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Big Data, Industrie 4.0, Artificial Intelligence, ...: In Trends vertrauen oder besser nicht?

Neue Produkte und Anwendungen werden in immer kürzeren Zyklen entwickelt. Treiber dahinter sind Einzelthemen, wie Big Data, Industrie 4.0 und Artificial Intelligence. Wie sollen wir diesen Trends begegnen, und was bringen sie für die Branche? Eine Einschätzung von Wolfram Ziehfuss, GF des FBDi Verbands.

„Wir müssen Algorithmen vertrauen. Im Grunde machen  wir das ja mit jedem Klick in den Suchmaschinen, auf Shopping Tour und beim Lesen und  Schreiben von Blogs, sogar beim Hören von Musik via Internet.  Wir nehmen an, dass wir die richtige Informatio Bildquelle: © FBDi

Wolfram Ziehfuss, FBDi„Wir müssen Algorithmen vertrauen. Im Grunde machen wir das ja mit jedem Klick in den Suchmaschinen, auf Shopping Tour und beim Lesen und Schreiben von Blogs, sogar beim Hören von Musik via Internet. Wir nehmen an, dass wir die richtige Information erhalten.“

Markt&Technik: Woran machen Sie fest, dass ein Trend angekommen ist?
Trends bewegen sich langsam, aber stetig, wie ein Sandsturm oder eine Lawine. Dass ein Trend angekommen ist, zeigt sich im verstärkten Aufkommen der Berichterstattung und von Events zum Thema, wie etwa derzeit Big Data und Industrie 4.0. Um der Zielgruppe den komplexen Inhalt näherzubringen, werden die Themen in Happen aufgeteilt – Manufacturing 4.0, Logistics 4.0 oder Netzwerk 4.0. Ab diesem Moment beginnt der Trend, unseren Alltag zu verändern. 

Wenn jetzt Industrie 4.0 angekommen ist, was sehen Sie als nächsten Trend am Horizont?
Seit einiger Zeit wird über Künstliche Intelligenz (artificial intelligence, AI) als Weiterentwicklung von Industrie 4.0 diskutiert, meistens in der soziologischen Gemeinde und angrenzenden Fachgebieten. Denn die Kernfrage ist ja, ob lernende bzw. denkende Maschinen die Jobs von ausgebildeten Menschen übernehmen werden. Denken Sie an Roboter im Wareneingang, die die Waren einsortieren, oder individuelle Hausroboter, die den Alltag erobern. Wissen wir denn heute, ob sich die Lernfähigkeit von Maschinen verselbständigen kann? Und wohin die weitere Entwicklung unserer Gesellschaft läuft, gemeinsam mit denkenden Maschinen? Aus technischer Sicht, wie es Toby Walsh vom Future of Life Institute erläutert, ist die Diskussion um AI ein ganzes Stück weiter, nämlich bei autonomen Waffen wie etwa Drohnen, die innerhalb von Jahren – nicht Jahrzehnten – einsatzbereit sind. 

Demnach ist also Künstliche Intelligenz gefährlich?
Nicht unbedingt. Dennoch warnen Wissenschaftler wie Stephen Hawkins und IT-Unternehmer wie Elon Musk in einem offenen Brief vor einer Verselbständigung der Technologie, die ihre Ziele selbständig ausmacht und angreift. Die Neugierde der Menschheit treibt die Forschung an: Was möglich ist, wird gemacht – unabhängig davon, ob das Ergebnis nun gut ist oder nicht, wie etwa in der gentechnologischen Forschung. 

Auch wenn nicht alle Anwendungen gefährlich sind, basieren sie dennoch auf Daten menschlicher Anwender, die beispielsweise über Internet (Google) gesammelt und ausgewertet werden. Nicht umsonst betrachtet Eric Schmidt (2014) die AI als „biggest thing for Google“. 

Rückt die künstliche Intelligenz mit dem heute selbstverständlichen Internet automatisch in unsere Wohnzimmer?
Über die Nutzerdaten werden die Algorithmen – als Basis aller AI – optimiert. Die Qualität dieser Algorithmen entscheidet über den Vorsprung einer Organisation gegenüber den Mitbewerbern. Und sie entwickelt das Vertrauen der Anwender. Noch vor einigen Jahren erntete der erste Roboterhund riesiges Aufsehen, heute trampen Versuchsroboter durch Europa. Nach Forschungen am Gottlieb Duttweiler Institut wird uns Technik, je mehr wir damit interagieren und umso verlässlicher sie funktioniert, immer vertrauter. Je komplexer das System, und je weniger wir die zugrunde liegende technische Infrastruktur verstehen, von der unser Leben abhängt, um so wichtiger wird es, dass wir ihr vertrauen. So wächst der Bedarf an Vertrauen in einer komplexen Gesellschaft ständig. Wir sind also zum Vertrauen verurteilt, es ist nicht mehr abstellbar.

Vertrauen also auf Knopfdruck oder Mausklick?
Genau so ist es, wir müssen Algorithmen vertrauen. Im Grunde machen wir das ja mit jedem Klick in den Suchmaschinen, auf Shopping Tour und beim Lesen und Schreiben von Blogs, und sogar beim Hören von Musik über das Internet. Wir nehmen an, dass wir die richtige Information erhalten. Was mit den Daten und Spuren, die wir hinterlassen, geschieht, ist uns zunächst nicht transparent und wahrscheinlich auch egal – wir vertrauen! Wie geht das mit dem Misstrauen gegenüber Datensammlern einher? Datenklau, Datenmissbrauch, Industriespionage und Geheimdienstaktivitäten werden in den Medien angeprangert. Die Reaktionen darauf sind überraschend, in allen Bereichen, ob Politik, User-Community oder Teilen der Wirtschaft: gleichgültig bis resigniert. 

Was bedeutet das für die Industrie? Inwieweit sind Trends wie Big Data, Industrie 4.0 oder KI Treiber für das Business?
Für die Elektronikindustrie und deren Distribution entsteht hier ein langfristiges Geschäftspotential. Sensorik, Embedded Systems, Motorsteuerungen, Opto, Powermanagement und Systems on Chip, Wire-less Technology und auch Software erwarten ein nachhaltiges Wachstum. Schließlich basieren die Datensammlung, denkende Maschinen, Roboter, Drohnen und vieles mehr auf Elektronik – das macht die Branche zum Gewinner. Die Entwicklung ist im Gang, und die ersten Seminare, Foren, Konferenzen und Blogs sind im Markt angelaufen. Darum, ja – es bleibt uns nur, auf die Trends zu setzen. Denn der wie bei allen Megatrends zu erwartende Gegentrend ist nur schwachbrüstig. Die Alternative „Unplug“ ist unrealistisch, vielleicht ist sie Privatpersonen möglich. Da kommt die Resignation ins Spiel, aber das ist nun wirklich kein hilfreicher Trend. 

Das Interview führte Karin Zühlke