Telematik-Dienste und -Anwendungen im modernen Fahrzeug Always on #####

Im Eklusiv-Interview mit Elektronik automotive erklärt Herbert Halamek, Vice President im Geschäftsbereich Connectivity der Continental AG, welche Rolle die Telematik in künftigen Fahrzeugen spielen wird und wie der Fahrzeugzulieferer damit umgeht.

Telematik-Dienste und -Anwendungen im modernen Fahrzeug

Im Eklusiv-Interview mit Elektronik automotive erklärt Herbert Halamek, Vice President im Geschäftsbereich Connectivity der Continental AG, welche Rolle die Telematik in künftigen Fahrzeugen spielen wird und wie der Fahrzeugzulieferer damit umgeht.

Der Begriff Telematik scheint oft missverständlich genutzt zu werden. Wie definieren Sie Telematik und welche Anwendungen zählen Sie dazu?

Herbert Halamek: Wir verwenden mittlerweile den Begriff Connectivity, nach dem wir auch unsere Geschäftseinheit intern benannt haben. Darunter verstehen wir die Vernetzung des Fahrzeuges und damit auch des Fahrers mit seiner Umwelt. Diese Vernetzung kann im Kleinen passieren, z.B. die Einbindung von portablen Endgeräten wie MP3-Spielern, iPods, mobilen Telefonen oder USB-Sticks. Sie kann aber auch im Großen stattfinden durch die Anbindung des Fahrzeuges an die Breitband-Infrastruktur wie UMTS, WiFi, WiMAX oder LTE. Oder aber auch durch die Verbindung von Fahrzeugen untereinander oder durch die Verbindung von Fahrzeugen mit der Infrastruktur. Unter Telematik verstehen wir die Untermenge der Bereitstellung von bereits bekannten, aber auch neueren Diensten, die drahtlos über die Ferne im Fahrzeug zur Verfügung gestellt werden. Solche Telematik-Dienste sind etwa Ferndiagnose, Stolen-Vehicle-Tracking, Flottenmanagement, Pay-As-You-Drive bzw. Pay-Per-Use, Straßenmaut, Concierge-Dienste, Off-board-Navigation, aber auch Not- und Pannenrufe.

Ein weiterer Aspekt von Connectivity ist die Vernetzung von Sensorsignalen im Fahrzeug. Wir haben hier mit unserem ContiGuard-Konzept eine Sicherheits-Plattform geschaffen, wie sie keiner unserer Wettbewerber bieten kann.

Continental kann mittlerweile alle elektrischen/elektronischen Systeme für die Fahrzeugentwicklung anbieten. Sehen die OEMs dies als Möglichkeit funktions-/steuergeräteübergreifender Optimierung oder eher als Gefahr?

Halamek: Durch die zunehmenden Anforderungen an die Komplexität und Vernetzung von Fahrzeugsystemen und dem allgegenwärtigen Preisdruck im Markt sehen wir uns als kompetentesten Partner für die OEMs. Auch unsere Kunden sehen dies als große Chance, mehr Funktionen zu einem attraktiven Preis bieten zu können. Durch die optimale Abstimmung oder gar Kombination der einzelnen elektronischen Komponenten im Fahrzeug lassen sich Funktionen effizienter realisieren und es entstehen neue Möglichkeiten, wie zum Beispiel die Optimierung der Motorsteuerung mit Daten aus dem Navigationssystem, die online über Connectivity aktualisiert sind, um den Kraftstoffverbrauch und damit den CO2-Ausstoß zu reduzieren.

Was sind im Bereich Connectivity die Themen, an denen derzeit gearbeitet wird?

Halamek: Ein Schwerpunkt unserer Aktivitäten liegt nach wie vor in der Anbindung von mobilen Endgeräten an das Fahrzeug. Die extrem kurzen und dynamischen Lebenszyklen von mobilen Endgeräten und der im Gegensatz dazu langen Entwicklungsund Lebensdauer eines Fahrzeugs führt immer mehr zu Unzufriedenheit des Fahrzeugnutzers, da seine persönlichen mobilen Geräte einfach nicht mit seinem Fahrzeug zusammen funktionieren. Wir haben eine Technologie – Seamless Mobile Integration (SMI) – entwickelt und sind dabei, diese in Produkte umzusetzen, die dieses Dilemma lösen werden. Gleichzeitig arbeiten wir eng mit unseren Kollegen aus dem Bereich Multimedia zusammen, so dass auch die zukünftige Infotainment-Plattform von Continental – die Multi Media Platform (MMP) – entsprechend anschlussfreudig wird. Daneben sehen wir vermehrt den Bedarf für breitbrandige Kommunikation im Fahrzeug. Nicht zuletzt investieren wir in Notrufsysteme für das Fahrzeug (Europäischer eCall), die bald viele Menschenleben retten und die Folgen von schweren Unfällen durch schnelle Hilfe lindern werden.

Halamek: Telematiksysteme sind weltweit im Aufbau vergleichbar. Sie enthalten ein Network-Access-Device (NAD), einen GPS-Empfänger, eine CAN- oder MOST-Schnittstelle sowie den für ECUs üblichen Bereich der Peripherie, z.B. Power-Management oder I/Os. Wesentliche Unterschiede bei den geografischen Einsatzorten spielen die Telematik-Dienste. Ist der USamerikanische Markt mehr durch Sicherheit und Komfort (z.B. BMWAssist, GM/OnStar) bestimmt, so zeichnet sich der japanische Markt durch sehr großen Inhalt aus. Im Europäischen Markt stellen wir derzeit einen Wandel fest. Das Wort Telematik löst bei vielen OEMs immer noch schlechte Erinnerungen an die Jahre 2001/2002 aus. Die erwartete Nachfrage der europäischen Kundschaft für kostenpflichtige Telematik-Dienste blieb aus. Heute, im Zeitalter der Flatrates, hat sich die Bereitschaft der europäischen Kunden für kostenpflichtige Telematik-Dienste sicher noch nicht gewandelt, es treten jedoch neben einer wesentlich verbesserten Infrastruktur auch neue Spieler auf, die wesentlichen Einfluss auf die Randbedingungen haben werden. Das sind z.B. Versicherungen, Alarmzentralen und nicht zu vergessen „Telematics Service Provider“, die mit neuen Geschäftsmodellen die Wirtschaftlichkeit von Telematik-Systemen fördern.