Interview mit Freescales Automotive-Chef Bob Conrad: "ASIL D ist für ARM derzeit unerreichbar"

Der ehemalige TI-Manager Bob Conrad ist seit 2012 Chef von Freescales Automotive-Geschäft.
Der ehemalige TI-Manager Bob Conrad ist seit 2012 Chef von Freescales Automotive-Geschäft.

Nachdem er im Juni 2012 neuer Chef von Freescale geworden war, krempelte Gregg Lowe auch die Management-Strukturen um. Neuer Leiter des Automobil-Geschäftes wurde Bob Conrad, der zuvor u.a. bei Texas Instruments das Automotiv-Mikrocontroller-Business geleitet hatte. Im Exklusivinterview mit der Elektronik Automotive erklärte Conrad, warum ARM-Prozessoren heute noch nicht für alle Anwendungen geeignet sind und ob er bedauert, dass Freescale keine eigene Leistungselektronik an Bord hat.

Elektronik Automotive: Sie sind 2012 von Fairchild zu Freescale gewechselt, was war Ihre persönliche Motivation? Ihr Vorgänger Dr. Reza Kazerounian hat sowohl Ihnen als auch Ihrem Mikrocontroller-Kollegen Geoff Lees - sagen wir es diplomatisch – nicht gerade wenig Herausforderungen übergeben….

Bob Conrad: Jede neue Chance hat Ihre Herausforderung, als Gregg Lowe hier das Ruder übernommen hat, hat er mich angerufen und mir erklärt was er vorhat, wir sind jetzt deutlich auf Wachstum fokussiert, ich habe ja den Ruf eines „Business Builders“ und ich freue mich auch nach meiner ehemaligen TI-Zeit wieder zurück in Texas zu sein!

Elektronik Automotive: In Ihrem Geschäftsbericht steht ja zu lesen, dass der deutsche Zulieferer Continental Freescales größter Kunde mit einem Umsatzanteil von 15 % ist, das sind 2013 also knapp 630 Mio. Dollar. Wieviel Geschäft machen Sie denn mit dem anderen großen deutschen Zulieferer Bosch?

Conrad: Bosch liegt unter 10 % unseres Gesamtumsatzes, das ist ja die Grenze, wo wir nach den US-Börsenrichtlinien einzelne Kunden ausweisen müssen. Sie sind nichtsdestotrotz unser zweitgrößter Mikrocontroller-Automotive-Kunde und wir haben speziell im Bereich Powertrain eine umfängliche Geschäftsbeziehung, so entwickeln wir zusammen gerade eine Powertrain-Plattform der nächsten Generation.

Elektronik Automotive: Freescale bietet im Bereich Automotive sechs unterschiedliche Mikrocontrollerfamilien an: 8-bit S08, 16-bit-S12, 32-bit-Qorivva mit Power Architektur, 32-bit-i.MX mit ARM Cortex-A9 und ARM926, Vybrid mit ARM Cortex-A5 und Cortex-M4 und Bilderkennungsprozessoren mit ARM926. Desweiteren gibt es mit Kinetis-EA jetzt auch die ersten 32-bit-MCUs mit ARM Cortex-M0+. Für alle Architekturen – zumindest die propritären und für Power - müssen Sie ein Ecosystem entwickeln und pflegen. Werden Sie diesen Bauchladen harmonisieren in Richtung ARM?

Conrad: Ihre Analyse ist korrekt. Wir sehen die ARM-Architektur in Infotainment, Kamera-Systemen und ähnlichem, dazu haben wir in China einen sehr fragmentierten Markt mit vielen kleinen Kunden, die wir über die Distribution mit Kinetis-EA erreichen wollen. In China haben wir aber auch mehr Universitäts-Programme auf Basis der Power-Architektur als bei ARM. Davon abgesehen bietet Power immer noch die höchste Rechenleistung die wir bei sicherheitsrelevanten Anwendungen brauchen in Powertrain, Bremssystemen, Radarsystemen u.s.w. ASIL D ist derzeit für ARM unerreichbar. Das Power-Ecosystem ist in Automotive auch so gut entwickelt, so dass es heute billiger sein kann, Power weiterzuentwickeln als einen neuen ARM-Core zu lizensieren. ARM sehen wir in Body, Instrumenten-Clustern oder Kamera-Systemen wachsen.

Elektronik Automotive: Was müsste denn ARM genau liefern, damit die Architektur auch für heutige Power-Anwendungen nutzbar würde?

Conrad: Wir haben als großer Partner mit ARM unzählige Strategie-Treffen und wir geben ihnen natürlich das Feedback, das ich Ihnen hier gebe. Eines Tages könnte sich die Lücke zu Power schließen und sie könnten Power auch seitens der Rechenleistung überholen, die Lücke hat sich aber definitiv noch nicht geschlossen. In diesem Jahr ist somit klar, was passiert, danach? Wir werden sehen, was ARM uns liefert. Möglicherweise wird es dann einen Schwenk zu ARM geben.

Elektronik Automotive: Ein wichtiges Thema in der Autobranche ist ADAS, was die Coexistenz von sicheren Anwendungen mit Benutzerschnittstelle, die z.B. auf einem Konsumer-OS wie iOS oder Android basieren kann, erfordert. ARM hat Ende 2013 mit ARMv8-R eine neue Architektur für Hardware-Virtualisierung vorgestellt, wird Freescale von Anfang an ARMv8-R-Chips entwickeln?

Conrad: (lacht) Fragen Sie mich das nochmal nächstes Jahr, es gibt ja noch gar keinen Core, der auf ARMv8-R basiert.

Elektronik Automotive: Durch Cloud-Anbindung für Infotainment und Telematik-Services in der Car2Car- und Car2X-Kommunikation wird die Vernetzung im Fahrzeug immer wichtiger. Wird Ethernet zukünftig Most ablösen?

Conrad: Ja, definitiv. LIN als billige Punkt-zu-Punkt-Verbindung wird sicher noch eine gewisse Zeit existieren, aber wir glauben an das Ethernet. Das reduziert den benötigten Platz und die Kosten.

Elektronik Automotive: Werden wir sogar das „Ethernet-only-Auto“ sehen ohne CAN und LIN?

Conrad: Es gibt natürlich viele Altlasten, das heisst in 2 Jahren sicherlich nicht, aber in 10 bis 15 Jahren kann ich mir das sehr gut vorstellen.

Elektronik Automotive: Im Bereich E-Mobilität und Hybrid-Fahrzeuge findet man einen großen Anteil von Leistungselektronik. Mit IGBTs und MOSFETS lässt sich ja bekanntlich mehr Geld verdienen als mit 8-bit-Mikrocontrollern. Freescale hat diesbezüglich ja keine Chips im Programm, bedauern Sie das und planen Sie ggf. einen Zukauf in dieser Richtung?

Conrad: Fest steht, der Hybrid- und E-Car-Markt wachsen signifikant. Von der MCU-Seite können wir ihn mit Produkten bedienen, die wir für Benzin-Fahrzeuge entwickelt haben. In 1-2 Jahren werden wir sicher auch diskutieren, ob wir Controller und Prozessoren speziell für E-Cars und Hybridfahrzeuge entwickeln. Sie haben natürlich Recht, dass man mit Leistungselektronik mehr Geld verdienen kann. Das fällt ja in den Aufgabenbereich meines Kollegen James Bates und er weiss dies ganz, ganz genau ebenso wie die Tatsache, dass unsere Wettbewerber Infineon und Renesas hier entsprechende Produkte anbieten. Ich kenne seine konkreten Pläne nicht, aber Ihre Analyse ist natürlich absolut richtig.