REACH - ein Paragrafen-Dschungel

»Der Irrweg durch den Paragrafen-Dschungel REACH schafft Verunsicherung«, sagt Joachim Kaiser, Leiter Materialwirtschaft bei Rutronik. Außerdem verschlinge REACH die Ressourcen ganzer Abteilungen - ein Statement zur neuen Chemikalienverordnung.

»Das Bild vom Paragrafen-Dschungel bringt die Situation unserer Kunden im Umgang mit REACH wohl am besten auf den Punkt: Ein Monumentalwerk, das auf den ersten Blick enormen juristischen Sachverstandes bedarf, um die wesentlichen Aussagen richtig zu verstehen und anzuwenden. Registrierungspflicht? Informationspflicht? Wer muss wann was registrieren? Momentan beobachten wir durchweg große Unsicherheit bei unseren Kunden im Umgang mit REACH.

Derzeit ist noch nicht einmal die Kandidatenliste der Substanzen, die möglicherweise unter REACH fallen, veröffentlicht. Insofern sind aktuell noch gar keine Aussagen möglich, welche Substanzen in Bauteilen unter REACH fallen werden. Zudem besteht die Registrierpflicht nur dann, wenn der Stoff auch ›bestimmungsgemäß freigesetzt‹ wird, so der Wortlaut in der Verordnung.

Antworten auf ihre Fragen und Sicherheit im Umgang mit REACH suchen unsere Kunden in erster Linie bei ihrem Lieferanten, also bei uns als Distributor. Wir haben aber nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten, Aussagen zu REACH zu treffen. Wir als Distributor sind Bindeglied in der Lieferkette und daher von vorne herein auf die Kooperationsbereitschaft unserer Hersteller angewiesen.

Wir erhalten zunehmend häufiger Fragebögen von unseren Kunden mit der Bitte, die Stoffe der Bauteile genau aufzuschlüsseln und die ›REACH-Konformität‹ zu bestätigen. Die Kundenstruktur bei den Anfragen ist bunt gemischt, vom kleinen Kunden über den Mittelständler bis hin zum Großkonzern. Dazu ist zu sagen, dass es eine REACH-Konformität im engeren Sinn des Begriffes gar nicht gibt. Der Begriff wird teilweise unreflektiert aus der RoHS-Thematik übernommen, hier war die Rede von ›RoHS konform‹.

Selbstverständlich wollen wir unsere Kunden nach bestem Wissen und Gewissen unterstützen. Zur Verfügung stellen können wir unseren Kunden zur Zeit allerdings nur die Daten, die uns die Hersteller im MDDS (material declaration data sheet) beziehungsweise in den Sicherheitsdatenblättern (MSDS, material safety data sheet) zur Verfügung stellen. Bestätigungen in unserem Namen können wir - allein aus rechtlichen Gründen - derzeit nicht geben.

Neben unserem standardisierten Formbrief setzen wir in jedem einzelnen Fall sehr stark auf persönlichen Dialog, um Verunsicherungen beim Kunden und Ressentiments zu entschärfen. Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Vor allem kleinere Unternehmen haben in punkto REACH noch einen enormen Wissensbedarf. Schließlich verschlingt REACH die Ressourcen ganzer Abteilungen, will man die Materie adäquat verstehen. Wir arbeiten daran, mit all unseren Kunden eine gute Diskussionsbasis im Umgang mit REACH zu schaffen; sie zu sensibilisieren, gleichzeitig aber auch die derzeitigen Grenzen unserer Informationsmöglichkeiten nahe zu bringen.

Wirklich ›Licht im Dunkel‹ wird es wohl erst geben, sobald die Kandidatenliste der Substanzen, die möglicherweise unter REACH fallen, veröffentlicht ist und die Hersteller bei der Informationspolitik entsprechend nachziehen.«