Lässt sich das Kabel neu erfinden?

Die Stuttgarter Lapp-Gruppe investiert jährlich rund 25 Millionen Euro in den Bereich Forschung & Entwicklung. Diesen Anteil will das Unternehmen in den nächsten Jahren nahezu verdoppeln, um die Grundlagenforschung weiter voranzutreiben.

Die Denkschmiede von Lapp befindet sich im schweizerischen Cham am Zugersee; seit gut einem Jahr koordinieren und verantworten die Schweizer aktiv den Bereich Forschung & Entwicklung. Siegbert Lapp, Vorstand der Lapp Holding, erklärt: »Wir haben bewusst den Abstand zu Stuttgart gesucht, damit die Wissenschaftler die Forschungsaktivitäten losgekoppelt vom umsatzgetriebenen Geschäft anstoßen können.« 

Während sich die Ingenieure in den weltweiten Labors und Testzentren in Stuttgart, in den USA, Singapur und Tschechien um die Weiterentwicklung und Spezifizierung von bestehenden Produkten kümmern, ist bei den Forschern von Lapp also »Out of the Box«-Denken angesagt. Aber lässt sich das Kabel überhaupt neu erfinden?

Ansatzmöglichkeiten, um die Kabel-Technologie zumindest grundlegend zu verbessern, gibt es laut Siegbert Lapp viele. Ein erstes Highlight aus der Schweizer Denkschmiede ist beispielsweise die Verwendung der RFID-Technologie in Kabeln – nicht nur zu Identifikationszwecken, sondern auch zur Messung von Zustandsgrößen wie etwa Feuchtigkeit, Druck, Temperatur und dem Dehnungsverhalten der Kabel.

Mit RFID-Sensorik Zustände messen

Die RFID-Tags mit integrierter Sensorik lassen sich innerhalb des Produktionsprozesses in das jeweilige Kabel oder auch den Steckverbinder integrieren. Der neue Ansatz – der die Lapp-Entwicklung von herkömmlichen RFID-Techniken unterscheidet – besteht darin, dass sich die mit Sensorik versehenen Tags individuell programmieren lassen, so dass sich für jeden Anwendungsfall die benötigte Information, beispielsweise Zustandsgrößen wie Feuchtigkeit und Druck, mittels eines Lesegeräts abrufen und in das IT-System zur Weiterverarbeitung übertragen lassen. Dadurch ergeben sich neue Anwendungsmöglichkeiten.

Siegbert Lapp: »Wir sind heute in der Lage, unsere Produkte genau nach Kundenwunsch zum Sprechen zu bringen. Dadurch ergeben sich zahlreiche Anwendungen, die bislang nicht realisierbar waren. Deshalb stehen wir mit der Vermarktung der Technik heute noch am Anfang; jeden Tag kommen neue Ideen und Vorschläge hinzu.«

Im Flugzeugbau können die Tags beispielsweise zur Identifizierung der Kabel dienen. Oder sie lassen sich als eine Art Alarmsystem in die Verkabelung von Ölbohrinseln einbringen. Daneben sind noch unzählige andere Anwendungen auch mit technisch höheren Anforderungen realisierbar. In Schleppketten könnte mit der RFID-Technologie beispielsweise mithilfe von Dehnungswerten die Kabel überwacht werden, und das jeweils abgestimmt auf das kundenspezifische Profil und die jeweiligen Umgebungsbedingungen. Konkrete Verhandlungen mit ersten Interessenten laufen bereits. Als Interessenten nennt Siegbert Lapp beispielsweise ein Unternehmen für Ultraschalltechnik, einen Spezialisten für die Bühnentechnik und auch Tunnelbauer, die mit RFID-Tags ein Höchstmaß an Sicherheit in ihrer Anwendung garantieren wollen.

Gleichzeitig  arbeitet die Stuttgarter Lapp-Gruppe aber auch daran, die RFID-Technologie auf die nächste Entwicklungsstufe zu heben. Unter anderem stehe ein »Metall-Tag«, erweitert mit Elektronik und Mechanik,  kurz vor der Markteinführung. Details dazu will das Unternehmen derzeit aber noch nicht bekannt geben.

Dünnschichtisolation

Ein anderer Forschungsansatz zielt auf die Entwicklung von Dünnschichtisolationen für Ölflex-Kabel ab. Das Ziel der Entwicklungen ist es, durch niedrigeren Materialeinsatz und dünnwandigere Mantelisolationen kleinere Biegeradien zu realisieren und somit die Systeme der Kunden weiter zu miniaturisieren. Gemeinsam mit einem Institut für Polymer-Forschung entwickelt Lapp dazu neuen Verfahren und Prozesse, um die nächste Generation von Kabeln ermöglichen zu können. Ebenso analysiert das Unternehmen die Einsatzmöglichkeiten von Aluminium, beispielsweise als Leitermaterial und – mit noch höherer Priorität – als Kupferummantelung.

Neben den Forschungsaktivitäten stößt das Unternehmen aber auch immer wieder konkrete Projekte gemeinsam mit Kunden an und entwickelt darauf aufbauend kundenspezifische Sonderleitungen, die bereits zahlreich im Einsatz sind. So hat man beispielsweise in der Niederlassung in Much bei Dresden für den Formel1-Boliden von BMW ein spezielles Gewebebandkabel für die Verbindung vom Lenkrad zum Motor realisiert. Ein weiteres Beispiel ist ein spezielles Herzschrittmacherkabel, entwickelt von Lapp Muller in Frankreich, das laut Unternehmensangaben mit 0,5 mm das derzeit kleinste Koaxialkabel ist.

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