Kommentar: Wie eng wird es für Audi, BMW und Mercedes? Tesla: Treibt die „Kultfirma“ aus Kalifornien die Auto-Branche tatsächlich vor sich her?

Maschine statt Mensch: automatisiertes Fahrzeug auf Basis des Tesla Model S

Eine große deutsche Tageszeitung mit Millionenauflage publiziert den Abgesang auf Audi, BMW und Mercedes – durch Tesla. Für mich als bekennender Skeptiker der heutigen Elektromobilität ein gefundenes Fressen, endlich ein paar kritische Fragen stellen zu können.

Für einen Mitarbeiter bei einem deutschen Premium-Hersteller liest sich der unter dem Label „Netzkolumne“ geschriebene Artikel auf der Online-Seite einer großen deutschen Tageszeitung wie die Einladung, mit einem Salzwasserkrokodil im Swimmingpool baden zu dürfen: Grauenvoll. Müsste man eine kurze Zusammenfassung schreiben, könnte man sich auf einen Satz beschränken: Der Innovator Tesla wird die Dinosaurier Audi, BMW und Mercedes plattmachen.

Diese These ist ja bei den Elektroauto-Fetischisten nicht neu. Die Frage ist, wie stichhaltig sind die Argumente. Lassen Sie uns gemeinsam den Beitrag Schritt für Schritt durchgehen.

Als erstes preist der Kolumnist die Geschwindigkeit des Teslas an: „Wer heutzutage den Rausch der Geschwindigkeit erleben will, der kauft für seinen Tesla das Hardware-Upgrade „Ludicrous Modus“ dazu. Im Film Spaceballs gab es die „haarsträubende Geschwindigkeit“ und Tesla macht deutlich, was von 0 auf 100 in 2,8 Sekunden wirklich bedeutet.“

Gut, ich gebe zu, ein beeindruckender Wert. Wenig beeindruckend ist die Reichweite, wenn ich den Wagen ständig mit „Kickdown“ fahre, um diesen Rausch der Beschleunigung zu erleben. Autor, Motor, Sport hatte im Juli 2014 in Kooperation mit dem TÜV Süd einen Test von Elektroautos unter Extrembedingungen durchgeführt. Bei einer Konstantfahrt mit 120 km/h wurde angeblich eine Reichweite von 184 km ermittelt. Demgegenüber hat der Verein „Tesla-Fahrer und -Freunde“ mit einer großen Anzahl an Endkunden-Fahrzeugen in einem eigenen praxisorientierten unter realen Alltagsbedingungen durchgeführten Test eine fast doppelt so große Reichweite (363,5 km bei konstant 120 km/h) ermittelt. Tesla selbst gibt in einem Reichenweiten-Chart für eine Geschwindigkeit von 184 km/h eine Reichweite von 199 km an.

Egal ob 184 oder 363,5 km bei 120 km/h Konstantfahrt: Wenn die volle Leistung abgerufen wird, kann man sich ausrechnen, wie lange die 85 KWh-Batterie hält. Bei 210 km/h (ja, das ist Vmax) kommt man laut Tests ohne Zusatzverbraucher 150 km weit - das reicht nicht einmal von München bis nach Nürnberg. Ein Audi TT bringt einen bei 250 km/h Vollgas, klimatisiert und mit Radio wenigstens bis nach Bamberg.

Als nächstes geht es um ein wichtiges Thema: Geld sparen durch kostenloses Tanken bei der Urlaubsfahrt. Dazu stellt der Zeitungs-Kolumnist fest:

„Aber Tesla kann nicht nur Geschwindigkeit, sondern es definiert E-Mobilität völlig neu. Das sind keine putzig anmutende Kleinwagen mehr, die man nur innerorts nutzen kann, sondern mit der Tesla Limousine kann man genau so angenehm reisen wie mit einem herkömmlichen Fahrzeug der Oberklasse aus deutscher Fertigung. Nur man muss nicht mehr teuer tanken. Alle zwei Stunden ein Stop an einer kostenlosen Strom-Säule von Tesla und auf einmal fährt man ohne Spritkosten in den Urlaub.“

Was für ein schönes Szenario. Das tragische ist nur, wenn außer einem noch tausende andere Teslas in den Urlaub fahren, sind die Prügeleien an den Stromtankstellen nicht mehr fern. Auch heute gibt es Schlangen vor den Tanksäulen. Der Unterschied: Nach 30 Sekunden ist mein 50-Liter-Tank voll und der nächste ist dran. Ich stelle mir gerade die Gesichter meiner Hintermänner vor, wenn jeder erstmal mindestens 30 Minuten Strom zieht. Ohne induktives Laden ist eine Straße voller Elektroautos für mich ein Horrorszenario.

Der kostenkose Strom ist noch nicht alles. Unser Autor denkt auch an die Umwelt:

„Wow. Nie wieder tanken. Was für eine Entlastung für die Haushaltskasse! Und für die Umwelt noch dazu!“

Eine spannende Frage ist, was ist umweltfreundlicher: Sprit aus der Raffinerie oder Strom, der zu 43,2 % aus Kohle und 15,8 % aus Atomkraftwerken kommt. Bei Variante 1 wird das CO2 aus dem Auto geblasen, bei Variante 2 aus dem Kraftwerk und bei der Erzeugung der Urantabletten. Und wie will man auf dem Schädlichkeitsindex strahlenden Atommüll zum CO2-Ausstoß in Relation setzen?

Kommen wir zu richtig spannenden Themen, den Software-Updates:

„Die Spielregeln für das Auto der Zukunft werden künftig im Silicon Valley gemacht. Tesla ist Software auf Rädern, inklusive Updates über Nacht. Während man sich bei deutschen Autos über neues Kartenmaterial für das Navi auf DVD freuen darf.“

Scheinbar begeistert sich der Autor sehr für Software, ganz im Gegensatz zu Millionen anderer Menschen, die es leid sind, ständig fehlerhafte Software updaten zu müssen. Wenn die Hardware keine Rolle mehr spielen, muss man sich beamen lassen, ein Auto wird vermutlich auch in 100 Jahren noch eine Karosserie, einen Antrieb, Räder, Sitze und andere Hardwarekomponenten beinhalten müssen. Ich weiß auch nicht, welchen deutschen Autos mit Navi-DVD zum Vergleich mit dem Tesla herhalten mussten: Hat der Kolumnist schon mal z.B. von Audi Connect gehört? Gerne biete ich eine Fortbildung am lebenden Objekt an.

Am Ende der Kolumne wird es nun richtig abenteuerlich: „Die Zulassungszahlen sprechen eine deutliche Sprache: Tesla kann es mit dem Porsche Panamera und dem 7er BMW bereits aufnehmen. Sobald Tesla ein Fahrzeug liefert, das als Dienstwagen massentauglich ist, wird es eng für Audi, BMW und Mercedes! Wir dürfen gespannt sein auf die Aufholjagd aus Deutschland!“

Auch ich bin gespannt auf die Aufholjagd aus Deutschland, lassen Sie uns die Situation an Hand der Zulassungsstatistiken aus China ausloten, einen Markt, den die deutschen Anbieter genauso wie Tesla-CEO Elon Musk als extrem wichtig einstufen. Dort verkauften im Jahr 2014:

Audi: 578.932 Fahrzeuge

BMW Group: 455.979 Fahrzeuge

Mercedes: 281.588 Fahrzeuge

Porsche: 46.931 Fahrzeuge

Vier deutsche Premiumhersteller zusammen: 1.363.430 Fahrzeuge

Tesla: 2.499 Fahrzeuge = 0,18 %

Beim Thema Dienstwagen wird sich genau wie bei den Urlaubsfahrten die Frage stellen, welcher Vertreter, Mechaniker oder wer auch immer Interesse daran haben wird, im Zweifel stundenlang vor einer Stromtankstelle zu warten – angesichts des Termindrucks bestimmt sehr, sehr viele. Die nächste Frage: Wenn ein Dienstwagen geleast wird, spielt der Restwert eine entscheidende Rolle für die monatliche Rate. Wie hoch ist der Restwert eines gebrauchten Teslas, dessen Akku im Zweifel mehrere tausend Ladezyklen hinter sich hat? Das Interesse der Gebrauchtwagenkäufer dürfte sich ohne neuen Akku sehr in Grenzen halten – dessen Austausch bietet Tesla werbewirksam für 12.000 Dollar an. Der Haken an der Sache: Man muss nach dem Kauf des neuen Akkus (dieser muss spätestens 90 Tage nach dem Kauf des Autos vorgenommen werden) den Wagen 8 Jahre besitzen, für Dienstwagen eine irreale Vorstellung. Nach den typischen 36 Monaten Leasing werden somit 34.000 Dollar plus Einbaukosten fällig, welche die Leasingfirma auf die 36 Raten umlegen wird.

Mein persönliches Fazit: Diese Kolumne war schlichtweg Bullshit. Selbst wenn Elektromobilität kundenfreundlich werden wird, wenn die Autobahnen und Hauptverkehrsstraßen induktives Laden ermöglichen, die Autos somit nur noch kleine Batterien brauchen und der Strom zu 100 % aus regenerativen Energien kommt, wage ich zu bezweifeln, dass Tesla Audi, BMW und Mercedes von der Straße verdrängen wird. Bis dahin gibt es dank „german engineering“ nach meiner Überzeugung den besseren Tesla made in München, Ingolstadt oder Sindelfingen. Millionen Personen-Jahre Erfahrung im Fahrzeugbau kann nämlich auch ein vermeintlicher Wunderknabe wie Elon Musk nicht einfach beiseitewischen, auch wenn Nerds wie unser Kolumnist und Musks Fan-Gemeinde das vielleicht gerne sehen würden.