Nvidia Wieso flog der Tegra bei BMW raus?

In Lederjacke und Turnschuhen präsentierte Jen-Hsun Huang, Mitgründer und CEO des Chipherstellers Nvidia, auf der CES 2013 in Las Vegas das neue Flagschiff Tegra-4 – den angeblich schnellsten Prozessor der Welt. Vor zwei Jahren gab Nvidia ebenfalls auf der CES eine Zusammenarbeit mit BMW bekannt, aus der aber nichts wurde.

Huang, dem es bei seiner Präsentation vor Begeisterung über die Daten des Tegra-4 zeitweise fast die Sprache zu verschlagen schien (5 Cores des Typs ARM Cortex-A15, 72 GPU-Cores, 45 % weniger Leistungsaufnahme gegenüber Tegra-3 durch Fertigung in 28-nm-HPL-Prozess), konnte selbst verkünden, dass die Archillisferse des Tegra-3, nämlich fehlende Hardware für LTE/4G, nun ausgemerzt ist: Der 8-Core Chip i500 unterstützt mittels SDR-Technologie alle LTE-Bänder für Sprache und Daten.

Erst vor wenigen Quartalen verkündete Nvidia stolz, Intel und konkret dessen Atom-Plattform bei BMW für zukünftige Fahrzeuggenerationen zu Gunsten der Tegra-Chips rausgeworfen zu haben. Lange hielt die Freude jedoch nicht: Am Ende gewann Freescale dank seiner von Vivante lizensierten GPU und Nvida ist bei dem Münchener Premiumhersteller draussen.

Was ist der Grund? Wie wir aus dem Umfeld von Nvidia erfahren haben, war es schlicht und ergreifend die mangelnde Unterstützung für OpenCL, das ebenso wie OpenGL, OpenGL ES und DirectX 11.0. nicht unterstützt wird – nicht einmal die eigene proprietäre CUDA-Architektur. Alle diese Eigenschaften werden von GPUs der Konkurrenz (Qualcomm Adreno 300-Serie), Imagination (PowerVX) und ARM (Mali-T600) unterstützt. In BMWs “RFQ” (“Request for Quote”) soll explizit die OpenCL-Unterstützung der GPU aufgeführt sein.

Als Hintergrund muss man wissen, dass Nvidia sowohl auf Tegra-2 als auch auf Tegra-3 GeForce-GPUs gebaut hat, die auf der schon 2004 eingeführten NV4X-Architektur (mit 128-bit-Speichercontroller und fortlaufend weiterentwickeltem Fertigungsprozess) basiert. Die neue Kepler-Architektur, die seit April 2012 in Grafikkarten für PCs verbaut wird, fand in Tegra-4 nur rudimentär Einzug – die GPU ist architektonisch eine Ansammlung von GeForce- und einigen wenigen Kepler-Elementen.

Warum Nvidia glaubte, auf OpenCL und Co. verzichten zu können, haben sie gleich selbst kommuniziert: Die APIs sind derzeit in keinem Betriebssystem für Mobilgeräte integriert und – zumindest laut Nvidia – werden sie auch von keinen Apps genutzt.

Dies ist so richtig und deswegen dürfte Nvidia zumindest aus technischer Sicht auch kein Problem haben, den Tegra-4 in Android-basierte Smartphones und Tablets einzudesignen.

Wie man aber am Beispiel BMW gesehen hat, gibt es noch die Embedded-Märkte – und Windows RT. Hier dürfte Nvidia die Nichtunterstützung von höheren Versionen als DirectX 9.0. das Genick brechen. Schon in den nächsten Wochen werden Cross-Plattform-Benchmarks wie 3DMark für WindosRT, Android und iOS oder Basemark X herauskommen, bei denen Tegra-4-betriebene Laptops im Vergleich mit DirectX11-fähigen Geräten regelrecht abschmieren werden.

Dabei wäre die Situation für Nvidia eigentlich ideal gewesen: HP und andere OEMs berichteten von großen Problemen mit Windows/RT-Treibern von Qualcomm für deren Snapdragon-Chips (mal unabhängig von der Fragestellung, ob die Schuld bei Windows RT oder Qualcomm liegt, denn der Chiphersteller aus San Diego hat ja Snapdragon bereits erfolgreich in über 500 Android- und Windows-Phone-basierende Designs integriert).

Mittlerweile hat wohl auch Nvidia das Problem erkannt: Ein Chip mit dem Codenamen “Gray” integriert einen Tegra-3 mit einem Modem. Ob dieser allerdings ausreicht, außerhalb der Smartphones und Tablets Fuß zu fassen, sei einmal dahingestellt. Zumindest einen signifikanten Design-Win konnte Nvidia verkünden: Die Volkswagen-Gruppe wird Tegra-Chips voraussichtlich in allen Marken (Audi, Bentley, Bugatti, Ducati, Seat, Scoda, VW) einsetzen.

Bemerkenswert ist dabei, dass Eigenschaften, die für BMW offensichtlich essentiell sind, bei VW keine Rolle spielen. Vielleicht glaubt man dort, dem Fahrer mit eigenen Grafikroutinen ein noch besseres Erlebnis bieten zu können als bei der Nutzung der Standards. Die Zeit wird es zeigen.