„Ein globales Engagement bedingt heutzutage den Weg nach China“

Dietmar Harting über die Gründe für sein Unternehmen nach China zu gehen, die Unterschiede zu Deutschland und über die Verständigungsprobleme seiner Frau.

elektroniknet: Ihr Unternehmen hat seit neun Jahren eine Produktionsstätte in der Sonderwirtschaftszone Zhuhai. Im Oktober diesen Jahres eröffnen Sie Ihr neues Werk. Warum sind Sie nach China gegangen?

Harting: Der Weg nach China war eine logische Konsequenz unseres Engagements in Asien. Schon frühzeitig identifizierten wir die wirtschaftlichen Wachstumspotentiale in dieser Region und entschieden uns daher bereits im Jahre 1985 zum Eintritt in den japanischen Markt. 1987 folgte die Gründung einer eigenen Landesgesellschaft in Hongkong, zudem sind wir in Südkorea und Taiwan vertreten. 1998 entschieden wir uns zur Verlagerung der Produktionsstätte von Hongkong nach Zhuhai, um die lokalen Anforderungen unserer Kunden und damit des Marktes direkt vor Ort erfolgreich zu erfüllen.

Mit unserem frühzeitigen Gang nach Asien konnten wir als mittelständisches Unternehmen unsere globale Ausrichtung nachhaltig vorantreiben – dieser Schritt erwies sich aufgrund der weltweiten ökonomischen Entwicklung als richtig.

Hongkong bildet nach wie vor die Schaltzentrale für unser Engagement in Asien. Mit unseren Landesgesellschaften in China, Japan, Südkorea und Taiwan bieten wir unseren Kunden einen versierten Service und eine qualifizierte Betreuung durch unseren Außendienst. Obendrein wirken sich der Aufbau einer Entwicklungsabteilung und die Einrichtung einer Fertigungsanlage für die Bestückung von Backplanes an unserem Standort in Zhuhai positiv auf die Entwicklung unserer Kundenbeziehungen aus.

Daher weiten wir dieses Engagement auch kräftig aus – im Oktober 2007 wird unsere im Bau befindliche Produktionsstätte in Zhuhai eingeweiht. In dem neuen Werk werden Steckverbinder, Verkabelungssysteme und bestückte Backplanes für den asiatischen Markt gefertigt. Auf Basis unseres engen Harting-Netzwerks tauschen wir unsere Erfahrungen und unser Know-how direkt miteinander aus und stärken auf diese Weise mit jedem Produkt, das in Asien veredelt und verkauft wird, unsere heimischen Standorte.

Was unterscheidet den chinesischen Markt vom deutschen?

Auf den ersten Blick unterscheiden sich beide Märkte durch das stärkere Wachstumspotential im chinesischen Markt. Dabei darf man aber die absolute Größe des Marktes insbesondere der deutschen Leitbranchen wie den Maschinenbau, dem Automobilbau oder auch der Elektronik- und Elektrotechnik nicht außer Acht lassen.

Die deutschen Unternehmen erweisen sich in diesen Schlüsselindustrien als sehr innovativ und dynamisch und prägen mit ihren Technologien weltweite Märkte. Diese Impulse sind für unsere Technologiegruppe wegweisend, um unseren technischen Lösungen als globale Standards zu etablieren.

China fasziniert durch sein dynamisches Wachstum verbunden mit einem festen Willen zur Erhöhung des individuellen aber auch gesellschaftlichen Wohlstands. Hier spielt insbesondere die staatliche Industriepolitik eine entscheidende Rolle, die diesen Willen wegweisend unterstützt.

Sind chinesische Mitarbeiter besser als ihre deutschen Kollegen? Was unterscheidet sie?

Ich würde nicht einteilen in bessere oder schlechtere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Es sind Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Lebensweisen und Mentalitäten, auf die wir treffen und die wir sehr Wert schätzen. Persönlich imponiert mir immer wieder, wie lernwillig und wissbegierig die chinesischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind. Sie sind in ihrem Auftreten sehr höflich und zurückhaltend, was den Umgang angenehm macht. Andererseits führt das aber auch häufig zu Verständnisschwierigkeiten, da sie ihre Meinung nicht so konkret und deutlich artikulieren wie wir.

Im Vordergrund stehen für uns der Austausch und die Akzeptanz unserer kulturellen Unterschiede. Hier bei Harting wirkt sich der intensive interkulturelle Austausch sehr förderlich auf die Entwicklung aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus.

Müssen Sie in China anders kommunizieren als in Deutschland?

In China ist die Kommunikationsbasis auf jeden Fall eine andere als in Deutschland. Sowohl bei verbalen als auch bei non verbalen Äußerungen ist der Umgang miteinander sicherlich anders als in Deutschland. Wir stellen uns dieser Herausforderung auch durch intensiven Austausch und durch Trainings. Und doch schleicht sich immer wieder das eine oder andere Verständnisproblem ein.

So reiste meine Frau vor kurzem nach China, um die Feierlichkeiten zur Eröffnung unserer Produktionsstätte in Zhuhai vorzubereiten. Der Termin der Reise war schon lange zuvor mit den chinesischen Kolleginnen und Kollegen abgestimmt. Uns wurde immer ein Ja zu allen unseren Wünschen und zum Termin der Reise signalisiert. Ein chinesisches „Ja“ unterscheidet sich jedoch deutlich von einem deutschen „Ja“ – wie meine Frau vor Ort dann erfuhr. Sie hatte einen Nationalfeiertag zum Arbeitstag erklärt, ohne dass sie von chinesischer Seite rechtzeitig darauf hingewiesen worden war. Verschwiegen werden dürfen auch nicht die sprachlichen Schwierigkeiten: die Englischkenntnisse sind oft nicht so stark ausgeprägt.

Kennen Sie Unternehmen, die sich wieder aus China zurückgezogen haben?

Nein, ich kenne persönlich kein einziges Unternehmen. Vielmehr kann ich aus meinen zahlreichen Gesprächen mit Unternehmerkollegen nur den Rückschluss ziehen, das weiterhin sehr stark in den chinesischen Markt investiert wird.

Rechtsunsicherheit, Bürokratie, Korruption, Ideenklau. Auch diese Begriffe werden häufig mit China in Verbindung gebracht. Wie gehen Sie damit um?

Wir haben wie viele andere Unternehmen auch unsere Erfahrungen mit dem Thema Produktkopie und -piraterie gemacht und sind dagegen immer entschieden vorgegangen – und zwar wie in jedem anderen Markt auch auf juristischem Wege. Dabei muss man oft den sprichwörtlichen langen Atem haben und sich durch bürokratische oder juristische Findigkeiten nicht von seinem Weg abbringen lassen.

Außerdem arbeiten wir sehr stark daran, unsere Kunden vor Ort durch Qualität und vielfältige Innovationen davon zu überzeugen, dass für unsere vermeintlich teureren Produkte auch einen höheren Gegenwert erhalten. Unsere Produkte und Lösungen erlauben den chinesischen Anbietern, sich für die Weltliga der Anbieter ihrer Branche zu qualifizieren. Denn in dieser Liga zählt Zuverlässigkeit und Qualität verbunden mit einem hohen technischen Know-how und Innovationsfähigkeit, wie wir sie als Zulieferer unseren Kunden bieten.

Was würden Sie anderen Unternehmen raten, die sich überlegen nach China zu gehen?

Ein globales Engagement bedingt heutzutage den Weg nach China. Aus persönlicher Erfahrung kann ich jedem Unternehmen nur die intensive Auseinandersetzung mit der chinesischen Kultur und Geschichte ans Herz legen. Auf diese Weise erfährt man sehr viel über dieses faszinierende Land. Als weiteren Rat kann ich auf den Dialog mit anderen Unternehmen verweisen, die schon lange bzw. länger vor Ort aktiv sind. Auch die Wirtschaftsverbände bieten hier mit ihrem Netzwerk eine wertvolle Hilfestellung.

Im Hause Harting bereiten wir die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die eng mit den chinesischen Kolleginnen und Kollegen zusammenarbeiten bzw. vice versa, intensiv auf die jeweils andere Kultur vor. Wir bieten diesbezüglich regelmäßige Schulungen und Trainings an und fördern den intensiven Dialog vor Ort.

Und: In unserem Familienunternehmen sind wir noch einen Schritt weiter gegangen. Seit 2005 arbeitet unser Sohn Philip als Managing Director Asia in Hongkong und hat dort die Verantwortung für alle asiatischen Tochtergesellschaften übernommen. Auf diese Weise lebt und lernt er jeden Tag von der chinesischen Wirtschaft, Politik und Kultur und bringt dieses durch sein Handeln aktiv in unser Unternehmen ein.