Produkt-Abkündigungen: Kostenfalle Obsolescence

Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, in denen Kosteneinsparpotenziale restriktiv ausgeschöpft werden müssen, sind Firmen gut beraten, proaktives Obsolescence-Management zu betreiben.

Die Folgekosten, die nicht mehr verfügbare Bauelemente und Komponenten nach sich ziehen, können immens sein. Probleme, die durch abgekündigte Bauteile und nicht mehr vorhandene Softwareunterstützung entstehen, betreffen längst nicht mehr nur die Militär- und Luftfahrtelektronik.

Liefergarantien von bis zu 25 Jahren und mehr setzen auch den Automobilzulieferern, der Medizintechnik und dem Maschinen- und Anlagenbau zu. Das Gros der deutschen Schlüsselindustrien muss sich dem Thema Langzeitversorgung stellen. Erst dann zu reagieren, wenn die Forderung nach nicht mehr verfügbaren Bauelementen oder Geräten im Raum steht, kann aufgrund erforderlicher Re-Designs oder Ausfallzeiten enorme Folgekosten nach sich ziehen.

So rät auch die Component Obsolescence Group (COG) dazu, sich mit dem Thema Obsolescence möglichst früh auseinanderzusetzen und eine adäquate Strategie zu implementieren. »Insbesondere im momentan schwierigen wirtschaftlichen Umfeld ist eine vernünftige Obsolescence-Strategie ein Muss«, so Ludger Penkhues, Vice President Purchasing, Logistics, Contracts der Autoflug GmbH in Rellingen und Vorstand der COG Deutschland. »Der COG empfiehlt eine proaktive Vorgehensweise, die bereits im Marketing beginnt. Abgestimmt auf die geplante Lebensdauer eines Endproduktes, müssen Entwicklung und Einkauf Bauelemente auswählen, die den geforderten Kriterien entsprechen und deren langfristige Verfügbarkeit vertraglich abgesichert wird.«

Obsolescence macht auch vor Software nicht halt.

Die Obsolescence-Problematik hat sich, beginnend in den 80er- und frühen 90er-Jahren, immer weiter zugespitzt. Waren Bauelemente in der Vergangenheit noch einige Jahre verfügbar, müssen Firmen heute damit zurechtkommen, dass Bauelemente binnen drei Monaten abgekündigt werden. Auch vor Software und Betriebssystemen macht dieser Trend nicht halt.

Obwohl viele Bauelementehersteller ihr Portfolio angesichts einbrechender Umsätze gestrafft und die Produktionskapazitäten nach unten gefahren haben, hat sich die Zahl der PCNs (Product Change Notification) nach Einschätzung der OEM- und EMS-Branche nicht nennenswert erhöht. »Die Analysen und Auswertungen aus unserer PCN-Datenbank zeigen 2009, zum Vergleichszeitraum des Vorjahres, keinen signifikanten Anstieg von Produktabkündigungen«, stellt Johann Weber fest, Vorstandsvorsitzender Zollner Elektronik AG. Die Zahl der NPI (New Product Introductions) ist nach Beobachtung von Johann Weber sogar leicht gestiegen: »NPIs werden von den Herstellern eher vorgezogen, mit dem Ziel, durch die neuen Produkte eingebrochene Umsätze zu kompensieren.«

»Uns erreichen nicht mehr PCNs als noch vor einem Jahr«, bestätigt auch Anke Bartel, strategischer Einkauf der BMK Group. Mit unerwarteten Abkündigungen, so Bartel weiter, müssen man – krisenunabhängig – zu jedem Zeitpunkt rechnen. Zum Teil mit so geringen Vorlaufzeiten, dass nicht einmal die Mitarbeiter des Herstellers darüber informiert seien.

Dass einige Bauelementelieferanten die Situation nutzen, um ihr Portfolio zu bereinigen, ist derzeit am Speichermarkt zu beobachten. Die Risiken für Kunden sind laut Johann Weber hierbei allerdings relativ gering, da auf qualifizierte alternative Hersteller ausgewichen werden könne.