Sie sind hier: HomeRubrikenDistributionStrategie & Trends

Interview mit Erich Brockard, EBV: »Es gibt keine endgültige Definition von Industrie 4.0!«

Wie sieht die Industrie 4.0 aus? Im Interview mit dem Fachmedium Elektronik spricht Erich Brockard über Kommunikationsprotokolle wie TSN, Normung und Open Source. Was braucht die Industrie 4.0 wirklich - Standards oder Interoperabilität?

Industrie 4.0 und die Kommunikationsprotokolle Bildquelle: © Willyam Bradberry - Shutterstock
Industrie 4.0 und die Kommunikationsprotokolle

Elektronik: Herr Brockard, wie verbreitet ist in Deutschland das Wissen um Indus­trie 4.0 und wird zwischen den Begriffen Industrie 4.0 und Internet der Dinge wirklich unterschieden?

Erich Brockard: Zumindest im industriellen Umfeld wird sehr klar zwischen Industrie 4.0 und Internet der Dinge unterschieden, da in ersterem der pragmatischere Ansatz gesehen wird.

Es gibt zu dieser Thematik einige Studien. Die Technische Hochschule Mittelhessen befragte beispielsweise mittelständische Unternehmen, ob sie Industrie 4.0 kennen. Sehr vielen ist das ein Begriff, doch beschäftigen sich nur 15 bis 20 Prozent intensiv mit dem Thema Industrie 4.0 und glauben auch daran, dass sie dort etwas bewegen können. Es ist eine Teilung des Marktes zu erkennen: Auf der einen Seite sind die größeren Unternehmen und Konzerne, die sich intensiv mit der Industrie 4.0 beschäftigen, die Technologien vorantreiben und auch weltweit eine Vorreiterrolle einnehmen möchten; auf der anderen Seite agieren viele KMUs eher zurückhaltend. Das liegt zum einen daran, dass sie Investitionen scheuen, aber auch an fehlenden Ressourcen und Know-how. Industrie 4.0 hat viel mit Kommunikation, Kommunikationsprotokollen, High-End Processing und HF-Technik zu tun und die kleineren Unternehmen agieren daher vorsichtiger oder auch zurückhaltender. Hier ist noch Aufklärungsbedarf.

Elektronik: Wenn Sie bemerken, dass einer Ihrer Kunden Zweifel hegt, wie klären Sie ihn auf?

Industrie 4.0 und die Kommunikationsprotokolle Bildquelle: © EBV
Industrie 4.0 und die Kommunikationsprotokolle.

Erich Brockard: Industrie 4.0 ist ein sehr komplexes Thema. Die Problematik dabei ist, dass sehr viel Unwissen verbreitet wird; in manchen Umfragen wird erfasst, wer Industrie 4.0 schon inte­griert hat. Dabei wird eines vergessen: Es gibt keine endgültige Definition von Industrie 4.0. Das heißt, selbst wenn ich alles umgesetzt habe, was heute als Industrie 4.0 gilt, wird es noch weiter gehen. Es wird immer weiterführende Schritte geben. Ich bin der Überzeugung, dass es eine Evolution ist, die sich sukzessive in eine Richtung entwickelt: mehr Konnektivität, mehr smarte Lösungen in allen Bereichen und daraus resultierend natürlich auch neue Geschäftsmodelle. Und ich bin mir außerdem nicht sicher, wann und ob es diesen Endausbau dessen, was wir heute als Industrie 4.0 sehen, erreichen oder ob wir uns in Zukunft nicht in eine andere Richtung bewegen. Fakt ist, Industrie 4.0 wird sich immer weiterentwickeln, Märkte werden entstehen. Es ist eine Chance und ein Risiko zugleich.

Elektronik: In der Deutschen Normungs-Roadmap Industrie 4.0 ist immer wieder von Referenzmodellen z.B. für technische Systeme oder organisatorische Prozesse die Rede. Ist es vor diesem Hintergrund sinnvoll, solche Referenzmodelle zu definieren?

Erich Brockard: Referenzarchitekturmodelle oder die Deutsche Normungs-Roadmap Industrie 4.0 des DKE bergen die Gefahr, dass KMUs sich eher abwartend verhalten, bis alles da und standardisiert ist! Referenzmodelle sind – wie der Name sagt – Modelle und lassen sich nicht auf jede Applikation oder Firma anwenden. Außerdem wird der Markt selbst einiges vorgeben, z.B. welche Kommunikationsprotokolle sich durchsetzen werden. Heute werden schon einige kabellose Kommunikationsmöglichkeiten wie WiFi oder Bluetooth genutzt. Der Industrie-Markt ist gerade dabei, ein Kommunikationsprotokoll für EDGE Communication zu etablieren, das sich als Echtzeit-Standard eignet und auf viele Applikationen passen wird.

Natürlich sind Standardisierungen wichtig, aber nicht über das gesamte Projekt Industrie 4.0, sondern in gewissen Teilbereichen. Wichtiger als Standards ist aber die Interoperabilität – diese zwei Dinge werden immer wieder verwechselt.

Elektronik: Wie kann ein Distributor auf die Standardisierung mit einwirken?

Erich Brockard: Wir arbeiten an den Standardisierungsverfahren nicht aktiv mit. Allerdings sind wir natürlich in der Lage zu erkennen, welche Technologien sich am Markt etablieren. Gerade beobachten wir eine Technologie, bei der wir ziemlich sicher sind, dass sie das Rennen im Industriebereich machen und es auch einen IEEE-Standard geben wird. Diese Technologie ist TSN – Time-Sensitive Networking (Kasten).

Das Thema TSN hätten beinahe viele verschlafen. Im Moment findet eine Aufholjagd derjenigen statt, die dieses Thema unterschätzt hatten. TSN kommt ja aus dem Automobilbereich und ist dort der Nachfolger von AVB – Audio Video Bridging. Wie andere Kommunikationsprotokolle wird wahrscheinlich auch TSN von der Industrie übernommen.

Elektronik: Denken Sie, dass weltweit agierende Konzerne vorpreschen müssen, um bestimmte Dinge ins Rollen zu bringen?

Erich Brockard: Natürlich gibt es große Konzerne, die allein durch ihr Produktportfolio und ihre Marktdurchdringung allgemein gültige Standards schaffen, vor allem im Bereich der Kommunikationsprotokolle. Ist jedoch kein einheitliches System von der Feldebene bis hoch zur Managementebene installiert, sondern sind Teilbereiche der Produktion von anderen Herstellern mit konkurrierenden Kommunikationsprotokollen, so benötige ich für viele Schnittstellen ein Gateway. Aber wie schon angesprochen, ist die Grundvoraussetzung für das Gelingen von Industrie 4.0 und dem Internet der Dinge Interoperabilität. Und TSN gewährleistet diese Interoperabilität.