomes Fahren voranzutreiben. Wir bauen Ressourcen auf, vor allem um das autonome Fahren in den USA zu beherrschen. Die Verkehrssituation ist unterschiedlich zu Deutschland, die Ampeln stehen an anderer Stelle, Schilder, Regeln und Fahrbahnmarkierungen sind anders.

Elektronik: Das heißt, Sie beschäftigen sich mit der Anpassung an den lokalen Markt?

Arwed Niestroj: Ja, aber wir betreiben auch grundsätzliche Entwicklungen für das autonome Fahren.

Elektronik: Waren Sie dann auch an der Bertha-Benz-Fahrt beteiligt?

Arwed Niestroj: Wir setzen an den Ergebnissen der Bertha-Benz-Fahrt an und testen ebenfalls mit einem S 500 INTELLIGENT DRIVE im amerikanischen Straßenverkehr. Wir arbeiten eng mit unseren Kollegen in Deutschland zusammen. Die Frage, wie ich die Informationen der verschiedenen Sensoren im Fahrzeug möglichst gut zusammenbringen kann, um dann am Ende vollautonom fahren zu können, untersuchen wir hier sehr intensiv. Davon profitieren natürlich auch die Kollegen in Deutschland.

Elektronik: Worin sehen Sie den Vorteil für einen Automobilhersteller wie Mercedes-Benz, ein Entwicklungszentrum im Silicon Valley zu haben?

Arwed Niestroj: Die Vorteile sind vielfältig. Dafür spricht vor allem die Nähe zu Innovationen. Hier entstehen so viele Start-ups mit kreativen Ideen. Hier ist es für junge Unternehmen leichter, an Risiko-Kapital heranzukommen. Allein im letzten Jahr waren es über 30 Mrd. Dollar, die hier in der Bay Area zwischen San Francisco und San Jose investiert wurden. Die ganze Umgebung mit den Universitäten, den Venture-Capital-Firmen, mit dem Interesse der Investoren, mit dem Geist und der Geschäftskultur, neue Dinge auszuprobieren, ist genau darauf ausgelegt. Im Valley heißt es „Fail forward“. Ich probiere etwas aus; wenn es nicht funktioniert, habe ich hinzugelernt und probiere etwas Neues aus. Hier kommen hohe Risikobereitschaft und viel Geld zusammen. Das erzeugt sehr viele Innovationen und wir sind ganz nah dran. Wir sehen die Start-ups sehr früh und können als Mercedes-Benz die Unternehmen heraussuchen, die wir unterstützen und mit denen wir arbeiten wollen. Unser Ziel ist es, für unsere eigenen Forschungsarbeiten die Talente aus dem Silicon Valley zu gewinnen. Der Kampf um schlaue Köpfe ist ein globaler Kampf und er findet hier sehr massiv statt.