IDS – Sicheres Internet »Digitalisierung ohne Reue«

Lars Nagel, Industrial Data Space: »Die Firmen sollen Geschäfte machen können, smarte Services bauen, Wertschöpfungsangebote kreieren und sich nicht um den Datenaustausch kümmern müssen. Ziel ist, dass der IDS zum Standard wird, über den in der Wirtschaft Daten ausgetauscht werden.«

Ein Jahr nach der Gründung Anfang 2016 zählt die aus einem Forschungsprojekt entstandene Industrial Data Space Association über 50 Mitgliedsunternehmen. Was sich hinter dem virtuellen Datenraum genau verbirgt, erklärt Lars Nagel, Managing Director der Industrial Data Space Association.

Markt&Technik: Der Industrial Data Space ist ein virtueller Datenraum, der den sicheren Austausch und die einfache Verknüpfung von Daten auf Basis von Standards unterstützt. Was genau ist die Idee hinter dem Industrial Data Space?

Lars Nagel: Wir haben einen altruistischen Ansatz. Es ist das Ziel, die Infrastruktur zur gemeinsamen Nutzung von Daten aufzusetzen, um den Unternehmen das komplexe Thema „Datenaustausch, Sicherheit, Recht und Datentransport“ abzunehmen. Die Firmen sollen Geschäfte machen können, smarte Services bauen, Wertschöpfungsangebote kreieren und sich nicht um den Datenaustausch kümmern müssen. Ziel ist, dass der IDS zum Standard wird, über den in der Wirtschaft Daten ausgetauscht werden.

Wir wollen Unternehmen in die Lage versetzen, gemeinsam nach allgemeingültigen Regeln Daten zu nutzen, wem auch immer diese gehören. Eigentümer der Daten kann ein Unternehmen sein, oder die Daten sind so genannte Club-Güter, gehören also einem Verband oder einer Gruppe von Unternehmen. Die Urheberschaft von Daten kann ganz unterschiedlich sein.

Ist der IDS also eine Art Industrial Cloud?

Nein, der IDS ist keine Cloud – konzeptionell ist es ein Peer-to-Peer-Ansatz. Es gibt verschiedene Ansätze, um Daten über das Internet auszutauschen. Ein beliebtes Procedere ist in der Tat der Austausch über eine Cloud. Aber damit liegen die Daten immer an einer Stelle. Was ist jedoch, wenn Sie Daten von zwei Ursprungsorten benötigen? Dann beginnt das Abenteuer. Genau hierfür bieten wir eine Infrastruktur an, um Daten aus unterschiedlichen Quellen nutzen zu können und trotzdem die Urheberschaft jedes Unternehmens zu wahren.

Wenn es um den Austausch von Daten geht, sind viele Firmen noch zögerlich. Mit dem IDS soll sich das jetzt also ändern?

Wir haben uns mit dem IDS das Prinzip Digitalisierung ohne Reue auf die Fahnen geschrieben. Privatpersonen waren beim Thema Digitalisierung etwas blauäugig: Man ist zu Facebook gegangen und wundert sich jetzt, dass Fotos von vor zehn Jahren noch zu sehen sind. Bei Unternehmen führte das eher zu einer zögerlichen Haltung bei der Digitalisierung und zu ungenutzten Chancen, weil nicht geklärt ist, wie Daten sinnvoll und vor allem unter klarer rechtlicher Absicherung geteilt werden können. Das wurde einfach vergessen, als man das Internet und das IoT entwickelt hat.

Auf welcher technischen Basis funktioniert der IDS?

Die Idee ist, nicht alles in eine Cloud zu kippen, sondern die Daten bleiben da, wo sie sind, und wir schaffen ein Peer-To-Peer Netzwerk, in dem jeder Peer, also jeder Teilnehmer, entscheiden darf, welcher andere Teilnehmer wie seine Daten nutzt. Die Verbindung zwischen Unternehmen und IDS erfolgt über den sogenannten Connector.

Wir machen mit dem IDS einen Vorschlag, wie man sich einigen kann, auf unterschiedliche Daten zuzugreifen. Dazu bieten wir einen Standard, wie das Ganze funktioniert, und maschinenlesbare Musterverträge, mit denen die Daten versehen werden können. Ein Beispiel: Wir nutzen gemeinsam Daten, aber z.B. nur die Felder a bis d und nur die ersten drei Stellen und nur montags. Und das Ganze kostet Summe x. Genau diese Nutzungsrechte für Daten sicherzustellen, ist unsere Intention. So können Unternehmen in ganz anderer Weise an Daten partizipieren, als das heute möglich ist. Es wird künftig auch Standardschnittstellen zu den großen Cloud-Lösungen geben. Wir wollen Standards, Schnittstellen und ein neues Level von Vertrauen schaffen.

Verteilte Daten zu nutzen, ist heute aber auch schon möglich.

So wie es der IDS anbietet, aber noch nicht. Heute habe ich eine End-to-End-Beziehung beim Datenaustausch. Wenn ein Unternehmen in einer Cloud mit einem anderen in einer Cloud Daten austauscht, birgt das Risiken und kostet Aufwand, denn die Firmen müssen mit jedem einzelnen Partner ein klares Datenaustausch-Procedere festgelegt und einen Vertrag geschlossen haben. Alle Firmen, die am IDS teilnehmen, haben sich hingegen auf Spielregeln geeinigt, und die Nutzungsrechte sind geklärt. Beim IDS ist der IDS quasi der Schiedsrichter. Alle akzeptieren die Spielregeln. Es gibt einen Konnektor und damit nur eine Schnittstelle. Wir sorgen außerdem über eine Zertifizierung dafür, dass sich niemand im IDS „aufhält“, der nicht autorisiert ist.

Der IDS kann sowohl von Unternehmen genutzt werden, die ihre Daten verkaufen möchten, als auch von Unternehmen, die Daten suchen, richtig?

Genutzt werden kann der IDS in zwei Stoßrichtungen: Erstens: Ich will etwas Neues finden, kenne also das Unternehmen nicht, mit dem ich Daten austauschen will. Bisher bestand die Möglichkeit, sich Daten über Datenbörsen zu besorgen. Man musste aber mit jedem einzeln verhandeln – über den IDS schaffen wir klare Regeln und Vorlagen dafür und viel mehr Transparenz. Und damit eine niederigere Schwelle, Daten zu teilen. Zweitens: Ich will in einem – durchaus bekannten – Netzwerk sicher und selbstbestimmt Daten austauschen, mit den Spielregeln, die wir als IDS zur Verfügung stellen. Auch in bestehenden Wertschöpfungsbeziehungen bietet der IDS starke Optimierungspotenziale.

In Zusammenhang mit Industrie 4.0 ist oft die Rede davon, dass insbesondere KMUs bei der IT- und Daten-Infrastruktur hinterherhinken. Wie kann der IDS hier helfen?

Der Benefit für KMUs ist, sie haben potenziell Zugang zu allen Daten im IDS – natürlich in Abhängigkeit von den Rechten, die die Firmen für ihre Daten vergeben haben. Die komplette Anbahnungsphase für das KMU fällt weg – denn, wie gesagt, organisatorisch ist alles geklärt.